Adventskalender-MiniKrimi am 12. Dezember

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Liebe Adventskalender-MiniKrimi-Freunde,

heute habe ich für Euch ein ganz besonderes „Schmankerl“: Das Krimi-Debut meiner lieben Autorenkollegin Gabriele Auth. Ich finde, der Text hat alles, was ein echter Krimi braucht. Aber lest selbst!

Schritte

Schritte. Hinter mir. Im gleichen Takt wie meine eigenen. Die ganze Zeit.
Warum sind die verdammten Laternen so trübe? Oder liegt das am Nebel? In den Fenstern der Häuser brennt kein Licht. Dunkel ist es. Stockdunkel. Ein seltsames Wort.

Die Schritte hinter mir werden schneller, wenn ich schneller werde.
Mein Atem will ausbrechen. Die Lunge sprengen. Fast schon hechelnd.
Bloß nicht umdrehen. Nicht über die Schulter sehen.

Schritte, die näher kommen.
Schneller, ich muss schneller gehen. Die verfluchten

Stiefel haben so hohe Absätze. Ich wollte ja heute unbedingt sexy sein. Mein Atem steht in weißen Wolken in der Winterluft,
geht schnell. Viel zu schnell. Wie die Schritte.

Cool bleiben oder losrennen?

Der Typ in der Kneipe, der mich die ganze Zeit so angestarrt hat. Als ich raus ging, streifte seine Hand meinen Rücken.
Dem möchte ich nicht im Dunklen begegnen, dachte ich.
Es ist dunkel. Ob er…?

Ich laufe schneller. Mein Atem keucht. Oh Gott. Ich will nicht… ich renne.

Die fremden Schritte rennen mit. Die Stiefel ausziehen. Auf Strümpfen wäre ich schneller.
Nein.
Ich müsste dazu kurz stehen bleiben.
Auf. Gar. Keinen. Fall.

In meinem Magen wabert eine dunkle amorphe Masse. In meinem Mund ein Geschmack wie schwarzes Silber.
Woher weiß ich wie das schmeckt?

Die Schritte kommen näher.
Da vorne. Die Kreuzung. Auf der anderen Straßenseite sind Geschäfte. Hell erleuchtet. Nur noch über die Straße.
Rennen.
Keuchen.
Rennen.

Keucht es hinter mir auch?
Ist das Atemluft, die kühl auf meinen Nacken trifft?
Die kleinen Härchen richten sich auf.

Endspurt.

Rennen.

Die Straße. Schnell. Schneller. Ich. Das Auto. Ein  Mercedes.

Verdammt. Bremsen kreischen.
Im Fallen geht mein Blick zurück.

Da ist niemand. Niemand.

Ich…

Schwarz.

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MiniKrimi am 3. Dezember

Darum geht es nicht.

„Mist, Mist, Mist. Verdammter Mist!“ Manfred spürt, wie ihm die Hitze in die Stirn steigt. Schweißperlen tropfen vom Rand der Skimaske auf seine Wimpern. „Verdammt, Harry, wo bleibst du?“ Er schüttelt sein Handy. Eine reine Übersprungshandlung. Das Display bleibt dunkel. Harry ruft nicht an. Bis jetzt ist alles perfekt nach Plan verlaufen.  Von dem Moment an, wo Manfred in den Schalterraum gesprungen ist und gebrüllt hat (etwas zu laut, aber daran waren die vielen US-Serien schuld, die er sich als Trainingsvideos reingezogen hatte) „Das ist ein Überfall“, bis jetzt, wo er mit einem Rucksack und zwei Plastiktüten voller Geld an der Tür steht. Die Leute in der Bank haben mitgemacht, als hätten sie ihre Rollen auswendig gelernt. Die Kunden haben sich auf den Boden gelegt, die Angestellten unter die Bänke. Keiner hat gewagt, den Alarm auszulösen, nachdem Manfred dem Filialleiter rein prophylaktisch die Hand zerschossen hat, mit seiner alten, vor Jahren geklauten Walther PPK. Die Männer haben sich vor Angst in die Hosen gemacht! Und die Frauen haben gewimmert. „Bitte, tun Sie mir nichts!“ Und es hat fast so geklungen, als wären sie bereit, sogar die Beine breit zu machen, für ihn, wenn er es ihnen befehlen würde. Eine Sekunde lang spielt Manfred mit dem Gedanken. Wenn er sowieso auf Harry warten muss….. Aber das ist natürlich nur ein Trick, den ihm das Adrenalin spielt. Er weiß genau, er hat noch höchstens fünf Minuten, dann kriegen die Bullen Wind von dem Überfall. Schon stehen die ersten Passanten vor der Bank, einer zückt sein Handy. „Verdammt, Harry, warum kommst du nicht?“

Manfred weiß es nicht, aber Harry kann nicht kommen. Auf dem Weg zur Bankfiliale ist ihm einer reingefahren, während er in seinem gestohlenen Wagen brav an der roten Ampel hielt. In diesem Moment klebt Harry am Airbag, sieht tausend Sterne und wird von Passanten so aufmerksam umsorgt, dass er nicht mal abhauen kann, bevor die Polizei auftaucht.

Manfred muss sich entscheiden. Er fuchtelt ein letztes Mal mit der Walther in der Luft herum, schießt eine Neonröhre von der Decke und schreit: „Keiner rührt sich, bis ich weg bin, ich knall euch auch durch die Scheibe ab, wenn’s sein muss!“ Dann geht er auf die Straße und hält das rote Auto an, das gerade vor der Bank einparkt. Er springt auf die Straße, reißt die Fahrertür einen Spalt weit auf und zischt: „Los, aussteigen, aber’n bisschen pronto.“ Dabei hält er der Fahrerin die Pistole direkt vors Gesicht. Sie schaut ihn an. Aus großen, braunen, mit schwarzem Kajal ummalten Augen. Sagt kein Wort. Und bewegt sich nicht. „Hey, du Schlampe. Wird’s bald?“ Keine Reaktion. Sie schaut ihn nur an aus ihren großen braunen Augen. Schweigend. Und Manfred schaut zurück. Das hat er noch nie erlebt. Sie gehorcht ihm einfach nicht. Gehorcht. Ihm. Nicht. Hat sie keine Angst? Was mach ich jetzt?, schießt es ihm durch den Kopf. Seine Verwirrung dauert nur ein, zwei Sekunden. Doch das genügt. Sie packt den Griff der Autotür von innen und schlägt sie ihm, so fest sie kann, gegen den zu ihr gebeugten Kopf.

Manfred fällt zu Boden. Und dann, endlich, kommen zwei, drei, vier Personen, entreißen ihm die Waffe. Die Polizei ist da. Als sie ihm Handschellen anlegen, dreht er den Kopf und schaut herüber zu der Frau im Auto. Auf der Scheibe klebt ein großes Rollstuhlfahrerzeichen. „Warum haben Sie das nicht gesagt?“ hört er sich rufen.

„Darum ging es nicht“, ruft sie zurück. Und schaut ihn an. Aus großen, braunen, schwarz ummalten Augen.

Frau ohne Gefühle IV

„Liebe, sehr verehrte Frau von Kühl, ich muss Ihnen schreiben, weil ich gerade Ihren Roman Schneckenhaut gelesen habe. Ich bin ganz ehrlich – noch nie zuvor habe ich ein Buch so sehr mit allen Sinnen, ja, verschlungen. Es lässt mich nicht mehr los. Es verfolgt mich in meinen Träumen. Nachts wache ich auf und trage den Geschmack Ihrer Worte auf der Zungenspitze. Ach was, das schreibt Ihnen sicher jeder zweite Verehrer. Aber ich, ich schmecke nicht nur Ihre Sätze, ich koste ihren geheimen Hintersinn. Ich weiß, was sie nicht geschrieben haben. Ich kenne den dunkelsten Ursprung jeder Silbe, die Sie verschwiegen haben. Ich muss Sie  – nein, nicht kennenlernen. Ich weiß bereits, wer Sie sind. Aber Sie. Sie müssen mich treffen. Haben Sie Geduld. Auch, wenn es Ihnen schwer fällt. Ich werde Sie zu finden wissen. Im geeigneten Moment. Warten Sie. Auf mich.“

Marisa C. – nachdem sie das erste Mal die Bestsellerliste im Spiegel angeführt hatte, ersetzte sie den Rest ihres Nachnamens durch einen schlichten Punkt – kräuselte die Stirn. Sie bekam im Durchschnitt zehn Leserbriefe pro Tag. Drei wollten ihr Buch signiert haben, vier wollten mit ihr Kaffee trinken, einer wollte sie ermorden – aus Eifersucht. Und zwei wollten ihre genaue Adresse, um ihr eine Torte oder einen selbstgehäkelten, mit Arsen getränkten Pullover zu schicken. Oder so. Sie zerknüllte das blassblaue Papier, hob träge die Hand und zielte mit spitzen Fingern auf den Papierkorb. Aber dann hielt sie ihre Bewegung an. Wie in Zeitlupe zog sie den ausgestreckten Arm wieder an. Ließ das Papierbällchen in ihren Schoß fallen. Und schloss die Augen.

„Ich muss nachdenken. Ich muss……“ Etwas in diesem Brief machte ihr Angst. Sie fühlte es. Sie wusste es. Aber es gelang ihr nicht, es zu benennen. Noch nicht. „Ich muss nachdenken….“

Und heute mal ein Nano-Fast-Liebesroman: Panik

Dienstagmorgen in der vollen U-Bahn: Zwei junge Leute stehen nebeneinander im Gedränge.  In einer Kurve rempelt sie ihn aus Versehen an. Ihre Blicke treffen sich. „Nettes Mädel“, denkt er und lächelt. Sie schaut ihm in die Augen. Ihre Lippen verziehen sich zu einem breiten Strich. Dann guckt sie weg. „Schade“, denkt er. „Ich gefalle ihr nicht. Sonst hätte sie zurückgelächelt“. Beim nächsten Halt steigt sie aus, dreht sich am Bahnsteig nochmal um und sieht ihn an, ohne ein Lachen. „Mist“, denkt sie auf der Rolltreppe, „immer das gleiche. So ein süßer Typ. Bestimmt denkt er, ich fand ihn doof. Scheißangst! Morgen geh ich zum Zahnarzt. Zum ersten Mal in meinem Leben…. Oder übermorgen….oder…“