AdvernsKalender MiniKrimi vom 8. Dezember

flugpaten

Der Flughund

„Was, Du willst Dir einen Hund zulegen? Wer hat Dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ Arne kennt Silvana seit über 20 Jahren, aber Tierliebe war bislang nie eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften gewesen. „Naja, nicht irgendeinen Hund.“ „Eben, das ist ja noch schlimmer. Wenn Du plötzlich auf den Hund gekommen wärest und Dir beim Züchter einen Windhund, einen Dobermann oder meinetwegen auch einen Prager Rattler bestellt hättest, könnte ich das ja noch im entferntesten nachvollziehen. Aber einen mallorquinischen Straßenköter…?! Du musst verrückt sein!“ Diesen Verdacht hegt Arne schon länger, genauer gesagt seit Silvanas erstem und einzigem Besuch auf der Baleareninseln im vergangenen Jahr. Nach ihrer Rückkehr war sie nicht mehr dieselbe. Davor hat Arne sich diskrete Hoffnungen auf ein mögliches Leben zu zweit gemacht, in Form einer Lebens-, nicht einer Wohngemeinschaft. Und er hatte auch gemeint, bei Silvana Anzeichen zu entdecken, dass sie diesem Gedanken nicht abgeneigt war. Nach Mallorca war alles anders. Sie hat nicht viel von diesem Aufenthalt erzählt. Aber zwischen den Zeilen hat Arne herausgehört, dass sie ganz offensichtlich eine Frau kennengelernt hat. Claudia. Eine abgebrannte Deutsche, die auf Mallorca gestrandet ist und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Arne hat sich sogar dabei ertappt, wie er in Silvanas Handy nach Nachrichten von dieser Frau gesucht hat. Das letzte, was er von ihr erfahren hat, war, dass sie wohl einen reichen Fang gemacht und sich ihrer Geldsorgen durch eine Heirat entledigt hat. Gottseidank, damit ist das Kapitel Claudia hoffentlich erledigt, hat er gedacht.

Und jetzt der Hund. Natürlich ist er mit Silvana zum Flughafen gefahren. Hat in der Gruppe der Wartenden gestanden, zwischen Schildern mit „Senor Cortez, Philatelistische Gesellschaft“, „Dr. Dr. Maibaum, Weltmünzkongress“ und „Holiday Inn, Frau von Selbitz“. Hat familiäre Freudentränen miterlebt und schreiende Kleinkinder. Bis endlich die „Flugpatin“ mit der Transportbox durch die Absperrung kommt und sich suchend umschaut. Silvana dreht sich kurz nach links und rechts, dann geht sie auf die Frau zu. Sie sieht genauso aus, wie Arne sich jemanden vorstellt, der Hunde aus der Wärme Mallorcas in den Münchner Winter begleitet. Dann geht alles sehr schnell. „Danke“, sagt Silvana, reißt der Frau beinahe die Box aus der Hand und stürmt, ohne den kleinen zitternden Hund, der seit Stunden dort eingesperrt ist, auch nur eines Blickes zu würdigen, hinaus auf den Parkplatz. Arne hinterher. Erst, als sie im Auto sitzen, macht Silvana das Türchen auf und nimmt den Hund vorsichtig in den Arm. Schaut ihn prüfend an, begutachtet das gefütterte, mit Strasssteinen besetzte Halsband, setzt das Tier wieder in die Box und fährt los. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit hält sie sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Naja, wenigstens nimmt sie Rücksicht auf den Hund.

Vor ihrem Haus will sie Arne verabschieden, aber er lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Widerwillig nimmt Silvana ihn mit in die Wohnung. Sie sind kaum angekommen, als Silvanas Telefon klingelt. „Ich rufe gleich zurück. Ja, alles gut.“, sagt sie und legt auf. Wie untypisch für sie. „Arne, enschuldige, ich bin müde. Wir sehen uns morgen. Mach’s gut.“ Und schon steht er draußen. Zu neugierig, um einfach zu gehen. Er geht vorsichtig ums Haus und schaut hinter einer Tanne hervor in Silvanas Wohnzimmer. Sie hasst Vorhänge. Das ist sein Glück. Er sieht, wie sie den Hund aus der Box holt, ihm vorsichtig das Halsband abnimmt und es mit einem Messer der Länge nach aufschneidet. Das ist der Moment, an dem Arne beschließt, dass Silvana für ihn Vergangenheit ist.

Im Internet liest er eine Woche später von einem Raubmord auf Mallorca. Die trauernde Witwe Claudia P. erzählt, dass sie ihren Mann erwürgt vor dem offenen Safe gefunden hat. Von den Diamanten, die der Schmuckhändler dort aufbewahre, fehlt seither jede Spur. Ebenso wie von Alonso, dem Straßenköter, den er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit einem Stück Kalbsleberwurst gefüttert hat.

 

 

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Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?

Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.

 

Adventskalenderkrimi 2.0. 9. Dezember: Abgefahren.

Ich zögere. Stehe auf. Drücke mir das Sofakissen vor den Bauch. Wie eine schusssichere Weste. Einen Panzer. „Giiisaaa, hey, was los?“ Ich schleiche zum Balkon. Schalte mit einem schnellen Entschluss meine Gedanken ab. Und reagiere aus dem Bauch heraus. Ich öffne die Balkontür, trete zwei Schritte in das schneematschnasse Dunkel. „Ich komme gleich, war nur noch mal kacken“. Ok ich habe die Zeitungswerbung gesehen, damals im Kino. Vielleicht schocke ich ihn damit? Und vor allem keine Verwunderung zeigen! Ich warte auch nicht auf seine Antwort. Schließe die Tür mit, lasse den Hebel fest einrasten. Schlüpfe in Mantel, Mütze, Schal und renne die Treppen runter. Das Flurlicht ist schon wieder kaputt! Meine Finger sind gefühlte zwei Zentimeter von der Haustür entfernt, da geht sie auf. Frau Niederreuther mit Hund, beide grau und betröpfelt. „Nabend“, nuschele ich. „Sie sollten den netten jungen Mann nicht so lange warten lassen. Sonst schnappen wir ihn Ihnen noch weg, gell, Cindy“, sagt die Niederreuther und kichert ihren Hund an. Achsoooo, mein Herz plumpst vom Hals in den Brustkorb zurück. Ich sollte wirklich weniger Krimis anschauen und endlich mal wieder war Gebildetes lesen. Poe vielleicht, oder Schiller. Oder Glauser. „Sorry, dass du so lange warten musstest. Und DANKE, dass du gewartet hast“, hauche ich vielleicht einen Tick zu sanft. „Ist schon ok, das macht dich sehr weiblich“, grinst er. „Aber jetzt hab ich mir nen Glühwein verdient, oder?“ „Mindestens“, antworte ich und hake mich mutig bei ihm. „Wenn du willst, können wir auch mit meinem Auto fahren“, sagt Franck. Mit einer betont beiläufigen Handbewegung zielt er auf die Reihe parkender Autos an der Pappelallee. Ein Blinken antwortet. „Wow, DAS ist DEIN Auto?“ entfährt es mir, als wir uns dem nagelneuen, silberleuchtenden 911er nähern. „Mann gönnt sich ja sonst nichts“, kontert Franck und ich höre den Stolz in seiner Stimme schwingen. „Bis heute“, setzt er leise hinzu. Aber ich hab’s trotzdem gehört.

Auch nur ein MANN

Hund/e

P

Jeden Morgen das gleiche Spiel. Du wachst vor mir auf. Bleibst trotzdem liegen. Im wohligen Halbschlaf grunzt du ab und zu, dein Herz schlägt gleichmäßig unter dem warmen Pelz auf deiner Brust. Du bist eine haarige Angelegenheit, durch und durch,  aber das wusste ich ja. Oder hätte es wissen können, wäre ich nicht dem Charme deiner braunen Augen erlegen.

Erst wenn ich mich endlich aus den Laken schäle, rappelst auch du dich auf. Gähnst herzhaft, streckst dich und schaust mich erwartungsvoll an. Sonst nichts. Sobald ich aufstehe, folgst du mir. Du oder ich, wer gewinnt den Wettlauf ins Bad? Ich. Aber dann du stehst vor mir, drängelnd,  und kannst es kaum erwarten, bis ich die Klospülung drücke. Der Weg in die Küche wird zum Spießrutenlauf. Kaffee kochen, Milch heiß machen, alles unter deinem wachen, aber trägen Blick. Du hängst an mir, ich weiß. Und habe ich mir das nicht immer gewünscht? Nie wieder auf Platz 2 liegen hinter  Job, Computer oder Sport. Nie wieder nur die Alternative sein zu Mutters Wachmaschine oder dem Stammplatz beim Billig-Italiener. Die sprechende Version von Air Doll, die Putzfrau ohne Sozialversicherung. Die Nachtchauffeuse.

Du warst der letzte Versuch. Neuanfang und Kapitulation in einem. Ja. Du brauchst mich. Aber das wird mir jetzt zur Last. Deine Blicke sind wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Ich kann dir nicht entfliehen. Du folgst mir, wo ich gehe und stehe. Du vergötterst mich. Aber du kannst so lange mit deinem zugegeben langen Schwanz vor mir herum wedeln, wie du willst. Das macht mich nicht an. Du forderst mich nicht heraus. Du rufst mich ab. Ich soll für dich da sein. Tag und Nacht. Gut, ich hatte sie satt, die einsamen Couch-Wochenenden mit Celluloidträumen aus der Videothek. Jetzt weiß ich, dass ich weder Holly Golightly bin noch Lara Croft. In mich verliebt sich niemand bedingungslos. Auch du nicht.

Ich wollte nie mehr allein im Englischen Garten spazieren gehen und mein Gesicht hinter einem Liebesroman verstecken, jedesmal, wenn ein Pärchen an meiner Bank vorbeischlendert. Es stimmt, diese Zeiten sind nun vorbei! Ich habe keine Minute mehr, um Liebesromane zu lesen. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Video ausgeliehen habe. Du erfüllst meinen Tag von morgens bis abends. Du willst meine Aufmerksamkeit, und wenn ich sie dir verweigere, wirst du brutal. Meine Kaschmirweste hast du zerrissen. Meine Armani-Jeans zerfetzt. Von den Flecken auf dem Wohnzimmerteppich will ich gar nicht anfangen. Natürlich, ich war schuld. Ich bin immer schuld. Auch jetzt. Hör auf, mich so  anzustarren. Verdammt noch mal. Siehst du nicht,  dass ich noch im Pyjama bin? Darf ich wenigstens erst meinen Milchkaffee austrinken?

Jetzt reicht`s! Hau ab! Hier ist die Tür! Verschwinde. Und komm erst wieder, wenn du alles gemacht hast. Du Mistvieh, du nerviges. Hätte ich mir nur ein Weibchen geholt, beim Hundezüchter.

So – das habe ich letztes Jahr geschrieben. Das ironische Lächeln klebt mir wie Eiszapfen am Herzen. Nein, ein Mistvieh war er nie. Eher ein Schatten, der auf meiner Erinnerung liegt, jetzt. Und fehlt. Mir. Uns. Sogar der Kater sucht auf dem Sofa, dem Bett, dem Teppich, der Terrasse mit tierischem Gespür die Plätze, an denen er lag.

Ja, ein Weibchen wird es sein, das nächste Mal. Aber sicher nicht vom Züchter. Eher vom Sonnenhof. Aber ein Ersatz? Niemals.

In den Hundehimmel

Ich sperre die Tür auf und Stille stürzt mir aus dem Haus entgegen.

Aus dem Augenwinkel streife ich das glänzende Parkett neben der Bibliothek und blanke Leere verdunkelt mir die Sicht.

Ich steige die Treppe hinauf und die Breite der Stufen ohne drängelnde Schnauze an meinem Knie hemmt meinen Schritt.

Ich sitze am Schreibtisch und hinter mir auf dem Sofa schnaufen die Kissen. Ich stehe in der Tür und auf dem Gästebett räkelt sich Hundegeruch.

Keine Samttatzen, die auf den Boden tapsen. Kein Sechsuhr-Freudengeheul, das den Abendnapf grüßt. Kein verhaltenes Knurren, das den Kater vom Sofa verjagt.

Die Körbchen im Keller, die Leinen im Schrank, die letzten Leckerli landen im Müll.

Erinnerungen verschlucken die Worte. Kein Satz groß genug für so viele Momente. Leise trauere ich auf meine Weise um einen Begleiter.

Gedanken nach Japan

Die Katastrophen in Japan sind schrecklich. Die Tragödien für die Betroffenen sind unvorstellbar, und es ist gut, dass die globale Internetgemeinde so hilft, wie sie es kann. Mit Sach, -Geld- und auch mit Wortspenden. Völlig unnötig aber sind gerade angesichts des Ausmaßes des Geschehens die reflexartigen Forderungen nach sofortigem atomarem Ausstieg zum Beispiel in Deutschland. Mind u: ich bin keine blinde Befürworterin der Kernkraft. Sollte sie als Energie genutzt werden… müssen, müssten zunächst die Fragen der Entsorgung und der absoluten Sicherheit geklärt werden. Sollte dies sich als unmöglich erweisen, muss auf diese Art der Energiegewinnung verzichtet werden. Aber: bitte weltweit! Denn weder Atmo- noch Stratosphäre sind regional begrenzbar…

Unnötig und zum Teil sogar respektlos finde ich auch die boulevardmäßige Behandlung, ach was, Beackerung des Themas durch die Medien. Und hier sind es erstaunlicherweise auch die “gestandenen” Medien, die ihre Leser, Hörer und Zuschauer in mindestens stündlichen Abständen mit Informationen berieseln. Wobei das Wort Informationen in den meisten Fällen zu hinterfragen ist. Nehmen wir das Beispiel einer bekannten Tageszeitung aus dem Süddeutschen Raum. Sie titelt in ihrer Onlineausgabe: “Neue Horrormeldungen aus Japan. Ein Sender jingelt “wir senden, was Sie bewegt”. Und macht mich glauben, dass mich bewegt, wann die deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet werden, wobei ich als elementar betroffener Bürger die Wahl habe zwischen “in dieser Sekunde”, “heute später” oder “spätestens morgen”; als emotional betroffener Bürger will ich offensichtlich informiert werden über die Anzahl und die Namen der Hunde, die die verschiedenen Zweigniederlassungen der Katastrophenschutzvereine direkt ins Kerngebiet des Erdbebens schicken (mich würde viel mehr interessieren, wie diese auf den zerstörten Flughäfen landen und woher die Japanischkenntnisse der Begleitpersonen stammen). Als politisch betroffener Bürger schließlich will ich augenblicklich mitwirken an einem radikalen und endgültigen Wechsel der politischen Landschaft unter besonderer Berücksichtigung der  energiewirtschaftlichen Belange.

Im Rahmen der Fastenzeit hilft eine Sendung mir dabei, zu verstehen “ dass Teilen glücklich macht”. Ach ja, ich fühle mich schon viel glücklicher, seit ich die neuesten Unglücksmeldungen mit den vielen anderen Betroffenen im deutschsprachigen Raum teilen darf. Muss. Ehm – ich würde gerne Mitleid teilen. Wo darf ich das? Soeben tickert die Meldung übers Netz, dass Japan Europa gebeten hat, keine Hilfsdienste mehr zu schicken – müssen unsere Hunde jetzt zurückfliegen? Was für Unmenschen sind diese Japaner eigentlich? Gleichzeitig  zieht Amerika seine Hilfstruppen freiwillig zurück und begründet mit erhöhter radioaktiver Gefahr. Uff- da ist der Rückzug vor dem Rauswurf grade noch gelungen! Die deutsche Bundesregierung ist offenbar bereit, über eine Aussetzung der Verlängerung der Laufzeiten bei Kernkraftwerken nachzudenken. Aussetzung der Verlängerung – dieses verbale Konstrukt muss ich sprachlich auskosten, auf der Zungenspitze. Toll. Am besten gleich alle AKWs schließen und den gesamten benötigten Strom aus Tschechien beziehen. Aus Frankreich. Aus Russland! Allerdings…. Müsste dann gleichzeitig über eine Möglichkeit nachgedacht werden, das gesamte Bundesgebiet im Falle eines atomaren Supergaus im europäischen Nachbarland bis auf – sagen wir rund neunzig Kilometer Höhe hermetisch abzuschirmen. Hm…….

Eine Freundin, die seit vielen Jahren in China und Japan lebt, beklagte sich in einer Rundmail darüber, dass Wirklichkeit und deutsche Berichterstattung manchmal nur mit viel Phantasie zusammen passen und dass die Katastrophe für innenpolitische Zwecke ausgeschlachtet wird. Und wünschte sich schlichte Anteilnahme.

Ich werde auf facebook eine neue Aktion starten. Am besten zwei. Mitleid teilen die eine. Gedanken vorm medial verordneten Ausschalten bewahren und mit-denken die andere. Wer weiß, wie viele diese Aktionen mit mir teilen werden? Vielleicht sollte ich sie multimedial verbreiten…..


SMS-Adventskalender. 20. Dezember: Die „Türkenvilla“

Das seit dem Sommer freundlich modeblau gestrichene Mietshaus steht an einer kleinen Ausfallstraße. Vereinzelt hängen Blumenkästen auf den einsamen Balkonen, oben weht ein Sonnenschirm unverdrossen im Dezemberwind, und das schon seit drei Jahren. Satellitenschüsseln räkeln sich von Fensterbrettern in die Welt. Der Name „Türkenvilla“ stammt angeblich noch aus der Zeit abblätternder Fassaden. Wintersonnenwende und die Nacht bedroht den dunklen Tag. Sturm kommt auf. Tannen verbiegen sich, und aus dem Himmel grollt es laut und lauter. Am Parkrand stehen plötzlich schwarze Limousinen Kette. Davor hurtige Graugestalten, so bemüht, mit dem Straßenalltag zu verschmelzen, dass sie keine Tarnung brauchen.

Ihre Telefone schrillen, summen. Der Helikopter steht direkt über dem Haus. Zerschneidet grell den Abend. Ich gehe trotzdem raus. Der Hund muss mal. Seine Uniformphobie macht sich in heiserem Gebelle Luft. Bald kommen alle Nachbarn vor die Tür. „Was geht hier ab?“ „Ach nichts. Wir sind schon weg. Ein Helikopter? Wo?“

Wie ein Spuk bin ich die Geister wieder los. Und nicht nur ich. Hinter dem Sonnenschirm erscheint ein Arm und wirft ein Päckchen auf den Gehweg.