AdventsKalender MiniKrimi vom 5. Dezember 2016

Morgen, Kinder, wird’s was geben….

Im Zuge der Rationalisierung hat die Post ihre Annahmestellen ausgelagert. In Supermärkte oder Tankstellen, zum Beispiel. Das Personal dort ist vielleicht nicht so geschult wie die Postbeamten hinter den gelben Schaltern, aber dafür in der Regel freundlicher. Die junge Frau, die am späten Nachmittag die Postfiliale in der Allguth-Tankstelle betritt, ist sichtlich überfordert, verschwitzt und ungekämmt. Sie schaut sich suchend um, dabei schiebt sie die dichten Haarsträhnen zur Seite, die ihr immer wieder ins Gesicht fallen. Vor ihr stehen zwei Männer und eine Frau in der Schlange. Wollen Pakete von Amazon und Zalando zurückgeben. Sie könnte schreien vor Glück. Hilflos zuckt sie die Achseln und reiht sich ein. Da taucht neben dem Mitarbeiter, der für die Nachmittagsschicht am Schalter abgestellt worden ist, eine Blondine auf. Mittelblond, mittelalt und nur mittelgut geübt im Posthandwerk, soll sie ganz offensichtlich eingearbeitet werden. Die junge Frau strahlt sie aus unschuldig blauen Augen an. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen, einen passenden Karton hierfür zu finden? Sonst halte ich den ganzen Betrieb auf, wenn ich dran bin….“. Und sie hält etwas in die Höhe, was aussieht wie ein sehr grober, überdimensionierter Strumpf. „Mein Sohn ist im Schullandheim, wissen Sie. Aber er wartet ganz bestimmt auf seinen Nikolaus.“ Die Blonde lächelt, sie hat vielleicht auch ein Kind. Schließlich finden sie einen geeigneten Karton. „Ist zwar für Flaschen, aber wenn wir den Strumpf etwas anpassen….“ „Ich mach schon“, sagt die junge Mutter. „Sind ja nur weiche Sache drin, außer dem Apfel.“ Sie drückt und quetscht, und in der Tat lässt sich der Inhalt gut genug verformen, um in die Verpackung zu passen. „Nur ein paar Tüten mit Mandeln“. Am Ende bleibt der Apfel draußen.

Schließlich ist alles verpackt, die Adresse des Schullandheims ist ein Briefkasten an einer oberbayerischen Straßenkreuzung. Die junge Mutter zerfließt fast vor Dankbarkeit. „Hier, nehmen Sie doch den Apfel“, sagt sie. Die Blonde freut sich über ihre gute Tat. Sie hat eine Mutter glücklich gemacht.

Und ihren Partner, der das reine Kokain am Nikolausmorgen aus dem Briefkasten an der oberbayerischen Straßenkreuzung fischt.  Spurlos verschwunden aus der Asservatenkammer am Münchner Flughafen. „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weihnachten ausgebrannt?

Es ist nicht mehr als eine Randnotiz auf Google News, rechte Spalte: Weltmeister Kabashi tot. Weltmeister? Ich denke an Schach, aber der Name klingt eher albanisch als russisch. Gewichtdopen, ehm, -heben, eher? Nein. Thaiboxen, entnehme ich der Meldung. 35, tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden. Angesichts der Tatsache, dass auch Christa Wolf keine ganze Seite bekam und nur ein paar Wenigminuten in den öffentlichen TV-Nachrichten (bei den Privaten hast du ohne Doppelvorname keine Chance auf Erwähnung, gell, Gina-Lisa), hat er es doch auf einen  gewissen Zeilenwert gebracht, nach seinem Ableben. Kein Vergleicht natürlich mit anderen Größen aus Sport und Unterhaltung. Vom Torwart über diverse Sänger und Sängerinnen. Aber er war ja auch älter. Nicht so alt zwar wie Joe Frazier, aber zu alt, um ein Recht zu haben, sich melancholisch zu Tode zu dopen – und sich dadurch einen Namen in der Hall of Fame zu sichern. Früher Tod muss keine Gnade sein.

Wir sterben  – hoffentlich nicht vor Weihnachten an Überdosen. Aber wir kranken daran. Immer mehr immer öfter. Anrufe wie „Du, ich schaff den Auftrag vor Weihnachten nicht mehr, in habe Burn Out“, sind an der Tagesordnung. Ebenso wie die Absagefloskel „Sorry komme nicht zur Weihnachtsfeier, bin ausgebrannt.“ Soll ja schon bei manchen Handys als Textvorlage angeboten werden. Ja. Wir brennen mit den Adventskerzen um die Wette. Rennen hierher und dorthin. Verrennen uns. Wollen es jedem und allen recht und schön und gemütlich machen. Geld haben wir scheinbar (!) genug. Leider aber keine Zeit. Ich mache da keine Ausnahme. Oder! Doch! Jetzt gerade nämlich müsstesollte ich einen Artikel schreiben. Meine Rechnungen ausdrucken. Drei wichtige Telefonate führen. Staubsaugen. Reifenwechsel terminieren.

Stattdessen sitze ich am Mac und  – sinniere. Nehme mir die Freiheit, Zeit zu haben, ohne sie zu besitzen. Und jetzt kommt das Beste: ich verschenke sie. Euch, liebe Leser! Freut euch, ihr Christen und Nichtchristen und genießt die drei Minuten hier auf meinem Blog. Entspannt. Denkt nach, kritisiert, lacht oder ärgert euch. Egal. Für drei Minuten habe ich euer Hamsterrad angehalten. Wenn das kein Nikolausgeschenk ist!

Der SMS-Adventskrimi. 6. Dezember: Eingesackt.

„Wie süß! Der Chef schickt uns nen Nikolaus in den Laden! Hallo, lieber Nikolaus!“

Behäbig schiebt sich der dicke Mann in den Juwelierladen, die Glöckchen an seinem Stab bimmeln mit der Tür um die Wette.

„Hohoho….wart ihr auch alle brav?“

„Klar doch, wir haben heute ganz besonders viel Umsatz gemacht. Muss ja was rein in die Socken der Liebsten.“

„Schön schön schön. Dann macht mal schnell die Kasse auf – und rein in den Sack mit den Moneten. Und die ganzen Klunker hier noch dazu.“

Der Nikolaus leert seinen Sack auf den Boden – heraus purzeln Nüsse und Äpfel – und verleiht seinen Worten mit einer Beretta 92 FS Nachdruck.

„Haltet den Dieb! Stoppt den Nikolaus!“ Doch keiner nimmt die Rufe ernst. Am wenigstens die zwei, drei Dutzend Nikoläuse, die sich, schwer bepackt, auf der Fußgängerzone tummeln.