Ostern ichpunktnull

FreCruxiheit durch Hingabe. Die Botschaft von Ostern, sagte der Prediger im Festgottesdienst. „Halleluja“ händelte der Chor. Dann ich ging ich nach Hause. Frei. Und hingegeben. Meine Mutter wartete schon auf ihr Frühstück. Frohe Ostern wünschte ich ihr. Ostern, du weißt doch…. „Natürlich weiß ich. Ich weiß das viel länger als du!“ Sagt meine Mutter und knabbert an ihrem Toastbrot. Mäusebisse mit Mäusezähnen, die langsam schwarz werden, weil die Zahn- eine Haarbürste ist und die Zahnpaste Schuhcreme, für sie.

Stück für Stück gebe ich mich hin. Jahr für Jahr. Erst ein kleines. Morgens auf dem Tablett mit Kaffee und Toast. Dann noch eins, auf der Hunderunde. Trippeln statt laufen, mit sich wöchentlich verringerndem Radius. Schließlich am Tag, wachend über Schritte, die immer unsteter werden und schattenhafter. Und nachts, denn auch meine Träume gebe ich denkend hin.

Dabei erfahre ich täglich, dass es kein Maß gibt für die Art und Weise, wie ein Mensch sich verliert, keine Maßeinheit und keinen Rhythmus. „Geben Sie sich keinen Illusionen hin“, sagt der Neurologe. „Manchmal wird Ihre Mutter Dinge sagen, die Ihnen richtig und verständig vorkommen. Aber das sind reine Glückstreffer.“ Nein, sind es nicht. Wenn Sie durch das Autodach in den Abendhimmel schaut und mich auf die Schönheit der Wolkenfärbung hinweist, taucht sie tatsächlich auf aus dem Nebel, in dem sie wandern mag. Wenn ich ihr die Zahnbürste in die Hand gebe und sie damit ins Bad geht, Wasser laufen lässt, den Mund spült und gurgelt, dann habe ich ein Stück Erinnerung aus dem Nebel gezogen. Wenn ich „die Gedanken sind frei“ singe, im Refrain, immer wieder, und sie nach Minuten sagt: “ Gedankenfreiheit ist ein wichtiges Gut, und wir müssen darauf achten, dass wir es behalten, denn es gibt Länder, in denen das nicht so ist“, dann hat sie für einen Moment nicht nur ihre Beobachtungsgabe wieder gefunden, sondern auch ein kleines Stück ihrer Würde. So gut Pflegeheime sein mögen, diese winzigen, ganz persönlichen Dämme gegen das Vergessen können nur wir zu Hause bauen. Im Bewusstsein dessen, dass die Krankheit sie wieder einreißen wird. Dennoch.

Also ja. Freiheit durch Hingabe. Aber wie lange? Und: wann kann ich nehmen? Von wem?

Ich weiß ja nicht, wie es anderen pflegenden Angehörigen geht. Für mich ist Hingabe eine Aufgabe, hingeben jedoch bedeutet nicht aufgeben. Weshalb ich mich auch mir selbst hingeben muss, wenn ich frei sein und bleiben will.

Meine Hingabe. Meine Freiheit. Kann nur einen Inhalt haben: Schreiben. Das. Was. Wann? Immer dann.

Wenn ich zur Mutter werde für die Frau, deren Tochter ich bin. Wenn ich Entscheidungen treffe, die ein anderes Leben betreffen. Wenn ich auf Tagen balanciere zwischen Computer und Windeln, Haushalt und Terminen. An Abenden gegen Müdigkeit kämpfe wie Don Quichote. Ich kann und ich will und ich muss. Und ich werde. Um meines eigenen, kleinen, großen Ostern willen…..

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Auszug aus Arabien

„Der Krieg dauerte sieben Jahre, kostete 4400 US-Soldaten das Leben und den amerikanischen Steuerzahler eine Billion Dollar: Jetzt hat die US-Armee ihre Kampftruppen aus dem Irak abgezogen“ – so titelt der Stern heute zum Abzug der letzten US-amerikanischen Kampfeinheit aus dem Irak.

Drei Fragen stellen sich mir beim Lesen: 1. Ist es präzise, das, was da heute zu Ende geht, als „Krieg“ zu bezeichnen? 2. Wie hoch waren die Verluste auf Seiten der anderen Kampfbeteiligten? und schließlich: 3. Wenn jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt: was beginnt ab heute? Im Irak? Oder auf den Kriegsschauplätzen, auf die sich die Auseinandersetzung verstärkt verlagern wird? Weiterlesen

Abgelegt.

Der Unterschied zwischen einem lebenden und einem toten Wesen ist der größte Gegensatz, den wir Menschen uns vorstellen können, sobald wir ihn einmal, zum ersten Mal, erlebt haben. Ein toter Körper ist wie ein ausgezogenes Kleid. Liegt auf dem Bett wie eine abgeworfene Insektenhülle. Eckig und mit tödlicher Schärfe gezeichnet. Ohne die Weichheit, die lebendige Bewegung ihm eingibt. Bewegung, die klingt. Auf eine ganz eigene, sehr persönliche Weise. Ist dieser Klang verweht, schneidet die Stille tief in den Raum. Kälte fließt aus dem abgeworfenen Mantel, aus atmender Haut wird eisiges Wachs. Weiterlesen

Eben. Noch.

Eben noch die Hand gedrückt. Weiße Kälte.

Eben noch ein Licht gesehen. Gebrochenes Auge.

Eben noch gelächelt. Erstarrte Falte.

Eben noch Erinnerungen Meinungen Befürchtungen Ermahnungen und Wünsche. Jetzt Gewissheit. Oder nichts.

Fülle. Leere. Liebe. Leere. Tränen. Leere.

Weisheit Wildheit Dummheit Zorn. Güte Ahnung Trost Bewegung. Halt.

Leben. Tod.


Vivamus, Lesbia!

„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“..  soll Martin Luther gesagt haben. Vor meinem Fenster schwelgt der Walnussbaum in zögerndzartem Grün. Wie noch nicht ganz entfaltete Flügel zittern die fedrigen Blätter in ihrem ersten Wind. Schattige Sonne leckt an den glänzenden Ästen, die sich stolz aus dem Winterschlaf strecken.

Wenn die Natur ihre Frühlingsaugen aufschlägt, mag keiner an das Ende denken. Nicht das des Sommers -auch wenn die Tage im Juni schon wieder rückwärts laufen; nicht das des Wohlstands – lass doch die Griechen hinter Griechen kriechen und die Banken samt der Börsen gleich hinterher; nicht das der Welt – auch das Mississipidelta ist von den Titelseiten in die Innenteile der Nachrichtenmagazine geglitten,  wie geschmiert; und schon gar nicht an das eigene Ende. Nein. Daran mag wirklich gar keiner denken. Gut oder schlecht? Unbesonnen oder weise? Weiterlesen