SMS-Adventskrimi. 21. Dezember: Ausgebremst.

„So, Onkel Franz, jetzt steig ein. Du wirst seh’n, das Hotel wird dir gut gefallen. Lauter nette Leute in deinem Alter..“ „Ich weiß nicht, Kai. Das ist sehr nett von dir, dass du dich so für mich engagierst. Aber ich bin doch nur etwas geschwächt durch die Grippe. Ich kann das Haus nicht so lange allein lassen…“ „Mach dir keine Sorgen, Onkel Franz. Ich kümmere mich um alles. Glaub mir. Für dich mach ich das gerne. So, Achtung, anschnallen! Ich steig auch gleich ein, muss nur noch kurz telefonieren.“

„Hallo? Professor Linke? Hier Falkenberg. Ich komme jetzt mit meinem Onkel. Ist völlig durcheinander, der Ärmste. Glaubt, Ihre Klinik sei ein Hotel. Vorsicht, in dem Zustand ist er gewalttätig. Aber Sie haben ja genug Haldol…. hahaha.  Nein, nein, ich hab die Betreuung schon beantragt. Die Bezahlung regele ich, sobald ich die Vollmachten habe…“ „So, Onkelchen. Ab in die neue Heimat.“

„Wie – neue Heimat? Kai? Was hast du vor?“ „Nichts, nichts, Onkel. Hab nur laut gedacht.“ „Kai? ….. Ach Kai, entschuldige, ich bin so durcheinander. Ich glaube, ich habe aus Versehen die Wertpapiere mitgenommen. Die können auch hierbleiben. Nimm sie doch bitte an dich. Sie liegen im Koffer…“

Behend springt Kai aus dem auf der abschüssigen Straße geparkten Auto, öffnet den Kofferraum und sucht nach den Papieren. Da löst sich wie von selbst die Handbremse. Kai hat keine Chance.

Krankheit ist Lösung. Lösung ist heiter.

Von der Autobahn geht es mitten hinein in die Filmkulissenlandschaft einer heilen Welt. Grüne Bergrücken, vor denen sich adrette Alpenhäuser an weiß blühende Apfelbäume schmiegen. Satte Weiden, buntes Fleckvieh, Raps so weit das Auge reicht. Am Talrand ragen weißbekränzte Gipfel in den Schlagrahmhimmel. Am Friedhof entlang und dann hinter dem Heuschober rechts über die Brücke. Das Haus des Bergdoktors entspricht allerdings schon auf den ersten Blick nicht der Filmvorstellungs-Vorlage. Ein Jahrhunderte alter Guts- und Gasthof, der Generationen von Reisenden und Wanderern als Rast- und Ruhepunkt gedient haben mag, Tulpen wiegen sich im Rasenwind, auf dem Pflaster des Parkplatzes stehen  große Wagen.

Biedermeier-Eleganz in Weiß und Blau empfängt den Gast. Flausch schluckt die Schritte, und der Duft nach frisch gewaschener Wäsche weht durchs Treppenhaus. Ein Rollstuhl lehnt an der Aufzugwand. Der Unterschied zu einem Romantikhotel liegt in der Abwesenheit gedämpfter Lounge-Musik. Und in der stillen Heiterkeit, die unaufgesetzt den Raum durchschwingt. Weiterlesen