Der Leuchtturm

17 Uhr. Die Mittagshitze ist einer vorabendlichen Wärme gewichen, die Parkbäume werfen kühlen Schatten vor sich her. Meine Mutter wird unruhig. „Der Hund muss raus“. Eine Feststellung, keine Frage. Sie bewegt sich in systematischer Ziellosigkeit zwischen Bett und Schreibtisch hin und her. Nimmt hier eine Bluse in die Hand, öffnet dort die Handtasche, kramt ohne zu suchen. Schließlich der Griff zum Haarspray, zwei Striche auf die Lippen. Der Gang ins Bad. „Ständig muss ich zur Toilette. Das war nie so.“ Seit Jahren dieser Satz. Dann nimmt sie ihre Handtasche, sucht nach den Taschentüchern darin. Findet sie nicht. „Hast du Taschentücher? Ich habe keine mehr!“ „Doch, Mama, du hast vorhin ein Päckchen eingesteckt“. „Ach ja? Das bildest du dir ein!“ „Ich hol dir ein neues Päckchen.“ „Nein, schau in die Tasche, hier! Da sind sie! ich wollte dich testen!“ Antwortlos gehe ich in die Küche zurück, zu Pasta, Pesto und Salatvorbereitungen. Oben höre ich sie weiterkramen. Jetzt wird auch der Hund unruhig. Bellt. Sie an. Endlich höre ich sie die Treppen hinuntergehen. Feste kleine Schritte, der Hall auf jeder Stufe wie ein tiefer Abdruck im Stein. „Ich gehe.“ Der Hund bellt wie verrückt und tänzelt vor der Tür. Keine Leine. „Hier, Mama.“ „Nein, das ist nicht die Leine.“ „Doch. Schau!“ „Ach ja, aber DIE habe ich nicht gemeint.“ Ciao. Weiterlesen

Advertisements

Gassigassen

Von wolkenbetupft bis drohendgebauscht spannt sich das Abendzelt über die Gassigangwelt.

Aus bunten Augen schauen hinter müden Gläsern Leben auf die Straßen. So viele. So verschieden. Und so gleich in ihrer unendlichen Endlichkeit.

Zwei Männerarme unter einem Kinderpo vor der Kulisse blauroter Frotteetücher. Badewonnen oder früher Brauch?

Laue Stimmen tanzen um die runden Lichtdioden,  Gläser glocken Wein fließt über helles Außenholz.

An einer Hauswand lungern halbwüchsige Geranien grau dem Wegerich entgegen. Daneben strahlen Rosenköpfe im Zinnober einer zirkelgraden Hecke.

Jaguarcabrios dösen vor Natursteinmauern, morsche Zäune halten Löwenzahn und Buchs. Im Flackerschein des Freitagskrimis sehn sich alte Augen einer langen Nacht entgegen.

Und hinter irgend einem Vorhang knotet sicher schon der Tod am letzten Abendrot.

Dem Hunde ist dies einerlei. Er hebt sein Bein nach rechts wie links, bepinkelt frisch gestrichne und zerfallne Mauern. Und ist ein rechter Zukunftszufallsbote.