c0109 oder warum ich nicht nach Chemnitz fahre. Heute.

Bei uns daheim herrscht dicke Luft. In der Familie wurde gestern Abend heiß darüber diskutiert, wie und mit wem wir heute nach Chemnitz fahren sollten. Ob – das stand zunächst nicht zur Debatte. Bis ich das Gespräch darauf brachte. Seitdem bin ich Persona non grata im Hause.

Damit kann ich leben. Schlecht. Daher, und auch für mich selbst, damit ich meine Gedanken mal klar auf Linie bringe, hier der Versuch einer Argumentation. Ich hoffe, dass die Kette nicht reißt, zwischen den Zeilen. Und ich bin gespannt, ob es anderen da draußen ähnlich geht, ob ich einen Shitstorm auslöse, bedauerndes Kopfschütteln oder, und das wäre mir am liebsten, klare Kante Gegenargumente. Oder Pro. Oder so.

Ehrlich gesagt, hatte ich vorher nur ein leises Unbehagen, wenn es darum ging, sich zu Demos an entfernten Orten aufzumachen. Noch ehrlicher gesagt, habe ich dieses Unbehagen erst, seitdem ich die Teens+ hinter mir gelassen habe. Vorher, diese Erinnerungen will ich nicht der selektiven Amnesie anheim fallen lassen, vorher also waren Fahrten nach Wackersdorf, La Hague, Dannenberg Ehrensache. Nein, Fukushima nicht. Mehr.

Gestern dann las ich einen Thread auf Instagram, Kommentare zum Post von FeineSahneFischFilet über das Konzert am Montag in Chemnitz. Da äußerten junge AntiFaschisten aus Sachsen ihren Unmut über das Konzert. Da kämen Tausende aus ganz Deutschland wegen der Musik und/oder weil sie Flagge zeigen wollten, gegen die Rechten. „Und am Dienstag sind sie wieder weg, und wir haben hier bei uns niemanden dazu gewonnen, aber die Stimmung ist noch aufgeheizter“, so klagten sie.

Und da begann der Unmut in mir Worte zu finden. Klar, es ist wichtig, zu zeigen: #wirsindmehr! Ebenso klar ist es, dass wir tatsächlich mehr sind. Mehr Demokraten, mehr Leute, die nie wieder Faschismus haben wollen, in Deutschland. Mehr, die nichts gegen Flüchtlinge haben (statistisch gesehen sogar rund 70%, das besagen alle Umfragen).

ABER die Frage, die sich mir stellt, lautet: wie bekommen wir die Lage in Ostdeutschland in den Griff? Als Krimitautorin habe ich schon einen Plot im Kopf, der im Deutschland nach dem Wiederaufbau der Mauer spielt. Aber das ist Autorenfiktion. Wie kriegen wir die Ostdeutschen (also diejenigen von ihnen, die bei Mahnwachen blank ziehen, den Hitlergruß zeigen und „absaufen“ skandieren, wenn es um Flüchtlinge im Mittelmeer gehr) dazu, daran zu glauben, dass Demokratie etwas gutes ist, dass sie weiter ihre Klöße und Rostbratwürste essen können, auch, wenn nebenan eine Dönerbude steht. Ehm – aber das tut sie doch schon, und da gehen sie sogar hin, und gerne….. letztendlich reduziert sich die Frage dann so: wie kriegen wir die rechten Demonstranten dauerhaft von der Straße, in Chemnitz, Dresden und anderswo? Und dann, in der Erweiterung: wie verhindern wir rechte Parolen, Angriffe auf Ausländer und, ja, auch die AfD? Aber diese Frage ist dann schon nicht mehr auf den Osten Deutschlands begrenzt! Tja, so ist das!

Warum also fahre ich nicht nach Chemnitz? Weil ich glaube, dass ich den Chemnitzern, die keine rechten Parolen schreien oder denken, die nichts gegen Geflüchtete haben, die sich noch gut an den zweiten Teil des Rufes „Wir sind das Volk“ erinnern („keine Gewalt“), die sich für die Bilder der nazigrüßenden deutschen Randalierer schämen, die derzeit durch die internationalen Medien kreisen – dass ich diesen Chemnitzern mit meiner Anwesenheit nicht helfe. Nicht wirklich und auch nicht ideell.

Weil ich davon überzeugt sind, dass sie wissen: wirsindmehr! Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass, weil ich auf ihre Straßen gehe, sie das auch tun werden. Weil meine von Bundespolizisten geschützte Anwesenheit sie nicht davor bewahren wird, morgen, wenn ich weg bin, von sächsischen Polizisten, die „im Umgang mit demokratischen Mitteln wie Demonstrationen“ geschult sind, angegriffen zu werden. Oder vom Nachbarn angepöbelt, ausgebuht, im Job gemobbt oder schlimmeres zu werden.

Weil ich denke, dass zu beweisen, dass wir mehr sind, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen, wenn „wir“ aus allen Ecken Deutschlands anreisen. Weil das „wir“ aus den Menschen im Osten heraus kommen muss, um einen Zusammenhalt zu schmieden, um einen Sinneswandel anzustoßen.

Auf meine Frage, warum so viele Menschen im Osten so fremdenfeindlich seien, so demokratieverdrossen nach so kurzer Zeit, so unheimlich hasserfüllt, antwortete mir eine junge Studentin, die als Kind in Dresden gelebt und später nach München zurück gekommen ist. Ihre Antwort gibt mir zu denken:

Die Menschen im Osten haben Angst. Es leben kaum Ausländer dort, aber sie haben Angst, dass in der Zukunft viele Geflüchtete dorthin kommen könnten. Weil so viele Häuser leer stehen, weil im Osten mehr Platz ist als im Westen. Sie haben Angst, dass die ihnen dann was wegnehmen von dem wenigen, was sie haben. Weil sie das Gefühl haben, von der Wende übervorteilt worden zu sein. Weil sie unzufrieden sind und jemanden suchen, dem sie dafür die Schuld geben können. Weil sie mit der großen Freiheit, der Meinungen, der Wahl, der Freiheit zu gewinnen – aber auch zu verileren, nichts anfangen können. Weil es ihnen Angst macht, dass keiner mehr für sie entscheidet. Weil sie selbst nicht entscheiden können, sondern nur fordern und dann erwarten, dass sie alles kriegen.

Boah, starker Tobak. Ist das so? Ich habe selbst Verwandte „drüben“. Und ich kann eines beisteuern, hier. Ich habe erlebt, dass die Abgrenzung zum Westen in den Köpfen der Menschen dort erfolgt. Dass sie, nachdem sie „eins“ geworden sind mit den Geschwistern im Westen, einen Identitätsverlust erlebt haben, den sie mit DDR- Reminiszenzen kompensieren. Von der Spreewaldgurken über die Datsche bis hin zu Redewendungen. Wir haben das DDR-Sandmännchen schon immer schöner gefunden und freuen uns, es jetzt deutschlandweit zu haben. Sie sagen, wir haben es geklaut. Wie die Ampelmännchen.

Und singen das Deutschlandlied und brüllen den Hitlerruf – und vergessen, dass er es war, der „unsere Heimat“ in Schutt und Asche gelegt hat und letztendlich daran Schuld ist, dass sie 40 Jahre in der DDR gefangen waren. In die sie jetzt zurück möchten, oder? Mensch, was wollen die eigentlich???

Vielleicht ist das die Kernfrage, die wir uns alle stellen müssen. Vielleicht wäre die Antwort darauf die Lösung des Problems. Denn dass es ein Problem ist, ist unbestritten. Die auf der Straße haben ein Problem, und die hinter den Vorhängen auch, und wir ebenfalls.

„Unsere Frauen haben Angst, auf die Straße zu gehen. Wegen der Ausländer.“ Das mag sein, aber das Problem existiert nur in den Köpfen. Statistisch gesehen verüben viel weniger Ausländer Straftaten als Deutsche. In Westdeutschland, und allemal in Ostdeutschland, denn dort gibt es praktisch keine Ausländer. Aber wie geht man mit einer Fake Reality um, die sich ausbreitet wie Masern in den Köpfen der Leute?

Ich fahre nicht nach Chemnitz. Aber ich möchte dazu beitragen, dass rechte Gedankengut aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. In Dresden, in Karl-Marx-Stadt und überall. Ich glaube, das geht nur durch Erziehung. Durch kulturelle Begegnungen. Von Kindern. Und Eltern. Nur so geht das!

Wenn ich doch nach Chemnitz gehen würde, dann im Rahmen eines Projektes, dass gezielt Familien verbindet. Deutsche und ausländische. Wenn ich denn solche fände, dort. Und ich glaube, auch in Dresden sollten alle, die rechtes Denken bekämpfen wollen, sich solche Projekte suchen, sie aufbauen, sich vernetzen mit Kirchen, ja, mit Kirchen. Mit sozialen Organisationen. Mit linken Strukturen. Mit Studenten. Ich glaube, Veränderung braucht Zeit und muss in die Herzen der Kinder gepflanzt werden.

Wenn oben auf dem Podium bei einer Demo Kinder stünden, blonde Kinder mit großen blauen Augen, schwarze Kinder mit großen braunen Augen, wenn Kinder durch die Reihen der Demonstranten gehen würden, mit offenen Armen. Würde ein Rechter ein solches Kind schlagen?

Eine Freundin von mir, die ich seitdem nicht mehr treffe, erklärte auf einem Fest, es sei jetzt endlich genug mit den Asylanten. Bei uns gäbe es genug Arme. Darauf gehe ich jetzt nicht ein, dazu schreibe ich ein andermal. Auf diesem Fest waren auch Menschen aus Indien, aus afrikanischen Ländern. Zwei kleine Mädchen tanzten zusammen. Ein blondes und ein schwarzgelocktes. „Guck mal, wie süß!“, sagte meine Freundin. „Das Mädchen ist aber eine Asylantin“, sagte ich. „Trotzdem. Die muss natürlich bleiben“, erklärte meine Freundin hingerissen. Vielleicht sollten wir viel mehr auf dieser Logikebene spielen……

Advertisements

Adventskalender-MiniKrimi am 12. Dezember

1452869525-urn-newsml-dpa-com-20090101-170116-99-898054_large_4_3-1wa7

Liebe Adventskalender-MiniKrimi-Freunde,

heute habe ich für Euch ein ganz besonderes „Schmankerl“: Das Krimi-Debut meiner lieben Autorenkollegin Gabriele Auth. Ich finde, der Text hat alles, was ein echter Krimi braucht. Aber lest selbst!

Schritte

Schritte. Hinter mir. Im gleichen Takt wie meine eigenen. Die ganze Zeit.
Warum sind die verdammten Laternen so trübe? Oder liegt das am Nebel? In den Fenstern der Häuser brennt kein Licht. Dunkel ist es. Stockdunkel. Ein seltsames Wort.

Die Schritte hinter mir werden schneller, wenn ich schneller werde.
Mein Atem will ausbrechen. Die Lunge sprengen. Fast schon hechelnd.
Bloß nicht umdrehen. Nicht über die Schulter sehen.

Schritte, die näher kommen.
Schneller, ich muss schneller gehen. Die verfluchten

Stiefel haben so hohe Absätze. Ich wollte ja heute unbedingt sexy sein. Mein Atem steht in weißen Wolken in der Winterluft,
geht schnell. Viel zu schnell. Wie die Schritte.

Cool bleiben oder losrennen?

Der Typ in der Kneipe, der mich die ganze Zeit so angestarrt hat. Als ich raus ging, streifte seine Hand meinen Rücken.
Dem möchte ich nicht im Dunklen begegnen, dachte ich.
Es ist dunkel. Ob er…?

Ich laufe schneller. Mein Atem keucht. Oh Gott. Ich will nicht… ich renne.

Die fremden Schritte rennen mit. Die Stiefel ausziehen. Auf Strümpfen wäre ich schneller.
Nein.
Ich müsste dazu kurz stehen bleiben.
Auf. Gar. Keinen. Fall.

In meinem Magen wabert eine dunkle amorphe Masse. In meinem Mund ein Geschmack wie schwarzes Silber.
Woher weiß ich wie das schmeckt?

Die Schritte kommen näher.
Da vorne. Die Kreuzung. Auf der anderen Straßenseite sind Geschäfte. Hell erleuchtet. Nur noch über die Straße.
Rennen.
Keuchen.
Rennen.

Keucht es hinter mir auch?
Ist das Atemluft, die kühl auf meinen Nacken trifft?
Die kleinen Härchen richten sich auf.

Endspurt.

Rennen.

Die Straße. Schnell. Schneller. Ich. Das Auto. Ein  Mercedes.

Verdammt. Bremsen kreischen.
Im Fallen geht mein Blick zurück.

Da ist niemand. Niemand.

Ich…

Schwarz.

MiniKrimi am 3. Dezember

Darum geht es nicht.

„Mist, Mist, Mist. Verdammter Mist!“ Manfred spürt, wie ihm die Hitze in die Stirn steigt. Schweißperlen tropfen vom Rand der Skimaske auf seine Wimpern. „Verdammt, Harry, wo bleibst du?“ Er schüttelt sein Handy. Eine reine Übersprungshandlung. Das Display bleibt dunkel. Harry ruft nicht an. Bis jetzt ist alles perfekt nach Plan verlaufen.  Von dem Moment an, wo Manfred in den Schalterraum gesprungen ist und gebrüllt hat (etwas zu laut, aber daran waren die vielen US-Serien schuld, die er sich als Trainingsvideos reingezogen hatte) „Das ist ein Überfall“, bis jetzt, wo er mit einem Rucksack und zwei Plastiktüten voller Geld an der Tür steht. Die Leute in der Bank haben mitgemacht, als hätten sie ihre Rollen auswendig gelernt. Die Kunden haben sich auf den Boden gelegt, die Angestellten unter die Bänke. Keiner hat gewagt, den Alarm auszulösen, nachdem Manfred dem Filialleiter rein prophylaktisch die Hand zerschossen hat, mit seiner alten, vor Jahren geklauten Walther PPK. Die Männer haben sich vor Angst in die Hosen gemacht! Und die Frauen haben gewimmert. „Bitte, tun Sie mir nichts!“ Und es hat fast so geklungen, als wären sie bereit, sogar die Beine breit zu machen, für ihn, wenn er es ihnen befehlen würde. Eine Sekunde lang spielt Manfred mit dem Gedanken. Wenn er sowieso auf Harry warten muss….. Aber das ist natürlich nur ein Trick, den ihm das Adrenalin spielt. Er weiß genau, er hat noch höchstens fünf Minuten, dann kriegen die Bullen Wind von dem Überfall. Schon stehen die ersten Passanten vor der Bank, einer zückt sein Handy. „Verdammt, Harry, warum kommst du nicht?“

Manfred weiß es nicht, aber Harry kann nicht kommen. Auf dem Weg zur Bankfiliale ist ihm einer reingefahren, während er in seinem gestohlenen Wagen brav an der roten Ampel hielt. In diesem Moment klebt Harry am Airbag, sieht tausend Sterne und wird von Passanten so aufmerksam umsorgt, dass er nicht mal abhauen kann, bevor die Polizei auftaucht.

Manfred muss sich entscheiden. Er fuchtelt ein letztes Mal mit der Walther in der Luft herum, schießt eine Neonröhre von der Decke und schreit: „Keiner rührt sich, bis ich weg bin, ich knall euch auch durch die Scheibe ab, wenn’s sein muss!“ Dann geht er auf die Straße und hält das rote Auto an, das gerade vor der Bank einparkt. Er springt auf die Straße, reißt die Fahrertür einen Spalt weit auf und zischt: „Los, aussteigen, aber’n bisschen pronto.“ Dabei hält er der Fahrerin die Pistole direkt vors Gesicht. Sie schaut ihn an. Aus großen, braunen, mit schwarzem Kajal ummalten Augen. Sagt kein Wort. Und bewegt sich nicht. „Hey, du Schlampe. Wird’s bald?“ Keine Reaktion. Sie schaut ihn nur an aus ihren großen braunen Augen. Schweigend. Und Manfred schaut zurück. Das hat er noch nie erlebt. Sie gehorcht ihm einfach nicht. Gehorcht. Ihm. Nicht. Hat sie keine Angst? Was mach ich jetzt?, schießt es ihm durch den Kopf. Seine Verwirrung dauert nur ein, zwei Sekunden. Doch das genügt. Sie packt den Griff der Autotür von innen und schlägt sie ihm, so fest sie kann, gegen den zu ihr gebeugten Kopf.

Manfred fällt zu Boden. Und dann, endlich, kommen zwei, drei, vier Personen, entreißen ihm die Waffe. Die Polizei ist da. Als sie ihm Handschellen anlegen, dreht er den Kopf und schaut herüber zu der Frau im Auto. Auf der Scheibe klebt ein großes Rollstuhlfahrerzeichen. „Warum haben Sie das nicht gesagt?“ hört er sich rufen.

„Darum ging es nicht“, ruft sie zurück. Und schaut ihn an. Aus großen, braunen, schwarz ummalten Augen.

Frau ohne Gefühle IV

„Liebe, sehr verehrte Frau von Kühl, ich muss Ihnen schreiben, weil ich gerade Ihren Roman Schneckenhaut gelesen habe. Ich bin ganz ehrlich – noch nie zuvor habe ich ein Buch so sehr mit allen Sinnen, ja, verschlungen. Es lässt mich nicht mehr los. Es verfolgt mich in meinen Träumen. Nachts wache ich auf und trage den Geschmack Ihrer Worte auf der Zungenspitze. Ach was, das schreibt Ihnen sicher jeder zweite Verehrer. Aber ich, ich schmecke nicht nur Ihre Sätze, ich koste ihren geheimen Hintersinn. Ich weiß, was sie nicht geschrieben haben. Ich kenne den dunkelsten Ursprung jeder Silbe, die Sie verschwiegen haben. Ich muss Sie  – nein, nicht kennenlernen. Ich weiß bereits, wer Sie sind. Aber Sie. Sie müssen mich treffen. Haben Sie Geduld. Auch, wenn es Ihnen schwer fällt. Ich werde Sie zu finden wissen. Im geeigneten Moment. Warten Sie. Auf mich.“

Marisa C. – nachdem sie das erste Mal die Bestsellerliste im Spiegel angeführt hatte, ersetzte sie den Rest ihres Nachnamens durch einen schlichten Punkt – kräuselte die Stirn. Sie bekam im Durchschnitt zehn Leserbriefe pro Tag. Drei wollten ihr Buch signiert haben, vier wollten mit ihr Kaffee trinken, einer wollte sie ermorden – aus Eifersucht. Und zwei wollten ihre genaue Adresse, um ihr eine Torte oder einen selbstgehäkelten, mit Arsen getränkten Pullover zu schicken. Oder so. Sie zerknüllte das blassblaue Papier, hob träge die Hand und zielte mit spitzen Fingern auf den Papierkorb. Aber dann hielt sie ihre Bewegung an. Wie in Zeitlupe zog sie den ausgestreckten Arm wieder an. Ließ das Papierbällchen in ihren Schoß fallen. Und schloss die Augen.

„Ich muss nachdenken. Ich muss……“ Etwas in diesem Brief machte ihr Angst. Sie fühlte es. Sie wusste es. Aber es gelang ihr nicht, es zu benennen. Noch nicht. „Ich muss nachdenken….“

Und heute mal ein Nano-Fast-Liebesroman: Panik

Dienstagmorgen in der vollen U-Bahn: Zwei junge Leute stehen nebeneinander im Gedränge.  In einer Kurve rempelt sie ihn aus Versehen an. Ihre Blicke treffen sich. „Nettes Mädel“, denkt er und lächelt. Sie schaut ihm in die Augen. Ihre Lippen verziehen sich zu einem breiten Strich. Dann guckt sie weg. „Schade“, denkt er. „Ich gefalle ihr nicht. Sonst hätte sie zurückgelächelt“. Beim nächsten Halt steigt sie aus, dreht sich am Bahnsteig nochmal um und sieht ihn an, ohne ein Lachen. „Mist“, denkt sie auf der Rolltreppe, „immer das gleiche. So ein süßer Typ. Bestimmt denkt er, ich fand ihn doof. Scheißangst! Morgen geh ich zum Zahnarzt. Zum ersten Mal in meinem Leben…. Oder übermorgen….oder…“