c0109 oder warum ich nicht nach Chemnitz fahre. Heute.

Bei uns daheim herrscht dicke Luft. In der Familie wurde gestern Abend heiß darüber diskutiert, wie und mit wem wir heute nach Chemnitz fahren sollten. Ob – das stand zunächst nicht zur Debatte. Bis ich das Gespräch darauf brachte. Seitdem bin ich Persona non grata im Hause.

Damit kann ich leben. Schlecht. Daher, und auch für mich selbst, damit ich meine Gedanken mal klar auf Linie bringe, hier der Versuch einer Argumentation. Ich hoffe, dass die Kette nicht reißt, zwischen den Zeilen. Und ich bin gespannt, ob es anderen da draußen ähnlich geht, ob ich einen Shitstorm auslöse, bedauerndes Kopfschütteln oder, und das wäre mir am liebsten, klare Kante Gegenargumente. Oder Pro. Oder so.

Ehrlich gesagt, hatte ich vorher nur ein leises Unbehagen, wenn es darum ging, sich zu Demos an entfernten Orten aufzumachen. Noch ehrlicher gesagt, habe ich dieses Unbehagen erst, seitdem ich die Teens+ hinter mir gelassen habe. Vorher, diese Erinnerungen will ich nicht der selektiven Amnesie anheim fallen lassen, vorher also waren Fahrten nach Wackersdorf, La Hague, Dannenberg Ehrensache. Nein, Fukushima nicht. Mehr.

Gestern dann las ich einen Thread auf Instagram, Kommentare zum Post von FeineSahneFischFilet über das Konzert am Montag in Chemnitz. Da äußerten junge AntiFaschisten aus Sachsen ihren Unmut über das Konzert. Da kämen Tausende aus ganz Deutschland wegen der Musik und/oder weil sie Flagge zeigen wollten, gegen die Rechten. „Und am Dienstag sind sie wieder weg, und wir haben hier bei uns niemanden dazu gewonnen, aber die Stimmung ist noch aufgeheizter“, so klagten sie.

Und da begann der Unmut in mir Worte zu finden. Klar, es ist wichtig, zu zeigen: #wirsindmehr! Ebenso klar ist es, dass wir tatsächlich mehr sind. Mehr Demokraten, mehr Leute, die nie wieder Faschismus haben wollen, in Deutschland. Mehr, die nichts gegen Flüchtlinge haben (statistisch gesehen sogar rund 70%, das besagen alle Umfragen).

ABER die Frage, die sich mir stellt, lautet: wie bekommen wir die Lage in Ostdeutschland in den Griff? Als Krimitautorin habe ich schon einen Plot im Kopf, der im Deutschland nach dem Wiederaufbau der Mauer spielt. Aber das ist Autorenfiktion. Wie kriegen wir die Ostdeutschen (also diejenigen von ihnen, die bei Mahnwachen blank ziehen, den Hitlergruß zeigen und „absaufen“ skandieren, wenn es um Flüchtlinge im Mittelmeer gehr) dazu, daran zu glauben, dass Demokratie etwas gutes ist, dass sie weiter ihre Klöße und Rostbratwürste essen können, auch, wenn nebenan eine Dönerbude steht. Ehm – aber das tut sie doch schon, und da gehen sie sogar hin, und gerne….. letztendlich reduziert sich die Frage dann so: wie kriegen wir die rechten Demonstranten dauerhaft von der Straße, in Chemnitz, Dresden und anderswo? Und dann, in der Erweiterung: wie verhindern wir rechte Parolen, Angriffe auf Ausländer und, ja, auch die AfD? Aber diese Frage ist dann schon nicht mehr auf den Osten Deutschlands begrenzt! Tja, so ist das!

Warum also fahre ich nicht nach Chemnitz? Weil ich glaube, dass ich den Chemnitzern, die keine rechten Parolen schreien oder denken, die nichts gegen Geflüchtete haben, die sich noch gut an den zweiten Teil des Rufes „Wir sind das Volk“ erinnern („keine Gewalt“), die sich für die Bilder der nazigrüßenden deutschen Randalierer schämen, die derzeit durch die internationalen Medien kreisen – dass ich diesen Chemnitzern mit meiner Anwesenheit nicht helfe. Nicht wirklich und auch nicht ideell.

Weil ich davon überzeugt sind, dass sie wissen: wirsindmehr! Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass, weil ich auf ihre Straßen gehe, sie das auch tun werden. Weil meine von Bundespolizisten geschützte Anwesenheit sie nicht davor bewahren wird, morgen, wenn ich weg bin, von sächsischen Polizisten, die „im Umgang mit demokratischen Mitteln wie Demonstrationen“ geschult sind, angegriffen zu werden. Oder vom Nachbarn angepöbelt, ausgebuht, im Job gemobbt oder schlimmeres zu werden.

Weil ich denke, dass zu beweisen, dass wir mehr sind, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen, wenn „wir“ aus allen Ecken Deutschlands anreisen. Weil das „wir“ aus den Menschen im Osten heraus kommen muss, um einen Zusammenhalt zu schmieden, um einen Sinneswandel anzustoßen.

Auf meine Frage, warum so viele Menschen im Osten so fremdenfeindlich seien, so demokratieverdrossen nach so kurzer Zeit, so unheimlich hasserfüllt, antwortete mir eine junge Studentin, die als Kind in Dresden gelebt und später nach München zurück gekommen ist. Ihre Antwort gibt mir zu denken:

Die Menschen im Osten haben Angst. Es leben kaum Ausländer dort, aber sie haben Angst, dass in der Zukunft viele Geflüchtete dorthin kommen könnten. Weil so viele Häuser leer stehen, weil im Osten mehr Platz ist als im Westen. Sie haben Angst, dass die ihnen dann was wegnehmen von dem wenigen, was sie haben. Weil sie das Gefühl haben, von der Wende übervorteilt worden zu sein. Weil sie unzufrieden sind und jemanden suchen, dem sie dafür die Schuld geben können. Weil sie mit der großen Freiheit, der Meinungen, der Wahl, der Freiheit zu gewinnen – aber auch zu verileren, nichts anfangen können. Weil es ihnen Angst macht, dass keiner mehr für sie entscheidet. Weil sie selbst nicht entscheiden können, sondern nur fordern und dann erwarten, dass sie alles kriegen.

Boah, starker Tobak. Ist das so? Ich habe selbst Verwandte „drüben“. Und ich kann eines beisteuern, hier. Ich habe erlebt, dass die Abgrenzung zum Westen in den Köpfen der Menschen dort erfolgt. Dass sie, nachdem sie „eins“ geworden sind mit den Geschwistern im Westen, einen Identitätsverlust erlebt haben, den sie mit DDR- Reminiszenzen kompensieren. Von der Spreewaldgurken über die Datsche bis hin zu Redewendungen. Wir haben das DDR-Sandmännchen schon immer schöner gefunden und freuen uns, es jetzt deutschlandweit zu haben. Sie sagen, wir haben es geklaut. Wie die Ampelmännchen.

Und singen das Deutschlandlied und brüllen den Hitlerruf – und vergessen, dass er es war, der „unsere Heimat“ in Schutt und Asche gelegt hat und letztendlich daran Schuld ist, dass sie 40 Jahre in der DDR gefangen waren. In die sie jetzt zurück möchten, oder? Mensch, was wollen die eigentlich???

Vielleicht ist das die Kernfrage, die wir uns alle stellen müssen. Vielleicht wäre die Antwort darauf die Lösung des Problems. Denn dass es ein Problem ist, ist unbestritten. Die auf der Straße haben ein Problem, und die hinter den Vorhängen auch, und wir ebenfalls.

„Unsere Frauen haben Angst, auf die Straße zu gehen. Wegen der Ausländer.“ Das mag sein, aber das Problem existiert nur in den Köpfen. Statistisch gesehen verüben viel weniger Ausländer Straftaten als Deutsche. In Westdeutschland, und allemal in Ostdeutschland, denn dort gibt es praktisch keine Ausländer. Aber wie geht man mit einer Fake Reality um, die sich ausbreitet wie Masern in den Köpfen der Leute?

Ich fahre nicht nach Chemnitz. Aber ich möchte dazu beitragen, dass rechte Gedankengut aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. In Dresden, in Karl-Marx-Stadt und überall. Ich glaube, das geht nur durch Erziehung. Durch kulturelle Begegnungen. Von Kindern. Und Eltern. Nur so geht das!

Wenn ich doch nach Chemnitz gehen würde, dann im Rahmen eines Projektes, dass gezielt Familien verbindet. Deutsche und ausländische. Wenn ich denn solche fände, dort. Und ich glaube, auch in Dresden sollten alle, die rechtes Denken bekämpfen wollen, sich solche Projekte suchen, sie aufbauen, sich vernetzen mit Kirchen, ja, mit Kirchen. Mit sozialen Organisationen. Mit linken Strukturen. Mit Studenten. Ich glaube, Veränderung braucht Zeit und muss in die Herzen der Kinder gepflanzt werden.

Wenn oben auf dem Podium bei einer Demo Kinder stünden, blonde Kinder mit großen blauen Augen, schwarze Kinder mit großen braunen Augen, wenn Kinder durch die Reihen der Demonstranten gehen würden, mit offenen Armen. Würde ein Rechter ein solches Kind schlagen?

Eine Freundin von mir, die ich seitdem nicht mehr treffe, erklärte auf einem Fest, es sei jetzt endlich genug mit den Asylanten. Bei uns gäbe es genug Arme. Darauf gehe ich jetzt nicht ein, dazu schreibe ich ein andermal. Auf diesem Fest waren auch Menschen aus Indien, aus afrikanischen Ländern. Zwei kleine Mädchen tanzten zusammen. Ein blondes und ein schwarzgelocktes. „Guck mal, wie süß!“, sagte meine Freundin. „Das Mädchen ist aber eine Asylantin“, sagte ich. „Trotzdem. Die muss natürlich bleiben“, erklärte meine Freundin hingerissen. Vielleicht sollten wir viel mehr auf dieser Logikebene spielen……

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Der Morgen danach.

hijab

Ich gehe zur Supermarktkasse. Es ist der 25. September 2017. Der Morgen danach. Um diese Zeit sind nur wenige Einkäufer unterwegs und entsprechend nur 2 Kassen besetzt. Vor mir eine Frau mit Kinderwagen und Kleinkind. Bodenlanger schwarzer Mantel, der Kopf schwarz umhüllt. Ein seltener Anblick in meinem Viertel – genauso wie in Deutschland, denn 70% der Muslima tragen hier gar keine Kopfbedeckung. Ich bin hinter ihr, frage: „Stehen Sie an?“ „Jo“, antwortet sie mit bayrisch gefärbter Stimme. Ich gehe eine Kasse weiter. Und beobachte. Eine andere Dame kommt, sie hat nur einen Salat in der Hand. „Gehn’s doch vor“, sagt die Muslimin. „Nein danke, Sie haben zwei Kleine, ich habe mehr Zeit als sie.“ Und beide lächeln.

Ich lege meine Waren aufs Band. Schaue zur Muslimin rüber. Auch die Brille ist schwarz. Elegant, aber schwarz. Unsere Augen treffen sich. Und wir beide lachen. Kurz, aber befreit.

Und dann frage ich mich: wie mag sie sich fühlen, wenn sie den Fernseher anmacht und Gauland oder Weidel dabei zuschauen muss, wie sie die Verbannung des Islams aus Deutschland fordern? Was mag sie gedacht haben angesichts der Wahlplakate mit Werbedummheiten wie „Islam? Passt nicht zu unserer Küche“? Ihre Kinder sind hier geboren, sie lebt in diesem Viertel, geht einkaufen, spricht und lacht mit den Menschen, denen sie begegnet. Wie muss sie sich fühlen, wenn ihr plötzlich Politiker erzählen, sie gehöre nicht hierher? Wenn sie „geächtet“ und als Kulturfeind abgestempelt wird, pauschal, nicht aufgrund ihrer Haltung, die sie gar nicht kennen, sondern aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit? Von Politikern, wohlgemerkt, nicht von den Leuten, nicht von den Deutschen um sie herum. Hier in meinem Viertel ist die Bevölkerung ein buntes kulturelles und religiöses Gemisch. Was sage ich meiner türkischen Gemüsehändlerin, die mir erklärt hat, solange Erdogan an der Macht sei, würde sie keinen Fuß mehr in die Türkei setzen, denn er sei ein Rassist und Demokratiefeind?

Ich schäme mich. Fremd. Für Gauland und Weidel und für all die Menschen, die die AfD gewählt haben, weil sie Angst davor haben, mitsamt ihrer deutschen Kultur unterzugehen in einem Meer schwarzer Schleier, wogegen allein die Statistik spricht: in Deutschland leben rund 2 Millionen Muslima (bei einer Gesamtbevölkerung von rund 82,2 Millionen) maximal 300 von ihnen sind voll verschleiert, selbst ein Kopftuch tragen, wie schon geschrieben, maximal 30 Prozent.

Und kommt mir nicht mit dem Argument, Christen gehe es in islamischen Ländern genauso. Erstens stimmt das nicht unbedingt. Zweitens gibt es einen Unterschied zwischen westlichen Spezialisten die in teuren Enklaven in Saudi Arabien oder den Emiraten leben und nie mit der Gesellschaft in Berührung kommen und den hier integrierten Menschen mit Migrationshintergrund, die plötzlich Angst haben, von ihren Nachbarn geteert und gefedert zu werden. Als wären wir wieder im Mittelalter. Als hätten wir kein Zeitalter der Aufklärung durchlebt, Descartes-Rousseau-Voltaire.

Wie würde ich mich fühlen, wenn ich von meinen Mitbürgern aufgrund meiner Religion plötzlich geächtet werden würde? Wenn ich der Demokratie nicht mehr vertrauen könnte, dem Grundgesetz, das mir Menschenrechte und Religionsfreiheit gewährt, auf dem Papier.

So haben sich Juden gefühlt, nach 1933. So soll sich niemand mehr fühlen, in Deutschland. Identität lebt vom Austausch und wird dadurch erst definiert und gestärkt. Es tut mir leid um die Deutschen, die sich kulturell abgehängt fühlen. Aber ich entschuldige mich bei all denjenigen, die im Fernsehen und in der Öffentlichkeit angegriffen werden, nicht aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Handels oder ihrer Meinung, sondern als Folge eines abstrus utopischen Rassenreinheitswahns.

Ich äußere mich hier nicht zu extremistischen Parteirepräsentanten. Ich spekuliere nicht über ihre langfristigen Absichten.

Ich merke, dass ich ab heute, seit dem Morgen danach, anders auf muslimische Mitbürger schauen werden. Empathischer. Aufmerksamer. Im Bewusstsein des Wertes demokratischer Freiheit.

Zum Thema Verschleierung möchte ich Euch diesen Link empfehlen mit dem Ergebnis einer Befragung unter Männern in islamischen Ländern bezüglich der Kopfbedeckung von Frauen in der öffentlichkeit. Eines vorweg: Burka oder Niqab befürworten nur 2% von ihnen.

Schwarzer Blog

 

Frankfurt am Main, November 1981. In der Rohrbachstraße kesseln Polizisten Demonstranten ein, die friedlich gegen den Ausbau der 3. Startbahn des Frankfurter Flughafens protestieren. Zuvor hatten ein paar Punks Schaufensterscheiben eingeschlagen und waren danach geflüchtet. Ebenfalls verflüchtigt hatten sich Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die die Demonstration angeführt hatten. Übrig blieben junge und alte Frauen und Männer, Jugendliche, die allesamt keinerlei Erfahrung im Umgang mit Polizeigewalt hatten. Einige versuchten, von den Beamten die Namen zu erfragen, andere blieben einfach stehen und hielten die Arme hoch. Ich nicht. Von einem 2 Meter hohen Garagendach in einem Hinterhof, dessen Gitter wir in unserer Panik niedergedrückt hatten, sah ich zu, wie Polizisten unten meiner Freundin mit Schlagstöcken das Trommelfell zertrümmerten, am Boden liegende Wehrlose mit Tritten bearbeiteten. Mehrere Demonstranten wurden an diesem Abend schwer verletzt.

Der Frankfurter Kessel ging in die Annalen ein. Kaum ein Polizist konnte belangt werden, weil ihre Namen nicht bekannt waren. Allerdings wurde der Frankfurter Magistratsdirektor Alexander Schubart wegen Nötigung der Landesregierung (§ 105 StGB) und des Aufrufs zur Gewalt zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und aus dem Staatsdienst entlassen.

In diesen Zeiten wurde der „schwarze Block“ geboren. Aus einer Vielzahl von Motivationen heraus. Eine davon: der Selbstschutz. Auch ich, damals Theologiestudentin, auch Kommilitonen und Professoren, die mitdemonstrierten, auch wir schützten uns gegen Tränengas, gegen Wasserwerfer, schließlich gegen Schlagstöcke. Wir hatten keine Mollies und keine Steine. Wir wollten „nur“ keine Startbahn West und das Recht, unseren Protest zu äußern.

Natürlich gab es an vielen anderen Orten ebenso viele unterschiedliche Beweggründe, Radikalisierung als Phänomen der nicht akzeptierten Unterlegenheit im demokratischen System. Natürlich gab es die auf Krawall gebürsteten Punks. Die Gelegenheitsrowdies, die Demotouristen. Aber „den“ schwarzen Block gab es nicht.

Typisierungen zur Vereinfachung von Sachverhaltsdarstellungen kennen wir aus den Medien. Da werden aus Asylbewerbern, anerkannten wie abgelehnten, geduldeten und oder im Berufungsverfahren befindlichen, Asylanten. Aus einer komplexen Geldwaschmaschinerie werden einfach die „Panama-Papiere“. „Vereinfachung, Ent-Förmlichung und neue kognitive Herausforderungen gehen Hand in Hand“ (Journalistikon). Wenn also die Medien vom „schwarzen Block“ sprechen und schreiben, ist das für sie ein Handwerksmittel. um mit zwei Worten zu sagen: Mehrere oder viele Leute mit Gewaltpotential und ähnlicher Kleidung, die die Erkennung und Identifizierung erschwert. Das ist irreführend, aber ok. Für die Medien.

Wenn Politiker und Polizei solche Verkürzungen übernehmen, entsteht dahinter eine Theorie. Wie bei den Nafris. Und Theorien bergen die Gefahr der „Entpraxifizierung“. Dabei ist praktisches Handeln das einzige, was der Gewalt Einhalt gebieten kann.

Der schwarze Block ist eine Formation, die auf Demonstrationen genutzt wird. Von Menschen unterschiedlicher Motivation. Die einen wollen ihre Kritik an der Gesellschaft, an westlicher Gesellschafts- und Wirtschafts- und Lebensform ausleben und dabei den demokratisch vorgegebenen Rahmen ausschöpfen. Ich erinnere daran, dass im „schwarzen Block“ auch Unvermummte laufen, wie zuletzt auf den Bildern vom #G20 gesehen. Andere wollen ihn überschreiten. Wieder andere wollen destabilisieren. Und einige schließlich wollen zerstören. Hinter all diesen Beweggründen liegen persönliche Geschichten. Entweder, wir kriegen diese Menschen und holen sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurück, oder…… ?

Wie haben es hier, so sehe ich es, mit zwei, drei, vier differenzierten Phänomenen zu tun. Einmal der Widerstand gegen als ungerecht, konsumistisch, umwelt- und menschenverachtend angesehene Staaten. Dieser Widerstand besteht zum Großteil aus jüngeren Menschen mit einen gewissen Bildungsgrad – es ist das gleiche Potential, das im Laufe der Jahrhunderte gezündelt und Revolutionen angestoßen hat. In Frankreich, in Russland, in Deutschland, im Iran, in der Ukraine, in den arabischen Ländern. Wenn es gelingt, werden sie zur neuen Staatselite, und das Karussell dreht sich von vorne. Wenn nicht, werden sie entweder kriminell oder kriminalisiert.

Dann gibt es die Schläger, die Gewalttouristen. Auch sie eine historische Erscheinung, nur, dass in einer globalen Welt die Wege kürzer sind. Von der Antike bis heute sind sie brandschatzend durch die Lande gezogen, mit dem Ziel persönlichen Lustgewinns an der Zerstörung. Sie haben KEINE definierte politische Visionen und keine Alternativen, sind weder „links“ noch „rechts“, sondern einfach und aus Prinzip „dagegen“.

Neu – und der Medienvielfalt geschuldet – sind die vielen passiven digitalen Gaffer und Kommentatoren. Angeheizt durch News, ob Fake oder echt, die den Medien maximale Zugriffe sichern sollen, blaffen sie sich durchs Netz, und ihre Meinungen, bar jeder tieferen Reflexion, multiplizieren sich mit jedem geteilten Klick. Sie sind es, die die Stimmung in der „Masse“ prägen und bewegen. Und sie sind die eigentliche Unwägbarkeit, sie sind es, die mir echte Angst machen. Deutsche Massen sind etwas braungefährliches, das wissen wir aus leidvoller Erfahrung.

Und ich erwarte vom „deutschen Volk“ einfach mehr Besonnenheit beim pauschalen Verurteilen von Gruppen, egal welcher Couleur. Ich erwarte vielleicht zuviel. Aber ich rücke nicht davon ab.

Und dann gibt es da noch die Planer. Die Strategen. Welche Rolle sie spielen, liegt im Planungsdunkel und ist deshalb um so mehr Stoff für (Verschwörungs-)Theorien. Von der RAF bis zum NSU, vom Baader-Meinhof-Prozess bis zur Rohrbachstraße und dem Schanzenviertel. Die Fragen werden aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Vielleicht nur Generationen später. Welche Risiken werden kalkuliert, welche Kollateralschäden in Kauf genommen, für welches Ziel?

Fakt ist: letztendlich ist es immer die eine, große, tiefe Auseinandersetzung zwischen Macht und Ohnmacht.

Nur wer beide verbindet, aushält, ausgleicht, kann einen Schritt weitergehen. Nach vorne!

Hier könnt Ihr Euch über die Rohrbachstraße informieren.

 

 

 

Wer nichts „kann“, wird Politiker? Meine Antwort auf einen Blogbeitrag.

Ich bin auf FB auf einen Beitrag gestoßen,der dort u.a. von Leuten, die eindeutig der Antisemitischen Szene angehören, geteilt wird. Ich bin auf die Blogseite gegangen und habe einen Kommentar abgegeben. Ich veröffentliche ihn auch hier, weil ich mich über die Plattheit der Argumente geärgert habe, die die Lebensläufe von Politikern kritisieren. Ok, naklar, es gibt ganz sicher schwarze Schafe unter den Politikern. Vielleicht sogar eine ganze Menge. Aber Pauschalverurteilungen aufgrund abgebrochener Berufslaufbahnen finde ich…….. blöd. Ich verlinke hier nicht auf den Blogbeitrag, auf den ich antworte, weil ich ihm nicht noch mehr Publicity verschaffen möchte. Auf persönliche Nachfrage schicke ich den Link aber gerne.

Hier mein Beitrag:

Ich gehe davon aus, dass die Antisemitische Szene nicht deine Zielgruppe war? Ich arbeite FÜR Politiker und kenne etliche, die durchaus einen oder mehrere abgeschlossene Berufe haben. Sie sind Erzieherinnen und Juristen, Handwerker und Sozialpädagogen, um nur einige der Berufe zu nennen. Politik kann man übrigens – Gott sei Dank – nicht als Studienfach belegen. Das wissen einige deiner Kommentatoren vielleicht nicht? Schade, denn das ist ein WESENSZUG einer Demokratie! Demokratie kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie Herrschaft des Volkes. Und, ganz ehrlich, ich bin sehr froh darüber, dass bei uns jeder Taxifahrer und jeder Studienabbrecher theoretisch die Politik des Landes mitbestimmen kann. Mir ist es viel lieber, wenn Leute aus dem Volk die Gesetze für das Volk machen, als wenn das „Oberbonzen“ einer „Politikerkaste“ tun – so, wie es in Diktaturen jeder Couleur der Fall ist. Als Politiker durchläuft man die „Parteischule“, man fängt im Ortsverein an und kümmert sich um die Lokalpolitik, das sind die ganz kleinen Themen, vom Bolzplatzlärm über die Bordsteinabsenkungen bis hin zur Straßenbeleuchtung. Dann kommt man in den Stadtrat, dort geht es um kommunale Entscheidungen. Es gibt Bezirkspolitiker, Landräte, und es gibt die Landtagsabgeordneten, die für ein Bundesland entscheiden. Wenige werden Bundestagsabgeordnete, einige Europaabgeordnete. Sie alle haben viel praktische Erfahrung, und das ist wichtiger, als Universitätsseminare besucht zu haben. Die nützen einem nämlich herzlich wenig, wenn es um handfeste politische Probleme geht.

Kann es sein, dass Leute, die gerne über die Lebensläufe von Politikern herziehen, sich vielleicht ähnlich verhalten wie der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen? Wobei es hier einen deutlichen Unterschied gibt: der Fuchs wird nie auf einen Baum klettern können. Die Querulanten allerdings hätten es in ihrer eigenen Hand gehabt, auch Politiker zu werden. Oder in ihrem Kopf. Ok, oder vielleicht nicht. Ihnen allen möchte ich schreiben: macht’s anders. Engagiert euch! Werdet auch ihr politisch, wenn euch die Politik nicht passt. Das Spektrum der Parteien ist so groß, da findet ihr alle eine Heimat. Oder wollt ihr einfach nur mal ne Runde motzen? Klar, das ist bequemer. Hilft aber nicht mit, unsere Gesellschaft voranzutreiben. In welche Richtung auch immer.

So, nun bin ich gespannt, ob mein Kommentar veröffentlicht wird. Ich stelle ihn parallel auch auf meinen Blog. Ich habe übrigens fertig studiert. Und bewundere die Politiker, für die ich arbeite, für ihr Engagement und ihre Ausdauer und ihre durchaus sichtbaren Erfolge.

Dein Sterben ist nicht mein Tod

Sterbehilfe-Debatte im Bundestag. Ein wunderbares Zeichen für die Wichtigkeit und die Richtigkeit einer Demokratie! Die Abgeordneten diskutieren emotional, ernsthaft, betroffen. Aber irgendwie immer „von außen“. Mein Lebenspartner hat sich ein selbstbestimmtes Sterben gewünscht“. „Ich stand am Fenster. Hätte mir einer einen verbalen Schubs gegeben, ich wäre gesprungen“. „Unser Freund musste schlimme Qualen leiden“. Ich habe die Debatte verfolgt. Vielleicht habe ich ja den Satz nur verpasst, auf den ich gewartet habe: „Wenn ich an mein eigenes, auf jeden Fall irgendwann eintretendes Sterben denke, dann……“

Wie kommt es, dass immer nur über das Sterben anderer gesprochen wird? Außer, im Sterben Liegende kommen zu Wort. Aber auch dann kommen sie immer so rüber wie Leute, die Pech hatten, nicht mehr zu uns Lebendigen gehören, draußen sind wie bei einem Kinderabzählreim. Wir bemitleiden sie, vielleicht mit einem Gefühl der Gänsehaut – und wollen dann schnell wieder in unsere  Alltagsordnungen eintauchen. Ins Leben. Dabei gestehen wird diesem Dasein einen Wert zu, den es angesichts seiner vorbestimmten Endlichkeit nicht hat. Punkt. Gleichzeitig nehmen wir uns mit der Ausschließlichkeitsfestlegung die Chance, in der zeitlichen Begrenztheit unserer Existenz an sich eine lebenswerte Herausforderung zu erkennen. Wenn das Leben zur Beliebigkeit wird, erst dann ist auch das Ende und die Wahl von Zeitpunkt und Art beliebig.

Vor allem aber: wie kommen wir dazu, das Leben, vom Ende her betrachtet, als wertlos zu beurteilen? Ich habe mich lange und intensiv mit dem Thema Palliativmedizin, Hospize und Sterbehilfe befasst, von außen, zugegeben. Aber mir sind fast ausschließlich Menschen begegnet, die jeden ihrer letzten Tage genießen wollten, und viele, denen das durch therapeutische und spirituelle Begleitung auch möglich war. Ich habe keinen ausgeglichenen, angstfreien, von Wärme und Zuwendung umgebenen Menschen erlebt, der, vor die Wahl gestellt, jetzt sofort durch ein Medikament oder später „natürlich“ zu sterben, die erste Variante ergriffen hätte. Ganz sicher gibt es das, dass jemand endlose Qualen leidet und sofortige Erlösung will und sucht. Jeder Tod ist persönlich une einzigartig. Ich möchte ungern den Wunsch eines Menschen erfüllen, seinem Leben hier ein Ende zu setzen. Und ich möchte auf gar keinen Fall einen anderen Menschen in die Lage bringen, mich töten zu sollen. Denn macht die Tatsache, dass ich ihn darum bitte, die Tat an sich für ihn selbst und für sein Gewissen wirklich zu etwas anderem als Mord? Ich finde, nur, wenn ich die Sache persönlich betrachte, nein, mehr persönlich fühle, werde ich der Tragweite dieser Entscheidung gerecht.

Der Bundestag hat entschieden. Ich freue mich über diese Entscheidung. Ich finde die Gefahr gewerbsmäßiger Sterbehilfe, die bis zu 10 Tausend Euro kostet und keineswegs das vom Worgt „Cocktail“ suggerierte Wellnessfeeling mit sich bringt, größer als die Herausforderung, bedarfsgerecht Palliativ- und Hospizdienste einzurichten, damit jeder Mensch, auch du und auch ich, damit wir alle unser sicheres Sterben persönlich gestalten können, vor allem aber bis zum letzten Aztemzug LEBEN. Ich finde, dass diesem Leben bis zum Tod viel zu wenig Beachtung und Würdigung widerfährt.

Angesichts 100 Tausend geplanter Suizide finde ich, dass wir viel mehr in die mitmenschliche Prävention investieren müssen! Länder mit legalisierter aktiver Sterbehilfe zeigen, dass vor allem depressive Menschen und allein Gelassene nach dem „Exit“ greifen. Das ist einer sozialen Gesellschaft nicht würdig.