Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?

Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.

 

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Auf geht’s.

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Die Lehre  aus der Leere ziehen. Das versuche ich.

Schließlich bin ich nicht eine von diesen Mütter, die, schürzenbewehrt, ihre Kinder mit Mahlzeiten, Wollpullovern und Staublappen bis hinters Abitur begleiten.

Wie muss es jenen gehen, wenn die Tür ins Schloss fällt und der Wagen, vollgeladen mit den Zutaten für den ersten Hausstand und ein weißes, frisches eigenes Leben, um die Kurve biegt?

Genau wie sie bleibe ich zurück mit dem Ballast aus Kindheit, Schulzeit, Reifejahren. Tonnen, die es abzutragen gilt, emotionaler Sondermüll, zum Teil.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – der Klassiker für Lebensabschnittstarter, vorzugsweise auf der Schwelle des zweiten Jahrzehnts. Nach einem halben Jahrhundert – ja! – weiß ich um die Vielfarbigkeit der Magie, und was dem einen weiß ist, kann den anderen zum Fluch sich wenden.

Nein! Ich verzweifle natürlich nicht. Sondern gehe ganz bewusst hinein in diesen Schattenweg, lote alle Facetten einer neuen Dunkelheit neugierig aus. Und erkenne sehr bald die Duplizität des Mutterleides. Ja, das Kind ist auf den Weg gebracht und der führt von Zuhause fort. Und immer wieder auch zurück, in unserem Fall zumindest, darüber bin ich froh und dafür dankbar. Aber in unserem Familienbuch wird nicht nur eine Seite umgeschlagen. Die gemeinsamen Kapitel sind zu Ende. Jede und jeder schreibt seine Geschichte nun vor allem alleine weiter.

Aus der nahen Mutter wird eine Begleiterin in Gedanken. Das nächste Kind, mit dem ich hier gemeinsam lachen werde, wird ein Enkel sein. Das macht mich alt. Und endlich.

Vielleicht ist das der tiefgeheime Kern des Elternschmerzes. Gut, dass ich das jetzt erkannt habe. Denn in dem gespürten Wissen um meine Endlichkeit darf ich nicht länger zögern. Auf geht’s, Marie. Pack deine Sachen…. an. Und schreibe! Kapitel um Kapitel, Buch um Buch.

Jetzt. Ja. Und ach – wenn du dich umdrehst, siehst du, und zwar ganz sicher, dein erwachsenes Kind dir aus der Ferne, auch mal Nähe, folgen. Auf gleicher Höhe. Ist das schön?!

Zusammenleben leben

Baum mit Zeichen

Baum mit ZeichenIch kann deine Schritte nicht mehr hören

ohne Rhythmus schlagen sie den Boden

schleppen deine Tritte immer hinter mir.

Ich kann deine Lippen nicht mehr sehen

fablos ausgefranste

faltig schmale Striche, festgenäht im Widerspruch.

Ich kann deine Härte nicht mehr spüren

Jedes klingenspitze Wort

dringt sinnentleert am Kopf vorbei ins Herz.

Ich will dich schmatzen sehen, wangenweinrot die Vergangenheit im neuen Licht erfindend.

Ich will – dass du mich nocheinmal anschaust, so, als wäre ich dein Kind.

Bevor ich deine Schritte nie mehr hören werde.

Mir stehen die Haare zu Berge!

Nein stimmt nicht. Mehr. Aber gestern! Ich züchte mit Liebe und Jahresausdauer jeden Zentimeter, im Hinterkopf die Befürchtung, dass ich meine Haare nie wieder so lang tragen werde wie jetzt. Als Kind lief ich mal einer blonden Frau hinterher, deren Mähne sich bis auf den Po herunterlockte. So schöne Haare, dachte ich. Und lief schneller und schneller, bis ich sie überholt hatte. Dann drehte ich mich um und tat, als hätte ich etwas verloren. Ich war ja gut erzogen, wollte aber trotzdem sehen, zu welchem Gesicht die Prachtfrisur gehörte. Die Dame war weit über sechzig, mindestens. Und ich war geschockt. Diese Erinnerung trage ich mit mir rum. Und deshalb bleiben mir nur noch wenige Jahrzehnte, bis Rapunzels alte Zöpfe weg müssen.  Beinahe wäre es aber bereits gestern um meine Locken geschehen. Gewesen. Seit Wochen beäugte ich eine Strähne auf der linken Kopfseite, vorne neben dem Pony. Stumpf und widerspenstig streckte sie sich allen Lotionen, Pflegeölen und Feuchtigkeitskuren zum Trotz wie ein explodiertes Kabel in alle Richtungen außer der, in die ich sie legen wollte.

Gestresst von der bereits hinreichend beschriebenen Haut- und Nabelschau gab mir der Anblick dieser Strähne dann den Rest. Mit Mord als beherrschendem Gedanken ging ich, ganz ruhig, an meinen Sekretär. Holte aus der unteren mittleren Schublade die Papierschere und stellte mich vor den Badezimmerspiegel.  Eiskalt musterte ich mein Gesicht, als sähe ich es zum letzten Mal.

Ich brachte die Schere in Angriffsstellung. Sah mir todesmutig ins Auge. Wie ein Film liefen Szenen aus meiner Vergangenheit an mir vorüber. Ich mit  sechs und schulterlangen Haaren. Ich mit sieben und Bubikopf. Ich mit neunzehn und Spliss. Ich mit zwanzig und Pudelwelle. Ich mit dreißig und Bob. Ich blinzelte eine Träne in die Wimpern. Und schnitt…….. AHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!