MiniKrimi vom 16. Dezember

Der heutige Krimi ist eine Gabe von Ina May. Ihre Krimis findet ihr hier: http://www.inamay.de Ina May ist Mitglied der Autorinnenvereinigung und schreibt Krimis, Romane, Kinder- und Jugendliteratur – und Spiele.

 

… und dann bist du tot

Nina war erst vor einigen Wochen wieder in ihre Heimat gezogen, hatte Berlin, die Großstadt mit Vergangenheit hinter sich gelassen, und war an den Ort ihrer eigenen Vergangenheit zurückgekehrt.

Es gibt Straßen, die einem unangenehm sind. Man möchte sie nicht befahren und man hat den besten aller Gründe – den Tod.

Schon die Erinnerung daran tut weh, alles in einem sträubt sich und doch muss man genau diese Verbindung nehmen, weil es irgendwann genug ist, sich selbst zu peinigen. Weil es irgendwann genug sein muss.

Seit damals war sie nicht mehr an der Stelle vorbeigekommen. Nina hätte gerne einfach nur Gas gegeben, die Augen geschlossen, bis sie den Ort des Grauens passiert hatte, aber das zählte jetzt nicht mehr. „Reiß dich zusammen!“

Die Dämmerung verdrängte mühelos einen sonnigen Herbsttag. Die Gegenwart wäre bereits morgen wieder vergessen. Wäre es doch nur auch so einfach, düstere Erinnerungen abzuhaken.

Um ein Haar hätte sie das kleine Licht übersehen und blinzelte verwundert. „Nein!“, flüsterte sie. Angst kroch über ihren Rücken und hinterließ dort eisige Kälte. Sie wurde langsamer, nahm den Fuß vom Gas.

Es konnte ein Mädchen sein, das dort aus dem Wald kam. Ein Mädchen mit seinem blauen Fahrrad… „Hör’ auf, hör’ auf!!!“

Doch es war nur der Schein einer Kerze, die unter einem Holzkreuz stand.

Wer war hier verunglückt, wer war gestorben? Das Kreuz sah so neu aus.

Nina kämpfte mit sich; weiterfahren und nicht mehr dran denken oder aussteigen, nachsehen und heute Nacht ruhig schlafen. Was völliger Blödsinn war, sie war froh, wenn sie keine Alpträume quälten.

Später würde Nina sich wünschen, sie hätte nicht angehalten, doch jetzt warf sie einen Blick in den Rückspiegel und fuhr an die Seite.  Sie würde die Autotür  offen lassen und sie könnte die kleine Taschenlampe mitnehmen, die immer im Handschuhfach lag.

Bevor sie sich auf ein wildes Gerangel mit ihren Gedanken über das Für und Wider einließ, stieg sie aus und setzte ihre Füße entschlossen auf den nachgiebigen Waldboden. Unter ihren Schuhen raschelten Blätter.

Nina knipste die Taschenlampe an. Ihr Blick fing zuerst die schöne Holzarbeit ein, bevor er weiterwanderte. In Gedanken bei Dir, stand da auf dem Querbalken. Es sah aus, als hätte jemand die Buchstaben eingebrannt.

Dann erst schaute sie auf den Namen … und das Todesdatum.

Nina Altenbeck

Geb. 26.3.1980

Gest. 24.09.2014

Nina fiel auf die Knie. Der 24.09. Morgen.

Die Autotür stand noch immer offen, die beruhigende Innenbeleuchtung aber wirkte nicht länger beruhigend. Nina sprang in den Wagen, als müsste sie jeden Augenblick damit rechnen, dass eine Hand sie zurückhielt.

Die Lampe sandte ihren Schein über den Boden und verlor sich irgendwo in der Schwärze des Waldes. Nina hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihr aus der Hand gefallen war.

Sie warf nur einen knappen Blick in den Rückspiegel. Die Türen verriegelten sich automatisch, als sie das Gaspedal durchtrat.

Heiße Tränen sammelten sich in ihren Augen und nahmen ihr die Sicht.

Ihr kam ein Wagen entgegen, Nina sah die Scheinwerfer, sie wusste, sie sollte nicht heulen, sonst wäre sie nicht erst am 24.09. tot, sondern jetzt gleich. – Vielleicht war es nur fair, dachte sie. Das Holzkreuz wartete darauf, das Mädchen mit dem blauen Fahrrad wartete darauf …

Aus dem hellen Mittelstreifen wurden plötzlich zwei und Nina wischte sich über die Augen. Jetzt verschwand der Streifen ganz. Sie war auf die Gegenseite geraten.

Die Lichter eines entgegenkommenden Wagens blendeten sie und im letzten Moment riss Nina das Steuer herum – ein Stück zu weit. Es krachte und sie dachte, dass sie doch erst in vierundzwanzig Stunden sterben sollte.

Der Tod war ein Lügner.

 

„Hallo?“ Die Frage drang dumpf und von weither zu Nina. Ihre Hand versuchte den Vorhang beiseite zu wischen, aber da waren lauter Spinnweben in ihrem Gesicht. Sie schrie panisch auf.

„Ganz ruhig, nur dem Auto ist etwas passiert.“

„Ich lebe“, sagte Nina. Na klar, sie wäre ja erst im Laufe des morgigen Tages an der Reihe. Fast hätte sie gelacht.

„Ein Glück“, kam die Bestätigung und Nina schaute in ein freundlich dreinblickendes Männergesicht. „Ich möchte derjenige sein, der dich beim Sterben begleitet.“

Nina glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben.

„Ich habe lange nach dir gesucht. Und dann warst du plötzlich da“, sagte derjenige mit düsterer Erleichterung.

Es war also soweit. Das Bild verfolgte sie seit damals. Das Mädchen mit dem blauen Fahrrad. „Es war ein Unfall“, versuchte sie sich zu verteidigen. „Ich habe sie nicht gesehen. Sie kam vor mir aus dem Waldstück, tauchte plötzlich auf. Es tut mir leid… Bitte…“ Aber Nina wusste, er würde ihr nicht glauben.

„Sie hieß Marie. Du hast meine Tochter dort am Waldrand sterben lassen. Allein.“

Der Tod würde Nina morgen erwarten, sie würde ihn überraschen, denn in ihrem persönlichen Kalender strich sie bereits die Tage ab – der Krebs hätte noch ein bisschen länger gewartet.

Advertisements

Zu allein vorm Haus

Schaukelbaum

Der Himmel weint um dich, Celia. Schau, du kannst die dicken Tropfen sehen. Kannst du nicht. Schau, der Schaukelbaum. Wie ein Käfig der Sitz. Ein goldener Käfig  aus filigranrosa Streben. Nur deine Gedanken flogen hoch hinaus, Celia. Du selbst warst doch festgebunden an diesem Ast.

So allein, Celia. Der Vater im Stall, die Mutter im Garten. Dann kam ich. Hab dich aus deinem Käfig geholt. Warum fliegst du nicht? Mehr.

Der Leuchtturm

17 Uhr. Die Mittagshitze ist einer vorabendlichen Wärme gewichen, die Parkbäume werfen kühlen Schatten vor sich her. Meine Mutter wird unruhig. „Der Hund muss raus“. Eine Feststellung, keine Frage. Sie bewegt sich in systematischer Ziellosigkeit zwischen Bett und Schreibtisch hin und her. Nimmt hier eine Bluse in die Hand, öffnet dort die Handtasche, kramt ohne zu suchen. Schließlich der Griff zum Haarspray, zwei Striche auf die Lippen. Der Gang ins Bad. „Ständig muss ich zur Toilette. Das war nie so.“ Seit Jahren dieser Satz. Dann nimmt sie ihre Handtasche, sucht nach den Taschentüchern darin. Findet sie nicht. „Hast du Taschentücher? Ich habe keine mehr!“ „Doch, Mama, du hast vorhin ein Päckchen eingesteckt“. „Ach ja? Das bildest du dir ein!“ „Ich hol dir ein neues Päckchen.“ „Nein, schau in die Tasche, hier! Da sind sie! ich wollte dich testen!“ Antwortlos gehe ich in die Küche zurück, zu Pasta, Pesto und Salatvorbereitungen. Oben höre ich sie weiterkramen. Jetzt wird auch der Hund unruhig. Bellt. Sie an. Endlich höre ich sie die Treppen hinuntergehen. Feste kleine Schritte, der Hall auf jeder Stufe wie ein tiefer Abdruck im Stein. „Ich gehe.“ Der Hund bellt wie verrückt und tänzelt vor der Tür. Keine Leine. „Hier, Mama.“ „Nein, das ist nicht die Leine.“ „Doch. Schau!“ „Ach ja, aber DIE habe ich nicht gemeint.“ Ciao. Weiterlesen