AdventsKalender MiniKrimi vom 24. Dezember

Kein Krimi. Oder doch. Aber einer, in dem es um uns geht. Um uns und darum, wie wir leben wollen. Welchem Stern wir folgen.

Gedanken zur Christmette 2016 in der Magdalenenkirche in München-Moosach.

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Stern von Bethlehem. Weihnachtsstern. Die Suche nach diesem Licht, von dem z.B. im Matthäus-Evangelium berichtet wird, ist fast so alt wie das Christentum selbst. Schon im zweiten Jahrhundert versuchten die Christen herauszufinden, was damals am Himmel stand. Jahrhundertelang hielt man einen Kometen für den Wegweiser am Himmel. Heute glauben Astronomen, eine Kombination von Jupiter und Merkur sei für das intensive Strahlen verantwortlich gewesen.

Das würde auch erklären, warum der Stern vom Himmel – der ansonsten bis heute erstaunlich ähnlich aussieht – verschwunden ist.

Nicht verschwunden ist der Stern aus der christlichen Tradition. Geschichten, Gedichte, Gemälde, Lieder, Theaterstücke – der Stern ist zur Weihnachtszeit allgegenwärtig. Über jedem Weihnachtsmarkt prangt er, über jeder Krippe strahlt er.

Der Stern hat ein Schlaglicht auf die Welt geworfen, indem er die Armut und das Elend einer kleinen Familie an einer Futterkrippe hell erleuchtet und deutlich sichtbar gemacht hat. Gleichzeitig hat er mit seinem Schein den Weg aus unserer Not erhellt, diesen göttlichen Funken von Hoffnung am Horizont der Nacht.

Aber was ist, wenn am 6. Januar die Krippen eingepackt, wenn die Hütten auf den Märkten verschwunden, die Stücke gespielt, die Lieder verklungen, die Geschichten erzählt worden sind? Dann ist dieser Stern, genau wie sein astronomisches Vorbild, verglüht. Dabei war er doch wegweisend! Und jetzt?

Stellen wir uns mal folgendes vor:

Eine junge Frau steht in einem Block schwarz gekleideter Menschen und begleitet die Pegida-Demonstration auf dem Platz gegenüber mit lauten Buh-Rufen. Für sie ist es unerträglich, dass in ihrem Heimatland, das die Grundwerte von Demokratie und Christentum hochgehalten hat, plötzlich Populisten so viel Zustrom bekommen. Demagogen, die die Menschenwürde nicht achten, nicht die von Ausländern, nicht die von Familien, nicht die von sozial Schwachen. Die junge Frau ist dabei, ihren Glauben zu verlieren, mit dem sie aufgewachsen ist. Zuviel Dunkelheit um sie herum, und täglich breitet sie sich aus!

Ein Mann steht in der Bahnhofshalle. Er ist blind. Und allein. Er möchte einen Freund besuchen. Sein Betreuer in der Behindertenwerkstatt hat ihm dabei geholfen, das Ticket zu kaufen und auszudrucken. Eine Mitbewohnerin hat seinen Rucksack gepackt. Jetzt steht er da und weiß nicht, wo und wie er den Zug finden soll. Barrierefrei reisen – schön und gut! Aber auch, wenn eine Begleitperson kostenfrei mitfährt – zahlen müsste er diese Zeit trotzdem. Das Geld hat er nicht. Und so steht er da, Dunkelheit um ihn herum.

Eine Familie unterm Weihnachtsbaum. Um sie ein bunter Wall aus hastig aufgerissenem oder sorgfältig zusammengelegtem Geschenkpapier. Hinter ihnen auf dem Esstisch die Reste von Pute & Co. Die Danksagungen sind vorüber. Gabensatte Leere breitet sich aus. Man gähnt. „Früher war mehr Lametta“, sagt der Vater scherzhaft. Und die Mutter: „Dann geh doch zu Deinen Eltern“, und die Tochter: „Hier ist doch eh nichts mehr los, kann ich noch zu Natalie?“ Die Mutter trägt den Sohn ins Bett, der Vater löscht die elektrischen Kerzen am Baum. Sie gehen schlafen. Dunkelheit um sie herum.

Ein junger Pfleger sitzt im Bereitschaftszimmer im Altenheim. Keine Kinder, ledig – am Heiligen Abend trifft es immer ihn. Er ist nicht allein – 30 Bewohner auf der Station halten ihn ganz schön auf Trab. Aber er ist einsam. Er hat nicht genug Zeit, um Herrn Müller aufs Klo zu begleiten, also mach er ihn im Bett einfach „frisch“. Er hat keine Zeit, um Frau Bauer die Angst zu nehmen. Die Angst der Dementen vor allem, was sie umgibt. Er möchte gerne mehr für die Leute tun. Aber er kann nicht. Mehr. Also sitzt er da, raucht eine verbotene Zigarette und bläst den Rauch in die Dunkelheit, die ihn umgibt.

Und schließlich sind da die vielen, vielen Menschen, deren Welt finster ist und die in der trostlosen Dunkelheit von Krieg, von bitterem Hunger, von Angst vor Attentaten ausharren müssen. Auch diese Dunkelheit breitet sich unaufhaltsam aus – bis zu uns.

Und jetzt stellen wir uns vor, dass die junge Frau plötzlich am hinteren Ende des Platzes einen Stern auftauchen sieht. Von innen erleuchtet fährt er auf einem seltsamen Motorrad heran, an den verwunderten Polizisten vorbei, mitten hinein in die Pegida-Demo. Ein heller, leuchtender Punkt. Plötzlich sind alle für einen Moment still: der Redner, die Anhänger, die Gegendemonstranten. Und schauen gebannt auf den Stern.

Der Blinde am Bahnhof spürt das Leuchten, irgendwie, er hält sich hinten am Moped fest und geht so geführt den Bahnsteig entlang zu seinem Zug.

Die Tochter steht schon in der Tür, da ruft sie: „Mama, Papa, kommt mal schnell her. Wahnsinn, das gibt’s ja nicht!“ Der Bruder wacht auf, und zusammen staunen sie über den Stern, der ganz langsam und gemächlich an ihrem Haus vorbeituckert, auf einem klapprigen Motorrad. „Will jemand einen Tee?“, fragt die Mutter, denn es ist ganz schön kalt draußen. „Ich mach uns einen Chai, ok?“ sagt die Tochter. Und dann sitzen sie noch eine Stunde am Tisch und erzählen sich Geschichten darüber, was der vorüberfahrende Stern wohl alles erlebt.

Und der junge Pfleger? Als Frau Bauer ihn aufgeregt ruft: Ein Stern! Da fährt ein Stern über den Himmel“, denkt er, sie halluziere. Aber dann steht er eine ganze Weile neben ihr am Fenster, angstvergessen, und bestaunen das Himmelsgefährt.

Wäre das nicht schön? Ein Stern, der unvermittelt auftaucht und unsere Dunkelheiten vertreibt. Die kleinen, persönlichen, die größeren und die ganz großen, weltweiten. Aber –

Nein – hier gibt es kein Aber. Denn dieser Stern ist schon da. Er ist vor Jahrtausenden aufgetaucht, in der Nacht, in der Gott sein Licht in unserer Dunkelheit geboren hat.

Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt (So steht es bei Matthäus im 2. Kapitel) .

Der wahre Stern ist seitdem nie untergegangen, das Leuchten ist immer da. Es ist an uns, es zu suchen. Oder zu finden. Mal spüren wir seine Kraft in uns und merken, wie wir von innen heraus strahlen – das kennen Sie, ja? Wenn wir uns plötzlich so stark fühlen, dass wir Bäume ausreißen könnten – oder Mauern einreißen. Diese Energie lässt uns sprühen, und mit ihr werden wir zum Stern für andere. Und das Beste daran: diesen „Treibstoff“ gibt es ganz umsonst und unbegrenzt. Er ist nicht nur umwelt – er ist auch menschenfreundlich. Mit ihm brauchen wir nichts zu fürchten, oder anders, mit ihm können wir unseren Befürchtungen etwas entgegenhalten. Hoffnung. Glaube, Zuversicht und mehr: Gewissheit. Mit dieser göttlichen Energie können wir Veränderungen wagen, ohne von vorneherein resigniert abzuwinken. Dieser Stern leuchtet nicht nur zu Weihnachten, er leuchtet in und über der ganzen Welt. Über dem Leben und über dem Sterben.

Michael Sailstorfer, der Künstler, der diesen mobilen „Stern von Bethlehem“ geschaffen hat, hat sich in der Produktion und dann, auf den Ausstellungstouren durch die ganze Welt, immer wieder gefragt, wer wohl die Sterne lenkt, denen Menschen heute hinterherlaufen. Ich denke, es lohnt sich, genau hinzuschauen, ob das wirklich Sterne sind oder nur längst verglühte Materienklumpen.

Der wahre Stern von Bethlehem ist jedenfalls in der Christnacht für uns in die Krippe gelegt worden, um unsere Dunkelheit hell zu machen. Nehmen wir sein Licht in uns auf und, lassen wir es leuchten und tragen wir es weiter. In unsere Welt.

Amen.

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