Adventskalender-MiniKrimi am 21. Dezember

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Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer seinen Fang, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch einem  flüchtigen Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und schon Stunden später bitterlich bereut.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heilig Abend nicht zu mir. Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“

 

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Adventskalender-MiniKrimi am 11. Dezember

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Wehret den Anfängen

„Wie konnte es nur so weit kommen?“ Ernest steht auf dem schneebedeckten Hügel, kaum mehr als eine Armlänge von dem Jungen entfernt. Dunkelheit umhüllt ihn, aber der Junge würde ihn nicht sehen, auch, wenn er direkt neben ihm stünde.

Er hat einen schwarzen Umhang um seine mageren Schultern gehängt, dicht an dicht mit Rabenfedern benäht. Wo er die her hat? Sein rußgeschwärztes Gesicht ist von einer grellroten Maske verdeckt. Seine Füße und Arme sind mit Lederfetzen umwickelt. Kerzengrade reckt er sich in die Winternacht. Sterne am Himmel, ausgestreut wie Diamanten auf einem Tuch. Welche Verschwendung. Die Menschen am Fuß des Hügels haben keinen Blick für die Mittwinterschönheit. Lachend und johlend drängen sie sich um den mannshohen Scheiterhaufen, seine Flammen vertreiben Dunkelheit und Kälte. Bierflaschen klirren, Zigaretten glimmen. Immer wieder stimmt jemand ein Lied an und bricht ab, als niemand mit einstimmt.

Fast kann Ernest den Jungen verstehen. Er war genauso, früher. Voller Verachtung für alles, was auf der Oberfläche des Lebens dahintrieb, ohne jemals zu versuchen, dessen Tiefen auszuloten. Ja, er kennt das Gefühl. Aber er hat sich von ihm doch nie beherrschen lassen, und nie hat er so auf einem Hügel gestanden, ein wütender Rächer ohne Aufgabe.

Jetzt hebt er die Arme, in einer Hand hält er den Bogen, in der anderen den Pfeil. Er legt an, nimmt Witterung auf, ein wildes Tier auf seinem Beutezug. Die Knie fest, nicht durchgedrückt. Der Oberkörper gerade und leicht nach vorne geneigt.  Der Bogenarm durchgedrückt und eingedreht, die Hand um 90° geneigt.

Ernest kann es nicht fassen. Der Junge vor ihm zielt auf die feiernden Menschen dort unten. Auf die Winterwendtänzer am Feuer. Zu seinen Füßen liegen über ein Dutzend Pfeile. Er hat diesen stummen Amoklauf lange geplant.

„Nein!“ ruft Ernest und will auf den Jungen zuspringen. Seinen Arm runterreißen, Den Bogen zerbrechen. Aber er ist angewachsen auf dieser nächtlichen Wiese. Und seine Schreie sind stumm. Und so muss er zusehen, wie dieser Junge, sein Sohn, unschuldige Menschen tötet. Aus Wut? Oder aus Verzweiflung. Ganz sicher aber, weil er, Ernest, als Vater versagt hatte. Ich habe Dich nie gewollt! Ich wusste genau, dass aus Dir nur genau das werden konnte, was Du jetzt bist. Ein…. MÖRDER.

„Ich bin der Vater eines Mörders! NEIN! NEIN! Das darf nicht sein!“ Endlich lösen sich die Schreie aus seiner Brust. Er wirft sich nach vorne.

Und landet auf dem Fußboden. „Sag mal spinnst Du?“ Vera liegt bäuchlings auf dem Bett, funkelt ihn wütend an. „Was tust Du da unten? Du hast wohl keine Lust, mit mir zu schlafen?“ Ich will einen Mörder aufhalten, denkt Ernest. Und die todsichere Methode ist, die Kondome aus der Hosentasche zu holen. Damit es garantiert nie so weit kommt!

 

Ansichtssache. Oder Stilfrage?

alles dreht sich um ein HaarNach diesem Aufschrei kniff ich beide Augen fest zusammen, wie, um kein Schampoo rein zu bekommen. Aber was ich vermeiden wollte war keine Seife, sondern die Realität nach der Sekunde NULL.

Schließlich zwinkerte ich. Erst rechts – auf dem Auge bin ich kurzsichtig. Dann links. OH! Ein kurzer Vollblick in den Spiegel – und ich hechtete zum Telefon. Das steht zum Glück auf der Kommode im Arbeitszimmer nur zwei Meter und eine Ecke entfernt. „Hallo? Silvia“ (Name geändert, Anm. d. Red. 🙂 ), hauchte ich mit letzter Kraft. „Silvia, ich brauche ein Wunder. Und nur SIE können das schaffen.“ Ich weiß nicht, ob meine Friseuse Hellseherin ist (oder sagt man Friseuerin? Haarstylisten erscheint mir für Silvia zu hoch gegriffen –  sie arbeitet allein in ihrem kleinen, violett und weiß und allem Anschein nach selbst gestalteten Studio, riecht ganz ungeniert nach Zigaretten, wäscht sich täglich die Haare, coloriert sie selbst in knallmattschwarz und ist erfrischend down to earth…!). Vielleicht ist sie auch nur lange genug im Geschäft. Jedenfalls fragte sie gelassen – und ich hörte, wie sie dabei genüsslich Rauch herausblies – „wie viel ham’s denn abgeschnittn?“ „Naja, so zehn, fünfzehn Zentimeter…. aber nur an einer Seite…“ „Oha.“ Jetzt klang auch Silvia alarmiert, und ich fühlte mich ungefähr so wie der Patient, dessen Arzt diesen Ausruf beim Betrachten der Lungenradiographie ausstößt. Aber sie hatte sich gleich wieder im Griff (Friseusen oder auch Friseurinnen, egal, haben halt viel Ähnlichkeit mit Doktoren. Sind ja auch welche. Haar- und Seelenpfleger in einem, sogar..). Und sagte: „Moment. Da muss ich meinen ganzen Tagesplan umstellen.“ P a u s e . „Kommen’s inra Stund vorbei. Aber bis dahin NICHTS mehr abschneiden, ok?“

„Ok. Danke“, seufzte ich. Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich die Wartezeit verbracht habe. Auf die Sekunde genau stand ich vor der Haarstudiotür. Daheim hatte ich einen schwarzen Schal um den Kopf gebunden und eine dunkle Brille aufgesetzt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und huschendem Gang überbrückte ich die Meter vom Parkplatz zum Laden. Ein letzter konspirativer Blick über die Schulter. Die Straße war leer. Ich zog den Schal vom Kopf. „Also ich hätts mir schlimmer vorgestellt“, war Silvias lakonischer Kommentar, bevor sie meine Haare mit destilliertem Wasser befeuchtete.

Über die nächste Stunde bewahre ich Stillschweigen. Zwischen Freundinnen gibt es Dinge, die für immer ein Geheimnis bleiben. Eines nur kann ich preisgeben: als ich Silvias Laden verließ, zählte ich sie zum engen Kreis meiner besten Freundinnen. Mit Ira, meiner Kosmetikerin, habe ich davon inzwischen also schon zwei.

Nachtrag: als der Rest meiner Familie sich am Abend um den (wie üblich von mir und einzig und allein von mir) gedeckten und mit italienischen, selbstverständlich selbstgekochten Köstlichkeiten angereicherten Tisch einfand, stürzten sich alle auf das Essen und kauten und schmatzten mehr oder weniger. Auf meine erwartungsvolle Frage: „Und, fällt euch nix auf?“ erntete ich schuldbewusste, kurze Blicke. „Hast du wieder Soja genommen statt Fleisch?“ mutmaßte mein Sohn. „Es ist alles so wie immer – einfach köstlich“, echote meine Mutter ihren eigenen Standardsatz. Die Katze schnurrte. Der Hund bettelte. Ich stand auf, sprintete zum nächsten Spiegel – und beruhigte mich schließlich mit der Erkenntnis, dass ich einfach gut aussehen musste. Sonst wäre es ihnen wahrscheinlich aufgefallen. Oder auch nicht. Das nächste Mal, wenn ich eine krasse Stilveränderung vornehme, werde ich zusätzlich das Essen versalzen. Dann schauen sie mich wenigstens an.

Und morgen gehe ich entweder tanzen oder ins Fitness-Studio. Viellleicht finde ich da noch eine Freundin…..