MiniKrimi vom 22. Dezember

Heute wieder eine Geschichte nach den Clues von Monika. Du machst es mir nicht leicht, meine Liebe….

Schöne Bescherung

Der Weihnachtsmann hatte seinen Sack gut zugeschnürt. Dachte er. Aber für Timo und Ali war es nicht schwer, ihm zu folgen. Denn auf dem frisch gefallenen Schnee, auf dem feuchten, salzglänzenden Asphalt und dem hellen Marmor der Hausflure und Treppen hinterließ er eine feine, funkelnde Spur aus engelshaarfeinem Lametta. Es rieselte aus dem unauffälligen Loch, dass Timo mit seinem Messer in den Sack geschnitten hatte, während Ali einen Zusammenstoß mit dem Mann im dick ausgestopften Kostüm simulierte. Unglaublich, wie fahrlässig die Leute zu Weihnachten wurden. Als raubte ihnen der kindliche Glaube an das Gute, das alle Jahre wieder über sie hereinbrach, jeglichen Sinn für Vernunft. Anders war es nicht zu erklären, dass sie dem Weihnachtsmann ihre teuren Geschenke für Frauen und Kinder, Eltern und Freundinnen anvertrauten, nur, damit alle so tun könnten, als glaubten sie noch immer an Märchen. Stattdessen würden sie in dieser stillen Nacht, in der die reiche Vorstadtwelt wie eine mit Zuckerguss verzierte Tortenlandschaft aussah, ihr blaues Wunder erleben. Von wegen Bescherung. Beziehungsweise würde die ganz anders ausfallen als erwartet.

Timo und seine „Gangstas“ hatten alles genau geplant. Mike war der Spion und hatte ausgekundschaftet, welche Geschenke der Weihnachtsmann wo abliefern würde. Timo und Ali schlichen hinter dem armen Mann her, der sichtlich an der Gabenlast zu schleppen hatte. „Nicht mehr lange, und wir erleichtern dir die Arbeit“, flüsterte Timo, und Ali keckerte sei Lachsack-Lachen. Er hörte gar nicht mehr auf damit. Timo stieß ihn unsanft in die Rippen, denn gerade ertönte Mikes Pfiff. Darauf hatten die beiden Diebe gewartet.

Während der Weihnachtsmann sich mit aller Kraft mühte, mit dem umständlichen Kostüm die Feuerleiter hinauf und dann den Kamin hinabzuklettern, huschte Timo behände hinter ihn und legte ihm die Hand mit einem in Chloroform getränkten Lappen auf Mund und Nase. Mit einem leisen Seufzer, wie ein Luftballon, aus dem das Gas entweicht, ging der gute Mann zu Boden. Das letzte, was er sah, waren zwei Aliens mit schwarzwollenen Gesichtern, aus denen nur die Augen hervorglühten.

„Schnell, her mit dem Sack, und dann nichts wie ab“, befahl Timo. Ali schulterte ächzend den Jutesack. Wahnsinn, wie schwer der war. Kein Wunder, bei all den Uhren, Diamanten, Laptops und Kameras, die da drin steckten und jetzt nur darauf warteten, von Timo und seiner Bande vertickt zu werden.

Die beiden Halbstarken zogen und zerrten den Sack schließlich gemeinsam die Feuerleiter hinunter. Erschöpft ließen sie sich nebeneinander auf den Boden gleiten. Da brauste auch schon der geklaute Buick um die Ecke, mit Mike am Steuer. Auf dem frischen Schnee kam der Wagen in der Kurve ins Schleudern und hätte beinahe den Sack über den Haufen gefahren. „Schnell rein mit euch“, rief Mike. Sie warfen sich auf die Rücksitze, den Weihnachtsmannsack fest zwischen sich. Und dann gings los, in einem halsbrecherischen Tempo quer durch die Stadt bis hinaus zu den Dünen am Strand. Um die Zeit und bei dem Wetter war selbst die Polizei nicht draußen. Keiner verfolgte die jungen Männer. Und eine Stunde später saßen sie im Sand und begutachteten ihre Beute. „Das Zeug ist mindestens eine Million Dollar wert“, sagte Timo. Und Ali pfiff anerkennend durch seine Zahnlücke. „Wir haben echt n super Ding gedreht!“ Schließlich lag nur noch ein kleines, flaches Kästchen im Sack, nicht größer als eine Streichholzschachtel. „Was isn das?“, fragte Mike. „Keine Ahnung“, sagte Timo und dreht das Ding vorsichtig zwischen den Fingern. „Bugatti„, war darauf eingraviert. Und an der einen schmalen Seite, kaum sichtbar, blinkte es rot.

Und dann blinkte es um sie herum, viele Lichter, weiß, rot und blau. Der ganze Strand wimmelte von Polizisten. „Halt, Pfoten hoch, Jungs“, hörten sie, ohne zu verstehen, was plötzlich los war. Auch, als sie beim Verhör saßen, konnten sie sich nicht erklären, wie die Polizei sie gefunden hatte. Ein Sergeant hatte schließlich Mitleid mit den drei Möchtegern-Ganoven. „Das kleine Kästchen ist eine Mini-Alarmanlage. Sie gehört zu dem Bugatti, den Marvin C. seiner Freundin zu Weihnachten schenken wollte. Marvin war selber ein Gangsta, bevor er als Rapper Millionen verdient hat. Deshalb hat er die Alarmanlage scharf gemacht. Sie hat die ganze Zeit Signale gesendet – die kamen aber nicht zu Marvin C.s Haus, sondern entfernten sich immer mehr. Da hat er uns verständigt. Und wir haben Euch gefunden. Schöne Bescherung, Jungs.

„Ich glaub, ich mach im Knast nen Rappel-Kurs“, murmelt Timo zu Ali, als er in U-Haft geführt wird.

Advertisements

MiniKrimi vom 13. Dezember

10846507_376257242536267_7147354969968471996_n

Roter Schnee

So ein schöner Schlitten! Naja, was heißt Schlitten. Mit dem traditionellen Kufengefährt, das im Bergwinter oft die einzige Verbindung zur Außenwelt war und zum Leben jenseits eines einsamen Dorfes, hat dieses Highspeed-Geschöpf rein gar nichts gemein. Weder die Form noch den Zweck. Aber seit er in der Stadt lebt, hat Josef, der sich jetzt Joe nennt, ja auch keine einzige Verbindung mehr zu dem Ort, an dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Zumindest denkt er das.

Aber warum ist er dann so versessen auf’s Rodeln? Auch, wenn er den Sprung ins Profilager nie gemacht hat – bei den Amateur-Rennen ist er immer ganz vorne mit dabei, und an Wagemut kann es kaum einer mit ihm aufnehmen. Ob Speedracer oder Airboard, Joe probiert alles aus.

Als er eine Einladung zum in Rodler-Kreisen legendären und allerhöchstens halb legalen Klausberg-Rennen erhält, ist Joe sofort Feuer und Flamme. Dass er damals beim Verlassen von Steinhaus nicht nur den Eltern das Herz gebrochen und sich seitdem bei keinem im Dorf mehr gemeldet hat, ist für ihn kein Argument. Und er verliert nicht einmal einen Gedanken daran, dass sein Auftauchen nach 10 Jahren für Aufregung sorgen könnte.

Er packt seinen neuen High Tech Highspeed-Rodel ein und fährt ins Tauferer Ahrntal. Joe ist kein Romantiker, aber auf der breit ausgebauten Strecke unterhalb der Sonnenburg spielen ihm die Erinnerung Bilder in den Blick, die er längst vergessen glaubte. „Josef und Kathi“ hat er damals  in die Rinde einer Eiche geritzt, am Fuß der Burgruine. Und „4ever“ dazu. Joe hat keine Ahnung, was Katharina nach seiner Flucht aus Steinhaus gemacht hat. Er hatte keine Adresse hinterlassen, nur einen Zettel, auf dem stand: „Ich muss raus. Mir wird hier alles zu eng.“

Und jetzt kommt er zurück. Für eine Nacht und ein Rodelrennen. Plötzlich ist er froh um die Dunkelheit und besorgt, dass ihn jemand erkennen könnte. Er parkt ein ganzes Stück hinter der Talstation und schultert den Rodel. Damit, dass auch ein inoffizielles nächtliches Rennen Zuschauer anzieht, hat er gerechnet. Damit, dass  jemand vielleicht genau mit ihm rechnen und auf ihn warten könnte, nicht.

Das Rennen beginnt. Joe geht an den Start. Die Nacht ist sternenkalt, der Schnee hart wie Kristall und die Luft bitterklar, so wie damals, im Winter vor zehn Jahren. In der Steilkurve hinter der Mittelstation, dort, wo die Piste als Nadelöhr zwischen mächtigen Tannen hindurchrast, hört er sie rufen: „Josef! Bischt wieder da? Jetzt gehscht nimmer fort!“

Ausgerechnet der zehnjährige rodelvernarrte Seppi findet den Schlitten. Er steht auf dem blitzenden Schneefeld, und seine Alukufen funkeln in der Morgensonne. Den Berg herunter von den Tannen her führt seine Spur, rot auf weiß.

Die Leiche von Josef Unterkammer liegt weiter unten im Bach, ein Messer im Rücken.

Adventskalenderkrimi 2.0. 9. Dezember: Abgefahren.

Ich zögere. Stehe auf. Drücke mir das Sofakissen vor den Bauch. Wie eine schusssichere Weste. Einen Panzer. „Giiisaaa, hey, was los?“ Ich schleiche zum Balkon. Schalte mit einem schnellen Entschluss meine Gedanken ab. Und reagiere aus dem Bauch heraus. Ich öffne die Balkontür, trete zwei Schritte in das schneematschnasse Dunkel. „Ich komme gleich, war nur noch mal kacken“. Ok ich habe die Zeitungswerbung gesehen, damals im Kino. Vielleicht schocke ich ihn damit? Und vor allem keine Verwunderung zeigen! Ich warte auch nicht auf seine Antwort. Schließe die Tür mit, lasse den Hebel fest einrasten. Schlüpfe in Mantel, Mütze, Schal und renne die Treppen runter. Das Flurlicht ist schon wieder kaputt! Meine Finger sind gefühlte zwei Zentimeter von der Haustür entfernt, da geht sie auf. Frau Niederreuther mit Hund, beide grau und betröpfelt. „Nabend“, nuschele ich. „Sie sollten den netten jungen Mann nicht so lange warten lassen. Sonst schnappen wir ihn Ihnen noch weg, gell, Cindy“, sagt die Niederreuther und kichert ihren Hund an. Achsoooo, mein Herz plumpst vom Hals in den Brustkorb zurück. Ich sollte wirklich weniger Krimis anschauen und endlich mal wieder war Gebildetes lesen. Poe vielleicht, oder Schiller. Oder Glauser. „Sorry, dass du so lange warten musstest. Und DANKE, dass du gewartet hast“, hauche ich vielleicht einen Tick zu sanft. „Ist schon ok, das macht dich sehr weiblich“, grinst er. „Aber jetzt hab ich mir nen Glühwein verdient, oder?“ „Mindestens“, antworte ich und hake mich mutig bei ihm. „Wenn du willst, können wir auch mit meinem Auto fahren“, sagt Franck. Mit einer betont beiläufigen Handbewegung zielt er auf die Reihe parkender Autos an der Pappelallee. Ein Blinken antwortet. „Wow, DAS ist DEIN Auto?“ entfährt es mir, als wir uns dem nagelneuen, silberleuchtenden 911er nähern. „Mann gönnt sich ja sonst nichts“, kontert Franck und ich höre den Stolz in seiner Stimme schwingen. „Bis heute“, setzt er leise hinzu. Aber ich hab’s trotzdem gehört.

Frau ohne Gefühle II

Er ist eher zufällig dahinter gekommen. Eigentlich liest er keine Liebesromane. Krimis schon. Aber nur solche, deren Seitenstatistik 80% Stunts, 10% Blut, 5% Technik und maximal 5% Sätze, alle von einer Länge unter einer Zeile, aufweist. Doch im Wintersportort seiner Wahl regnete es, der Schnee führte nurmehr ein graues Schattendasein an Straßenkreuzungen, und am Hang verloren die Schneekanonen ihren aussichtlosen Kampf gegen die Plusgrade auf nebeligem Terrain.

Die Hotelschwimmbäder waren überchlort und hallten wider vom Geschrei unausgelasteter Kinder. Die Wellness-Oasen hatten sich in Dampfkessel verwandelt, in denen zum Leben erwachte Botero-Figuren wie unreife Gänse der maximalen Garzeit entgegenschnatterten. Die Barhocker waren von in Whiskey eingelegten Gockeln belagert, und wie es in den Konditoreien aussah, wusste er nicht, weil er keine Torten mochte.

Mehr aus Verzweiflung als aus Interesse hatte er die verstaubte Tür aufgestoßen, beim Eintreten hatte die kalte Luft ein müdes Glockenspiel bewegt. Im halbdunklen Innern lungerten auf staubigen Regalen Berge von verstaubten Büchern der Dämmerung entgegen. Kein Buchhändler war zu sehen, keine ungeduldige Verkäuferin. Also blätterte er  sich verstohlen ungestört durch die literarischen Welten. Lustlos und stehend, zunächst. Dann zog er sich einen Elefantenfuß heran, auf dem eine dicke Staubschicht Zeugnis davon ablegte, dass sich in dem renommierten Ort schon lange niemand mehr für die Bücher in den oberen Regalreihen interessierte. Er hob den Blick. Dann den Kopf. Während auf den Tischen Kochbücher, Skiwanderführer und Bildbände der schönsten Alpenpanoramen um die Gunst seiner Aufmerksamkeit buhlten, drehten ihm die gebundenen Exemplare dort oben kühl den Rücken zu. Er bestieg den Elefantenfuß. Aber er schon der Blick von dieser leicht erhöhten Warte verursachte ihm Schwindel, und so griff er nach dem erstbesten Einband und rettete sich auf den sicheren Boden. Erstaunt las er den in kitschigem Gold aufgeprägten Titel: ….

Vorweihnachtslustfrust!

Mal was ganz anderes zwischendurch. Der Krimi kommt später, ist janoch früh am Morgen. Obwohl – am letzten verkaufsoffenen Adventssamstag kann es eigentlich nie zu früh sein, sondern immer zu spät. Schon um sieben hat mich Bayern 5 geweckt mit dem Mahnhinweis, wo ich noch „Last Minute“-Weihnachtseinkäufe machen könne. In Bamberg, nämlich. Leider liegt das gefühlte 200 Lichtjahre von hier entfernt. Und wir sind ja praktisch eingeschneit. Allein bei dem Gedanken daran, dass ich mich mit dem Auto in die Münchner Innenstadt begeben und versuchen soll, eine von den durch Schneehaufen nochmal reduzierten, ohnehin megaknappen Parklücken zu ergattern, wird mir schwarz vor Augen. Und  das trotz des freundlich hereinlachenden Sonnenscheins!

Kaum zu glauben. Die Schneeflocken haben sich zu Eiskristallen auf dem Garten entpuppt. Der Himmel ist wunderschön helltürkis. Die Dächer haben weiße Ringelpullis an und aus den Schornsteinen kringelt sich Friedenspfeifenrauch. An solch einem Tag WILL ich KEINE Weihnachtseinkäufe machen müssen. Nicht zu Fuß, nicht in überfüllten, knobi- und glühweingeschwängerten ÖPNV-Mitteln, nicht im Auto. Und bitteschön auch nicht im Internet, wo ich eine unendliche Datenspur hinterlasse, die nur darauf wartet, von fishing-Trailern aufgenommen zu werden.

Was will ich, heute? Mit meinem alten weißen Hund spazieren gehen. Mit meinem Sohn eine Schneeballschlacht machen. Plätzchen backen und dabei Punsch schlürfen, danach. In ein Konzert gehen! DAS ist Weihnachtsvorfreude. Und all das soll ich erst NACH Weihnachten wieder dürfen? Ja wo samma denn?

Weihnachten wird überbewertet. Beschließe ich. Weihnachten ist einfach die Erinnerung an ein zentrales christliches Ereignis. Das feiere ich gerne. Aber den ganzen Glitzerschotter drumrum will ich nicht! Schluss damit!

Das Telefon klingelt. Mein Sohn. Er fährt jetzt los und holt mich in einer halben Stunde ab, um die Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Er WILL sich mit der Parkplatzsuche plagen. Wofür hat er seit einem Monat den Führerschein? Und ich?

Schaue nochmal aus dem Fenster. Seufze in die Sonne. Und schreibe ergeben meine Einkaufsliste…… WÄÄHHHHHH!

SMS-Adventskrimi. 15.Dezember:Eingeschneit!

Es schneit. Seit Stunden rieseln Kristalle leise, sanft und unaufhaltsam aus dem Wolkengrau. Horizont und Himmel sind zu einer blassen Wand verschmolzen, die hohen Gartentannen tragen dicke Pelze aus kaltem Weiß. Sie schaut aus dem Fenster. Die Welt hat ihre Farben verloren. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, stanzt eine rote Bommelmütze aus dem Einheitsschnee,  der ihren Blick erfüllt. Erst halb fünf. Und kein Mensch ist unterwegs. Eingeschneit. Sie ist allein.

Das Haus ist mäuschenstill. Es hält den Winteratem an, als wäre jeder Ton schon ein Verlust an Wärme. Kein Kinderlachen. Tom bleibt in der Stadt. Die Zwillinge bei Oma. Sie trällert, um die Leere zu zerschneiden. Vertraute Winkel werfen unheimliche Schatten.  Eingeschneit. Sie bleibt allein.

Die Stille flüstert. Knarrt. Etwas fällt um. Im Keller. Sie schaut hinaus. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, sickert in leeren Schnee auf frische Spuren Richtung Haus. Sie greift zum Telefon. Kein Ton. Eingeschneit. Nicht mehr allein……..

 

Der SMS-Krimi-Adventskalender. 3. Dezember: Komm!

„Brrr…………kalt!“

„Ich kenn ne Abkürzung.“

„Wie schön, der Winterwald. Ein Meer aus Puderzucker mit ganz vielen Schokoladenbäumen drin.“

„Komm. Es wird Nacht.“

„Abendrot! Da gehts lang!“

„Nein. Komm.“

„Ohhh….der See…“

„Gefroren. Komm….komm… komm!!!“