Der Adventskalender-MiniKrimi vom 1. Dezember 2017

ChiarascuroAuf den Hund gekommen.

„Naaa, was hattet Ihr heute in eurem Adventkalender? Ich hatte einen XXL Schokoriegel hinterm ersten Türchen. Von meiner süßen Kollegin. Jetzt frag ich mich, was wollte sie mir damit sagen? Uuund was war Eure Überraschung? Ruft an und erzählt es uns!“

Alle wissen, dass Du schwul bist, und Deine KollegIN wollte Dir damit garantiert nichts sagen. Du nervst, denkt sie. Aber natürlich ist der Radiomoderator völlig unschuldig an ihrer schlechten Laune.

Schuld ist das „A“-Wort. A wie Adventskalender. Ihren Arbeitskolleginnen hat sie 24 Teebeutel in die Küche gestellt. Ihren Eltern einen Schokokalender für Pärchen geschickt. Beinahe hätte sie auch noch ihren Hund beschenkt! Aber das hat Pollux nicht verdient! Wie er den neuen Nachbarn angefallen hat, im Hausflur. Diese Panik im Blick! So wunderschöne dunkle Augen. Sie ist ist seit 2 Jahren Single und durchaus empfänglich für die Schwingungen eines reizvollen Mannes. Aber nach Pollux Attacke braucht sie sich da wohl keine Hoffnungen mehr zu machen.

„Ich… ich …. hasse Hunde, und Hunde hassen mich,,;“, hat er gestammelt, während Pollux zähnfletschend versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien.

Das war vor drei Wochen. Inzwischen ist sie ihm noch ein paarmal begegnet, im Flur. Nur halb zufällig. Pollux hat sie in der Wohnung gelassen, wenn sie gehört hat, dass er sich zum Weggehen anschickte. Die Wände hier sind sowas von dünn. Und immer hat er sie angeschaut mit diesen wunderschönen dunklen Augen. Mit einem Blick, der durch sie hindurchzugehen schien, durch sie und durch ihre Wohnungstür, hinter der  sie Pollux knurren hörten.

Aus der Nachbarwohnung kommen wieder seine typischen Weggeh-Geräusche. Schranktürknarren, Dielenbodenknacken, Schlüsselklirren. Mit geübten Bewegungen schiebt sie den knurrenden Pollux – sein Gehör ist exzellent. sein Geruchssinn auch – ins Wohnzimmer, wirft sich einen dicken Pulli über, schnappt sich den Papierkorb, den sie als Alibi griffbereit im Flur abgestellt hat. Und tritt zeitgleich mit dem Nachbarn aus der Wohnung.

„Ach hallo, so ein Zufall.“ Sie strahlt ihn an. Und da geschieht es, das Wunder des 1. Dezembers. „Hallo auch“; antwortet er. „ja, so ein Zufall. Aber das trifft sich gut. Ich wollte mich entschuldigen. Bei Ihnen. Und bei Ihrem …. Hund.“ „Pollux?“ „Ja genau. Er kann ja nichts dafür, dass ich Angst vor ihm habe. Also. Tut mir leid.“ Und damit drückt er ihr ein flaches, rechteckiges Paket in die Hand, dreht sich abrupt um und geht zum Fahrstuhl. Ihr erstauntes „Danke“ erreicht ihn schon nicht mehr.

Sie steht ein paar Minuten im Flur, mit dem Rücken zur Wohnungstür. „Ich habe einen Adventskaleder bekommen. ICH habe einen Adventsalender bekommen. ICH. Auch.“ Mit einer Hand greift sie nach dem Telefon, mit der anderen öffnet sie ungeduldig das erste Türchen. Stopft sich den kleinen harten Keks in den Mund. Schmeckt der komisch, denkt sie und schluckt schnell runter. Und schaut zum ersten Mal genauer hin. „Hundehimmel. Der Leckerli-Kalender für unsere Vierbeiner“. Sorry, Pollux, sagt sie und bückt sich zu dem Labrador. Der schnüffelt und wendet sich schnell von ihr ab. Beleidigte Leberwurst, denkt sie.

Während sie drauf wartet, in die Radiomorgenshow durchgestellt zu werden, fängt die Welt um sie herum an, sich zu drehen. Ihr Magen brennt, und das Feuer steigt lodernd in ihren Hals, nimmt ihr die Luft. Und sie versteht. „Halloooo, Sascha hier, du bist live auf Sendung. Was hattest du in deinem Adventskalender, heute?“

„Pollux! Er wollte ihn vergiften. Er hasst….. Hunde,“ flüstert sie. Zu leise, um gehört zu werden.

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AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 15. Dezember

felicia

Tief unter dem Fell/ II.

„Es muss sein“, sagten sie. „Hier könnt ihr nicht bleiben. Hier will man euch nicht. Ihr fühlt Euch hier wie zu Hause, aber das ist keine Heimat für Euch. Ihr müsst gehen. Wir sind zu wenige, und ihr seid zu viele. Wir können Euch nicht auf Dauer beschützen.“ Eine Frau, eine Unbekannte, packte meine Sachen, legte mich in eine Tragetasche und nahm mich mit. Fort von der Finca und allem, was mir vertraut war. Die Reise war lang, erst auf der Straße und dann durch die Wolken mitten hinein in ein wattiges, dröhnendes Nichts. Meine Angst war sehr groß. Die Frau versuchte, mich zu beruhigen. Umsonst. Wir sind nicht dafür gemacht, den Himmel zu queren, ebenso wenig wie das Meer. Wir sollten auf dem Boden bleiben. In die Luft springen, schwimmen, das ja. Aber aus eigener Kraft oder nur, soweit die Schwerkraft es zulässt.

Und dann war es vorbei. Viele Menschen, hintereinander in schweigenden Reihen, gleißendes Licht. Der Herbstwolf war hier schon ganz weiß geworden. Sein Atem wuchs in Säulen aus dem Grau. Überall. Diese andere Welt hatte ganz offensichtlich keine Farben. Schließlich wurde die Tasche geöffnet, und ich war frei. Frei und sicher. Keine Fesseln mehr. Aber auch keine vertrauten Gesichter. Jeder Geruch neu und fremd. Meine Augen tränten von der langen Reise, ich hatte Hunger, war müde, verängstigt. Vor allem aber hatte ich meine Familie verloren. Meine Mutter und jetzt auch noch meine Schwester.

Ich bin im Juli geboren. Im Dezember kam ich in ein anderes Zuhause, zu einer fremden Familie. Ich bin daran gewöhnt, mich einzugewöhnen. Es geht mir gut. Ich bin satt, ich habe Spielsachen und genug Raum, um zu rennen und zu schlafen. Ich lasse mich streicheln, und ich gebe Zärtlichkeiten zurück, jeden Tag ein klein wenig mehr. Ich bin eine Katze unter Hunden. Ich bin noch klein. Wenn ich groß bin, werde ich mich wie ein Hund benehmen, weil ich unter Hunden aufwachse. Aber tief unter dem weißen Fell, auf der inneren Seite meiner Haut, bleibe ich eine Katze.

Menschen in den reichen Ländern Europas nehmen Tiere auf, die aus dem Ausland Zuflucht suchen, begleitet von Flugpaten und sehnsüchtig erwartet mit Futter, mit Decken, mit Spielzeug. Sie geben ihnen ein neues Zuhause und Sicherheit. Rund ein Million Tiere werden angeblich jährlich aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt und mühelos als das integriert, was sie sind: Geflüchtete Hunde und Katzen. Eine Obergrenze ist nicht angepeilt. Tierliebe ist gut, aber sie ersetzt keine Menschenliebe.

Refugees welcome! Auf vier, aber auch auf zwei Beinen.

AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 14. Dezember

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Tief unter dem Fell / I.

Ich bin im Juli geboren. Wir hatten Glück. Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten und sie auf der Straße zusammenbrach, wurde sie von Ehrenamtlichen aufgenommen und betreut. An die ersten Tage meines Lebens kann ich mich nicht erinnern. Später, als ich anfing, mich umzuschauen, war die Welt um mich herum warm, bunt und laut. Ein Kaleidoskop sich bewegender Menschen und Tiere, von Geräuschen, Gerüchen und Düften. Schon morgens um sechs klapperten die Töpfe in der Küche, und dann gab es Essen für alle unter der Pergola im Garten. Lavendel, Jasmin und Majoran wehten mit der salzigen Brise vom Meer herüber, und unter den schattigen Palmen leuchteten rote Hibiskusblüten. Meine Schwester und ich hatten den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als zu spielen und immer neue Streiche auszuhecken. Wir versteckten uns zwischen den frisch gewaschenen Laken und zerrten so lange daran, bis sie ins Gras glitten. Das fanden die Hunde besonders lustig, und sie stapften mit ihren sandigen Tatzen darauf herum, bis die Tücher aussahen aus wie große, zum Trocken ausgelegte abstrakte Gemälde. Nur den guten Leuten oben in der Finca gefiel unser spontanes Kunstwerk leider gar nicht.

Immer häufiger standen sie zusammen und besprachen sich leise. Dann schauten sie zu uns herüber, zu meiner Schwester und mir, und tuschelten weiter. Was sie sagten, verstanden wir nicht. Also taten wir so, als wäre alles wie immer. Das war in dem Paradies, in dem wir lebten, nicht schwer. Der blaue Himmel, die stillen Wolken, das flüsternde Meer, die Zikaden, die Sonne.

Und dann kam der Herbst. Leise wie ein Wolf hat er sich in unsere Welt geschlichen und sie eingehüllt in sein wolliges Grau. Sein kalter Atem verwehte die Weinblätter an der Pergola, die Vipern verschwanden zwischen den Steinen und die Leute frühstückten in der Küche, eingehüllt in die Düfte und Dämpfe von Suppe und Brot. Auch wir lagen dort in der rauchigen Wärme und dösten. Da nahmen die Leute meine Schwester und mich auf den Arm und trennten uns.