Adventskalender-MiniKrimi am 21. Dezember

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Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer seinen Fang, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch einem  flüchtigen Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und schon Stunden später bitterlich bereut.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heilig Abend nicht zu mir. Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“

 

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Adventskalender-MiniKrimi vom 19. Dezember

 

Krippenmacher

Seit dem 15. Jahrhundert machen Krippen das Geheimnis von Weihnachten begreifbar – im wörtlichen Sinn. Längst stehen sie nicht mehr nur in Kirchen. Und obwohl sie in den meisten Fällen ein ländlich-ärmliches Stilleben darstellen, sind die wirklich schönen, die mit den ausdrucksstarken Gesichtern und den liebevollen Details, nur für viel Geld zu haben. Und manchmal reicht nicht einmal das. Das Christkind ist zwar in Palästina geboren, aber die beliebtesten Krippen stehen in alpenländischen Schobern, die Hirten warten durch knietiefen Schnee, Lämmer auf den Schultern. Man möchte unwillkürlich der knienden Maria ein Schafsfell überwerfen und das Kind in dicke Decken hüllen. Krippenbauer aus den bayerischen Bergen haben zuweilen ganz genaue Vorstellungen davon, wo „ihre“ Krippen stehen sollen – und wo nicht.

Eberhard K. Wiesner ist ein Selfmademan, wie er im Buche steht. Hat als Putzmann angefangen und sich konsequent hochgeschrubbt. Heute steht vor fast jedem Bürohaus in München ein „Wiesner-wienert-Auto“. Seine Frau  – die 3. – findet den Slogan peinlich. Aber Eberhard weiß, dass der sitzt. Und darauf kommt es an. Bei seiner Frau allerdings kommt Eberhard derzeit nicht sehr gut an. Sie ist eine „Zugroaste“, aber sie will das so gut wie möglich verheimlichen. Will „daheim“ sein in Bayern. Und dazu gehört neben dem Prunkdirndl und dem Wiesntisch beim Käfer eine große weihnachtliche Krippe. Von einem renommierten Krippenbauer. Vom besten. Das das ist der Huber Schorsch in Unterammergau. Sie hat seine Krippen gesehen, bei der Frau Bürgermeister. Und bei diversen anderen Honoratioren. Im Stall stehen Ochs und Esel, aber auch Gänse, Hühner und Enten. Maria hat zarte braune Locken, ein blasses Dirndl und ein Gesicht zum Verlieben. Und die Details! Eisblumen an den Fenstern. Innen sieht man die Stube samt Kachelofen und Fleckenteppichen. Ganz klar: Eine Huberkrippe muss e sein. Aber der Huber Schorsch weigert sich seit nun schon sechs Monaten, den Wiesners eine Krippe zu bauen. Nicht nur das, er ist nicht einmal bereit, ihnen eine fertige Krippe zu verkaufen. Für kein Geld der Welt.

Jetzt ist schon Advent, und in der Villa in Grünwald steht immer noch keine Krippe. Frau Wiesner ist außer sich. Sie beschimpft den Huber am Telefon, sie beschimpft ihren Mann beim Essen und im Schlafzimmer. Der zuckt ergeben die Schultern und zieht schließlich mit der Bettdecke in eines der vielen Gästezimmer. Seine Frau geht ihm zunehmend auf die Nerven. Morgen wird er nochmal beim Huber Schorsch anrufen.

Als Eberhard aufsteht – heute muss er ausnahmsweise erst zur Spätschicht raus, um seine Leute zu kontrollieren – ist seine Frau schon weg.

Sie hat sich so über ihn geärgert, dass sie kaum geschlafen hat. Um acht Uhr ist sie in ihren SUV geklettert und Richtung Alpen gefahren. Jetzt verlässt sie die Autobahn. Die Straße sieht aus wie ein Tunnel, auf beiden Seiten türmen sich Wände aus Schnee. Die Berge drohen weiß und  kalt vor einem schiefergrauen Himmel. Die Tannenbäume am Rand der Hauptstraßen sind lichtbekränzt und leuchten um neun Uhr früh immer noch. Sie ist ein Stadtkind von der Reeperbahn, Die Berge, die Holzhäuser mit den windschiefen Balkonen und den verblassten Bildern an den Wänden machen ihr Angst. Genauso wie die Frauen, die auch an einem ganz normalen Tag im Trachtenrock auf die Straße gehen, oder, schlimmer, die Männer mit den dichten Bärten und dem Wildererblick. Sie fährt durch schmale Gassen, die alten Häuser auf beiden Seiten so winrschief, dass sie sich beinahe berühen. Und kein Laut. In der Stadt ist immer ein Grundton zu hören. Ein Rauschen aus Autobahn, Zügen und Menschen. Aber hier: Stille. Mal bellt ein Hund, mal kräht ein Hahn. Sonst nichts.

Dort hinten ist das Huberhaus. „Krippenmacher“ prangt das bunte Holzschild groß und trügerisch. Von wegen. Ihr macht er keine. Aber das wird sich zeigen. Jetzt. Sie parkt auf dem Hof. Steigt aus dem SUV. Niemand da? Überall Holz. Sogar oben auf der Tenne stehen schwere Klötze. Eine neue Lieferung? Als sie näherkommt, löst sich ein Klotz und fällt hinab. Sie ist auf der Stelle tot. Genickbruch. So ein Unglück. Der Huber Schorsch kommt gleich angerannt, er war nur kurz beim Bäcker. Mei, das tut ihm so leid! Um den Schaden zumindest halbwegs wieder gut zu machen, schenkt er dem Wiesner Eberhard seine schönste Krippe.

Naja, was heißt schenken. Der Wiesner hat ihn gut dafür bezahl, dass er ihm dabei geholfen hat, Frau Wiesner III. zu entsorgen. Und so hütet die Krippe wieder ein Weihnachtsgeheimnis.

Adventskalender-MiniKrimi vom 18. Dezember

Manchmal ist eine Story so gut, dass man sie ruhig nochmal bringen kann. Bitte sehr:

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Darum geht es nicht.

„Mist, Mist, Mist. Verdammter Mist!“ Manfred spürt, wie ihm die Hitze in die Stirn steigt. Schweißperlen tropfen vom Rand der Skimaske auf seine Wimpern. „Verdammt, Harry, wo bleibst du?“ Er schüttelt sein Handy. Eine reine Übersprungshandlung. Das Display bleibt dunkel. Harry ruft nicht an. Bis jetzt ist alles perfekt nach Plan verlaufen.  Von dem Moment an, wo Manfred in den Schalterraum gesprungen ist und gebrüllt hat (etwas zu laut, aber daran waren die vielen US-Serien schuld, die er sich als Trainingsvideos reingezogen hatte) „Das ist ein Überfall“, bis jetzt, wo er mit einem Rucksack und zwei Plastiktüten voller Geld an der Tür steht. Die Leute in der Bank haben mitgemacht, als hätten sie ihre Rollen auswendig gelernt. Die Kunden haben sich auf den Boden gelegt, die Angestellten unter die Bänke. Keiner hat gewagt, den Alarm auszulösen, nachdem Manfred dem Filialleiter rein prophylaktisch die Hand zerschossen hat, mit seiner alten, vor Jahren geklauten Walther PPK. Die Männer haben sich vor Angst in die Hosen gemacht! Und die Frauen haben gewimmert. „Bitte, tun Sie mir nichts!“ Und es hat fast so geklungen, als wären sie bereit, sogar die Beine breit zu machen, für ihn, wenn er es ihnen befehlen würde. Eine Sekunde lang spielt Manfred mit dem Gedanken. Wenn er sowieso auf Harry warten muss….. Aber das ist natürlich nur ein Trick, den ihm das Adrenalin spielt. Er weiß genau, er hat noch höchstens fünf Minuten, dann kriegen die Bullen Wind von dem Überfall. Schon stehen die ersten Passanten vor der Bank, einer zückt sein Handy. „Verdammt, Harry, warum kommst du nicht?“

Manfred weiß es nicht, aber Harry kann nicht kommen. Auf dem Weg zur Bankfiliale ist ihm einer reingefahren, während er in seinem gestohlenen Wagen brav an der roten Ampel hielt. In diesem Moment klebt Harry am Airbag, sieht tausend Sterne und wird von Passanten so aufmerksam umsorgt, dass er nicht mal abhauen kann, bevor die Polizei auftaucht.

Manfred muss sich entscheiden. Er fuchtelt ein letztes Mal mit der Walther in der Luft herum, schießt eine Neonröhre von der Decke und schreit: „Keiner rührt sich, bis ich weg bin, ich knall euch auch durch die Scheibe ab, wenn’s sein muss!“ Dann geht er auf die Straße und hält das rote Auto an, das gerade vor der Bank einparkt. Er springt auf die Straße, reißt die Fahrertür einen Spalt weit auf und zischt: „Los, aussteigen, aber’n bisschen pronto.“ Dabei hält er der Fahrerin die Pistole direkt vors Gesicht. Sie schaut ihn an. Aus großen, braunen, mit schwarzem Kajal ummalten Augen. Sagt kein Wort. Und bewegt sich nicht. „Hey, du Schlampe. Wird’s bald?“ Keine Reaktion. Sie schaut ihn nur an aus ihren großen braunen Augen. Schweigend. Und Manfred schaut zurück. Das hat er noch nie erlebt. Sie gehorcht ihm einfach nicht. Gehorcht. Ihm. Nicht. Hat sie keine Angst? Was mach ich jetzt?, schießt es ihm durch den Kopf. Seine Verwirrung dauert nur ein, zwei Sekunden. Doch das genügt. Sie packt den Griff der Autotür von innen und schlägt sie ihm, so fest sie kann, gegen den zu ihr gebeugten Kopf.

Manfred fällt zu Boden. Und dann, endlich, kommen zwei, drei, vier Personen, entreißen ihm die Waffe. Die Polizei ist da. Als sie ihm Handschellen anlegen, dreht er den Kopf und schaut herüber zu der Frau im Auto. Auf der Scheibe klebt ein großes Rollstuhlfahrerzeichen. „Warum haben Sie das nicht gesagt?“ hört er sich rufen.

„Darum ging es nicht“, ruft sie zurück. Und schaut ihn an. Aus großen, braunen, schwarz ummalten Augen.

Adventskalender-MiniKrimi am 17. Dezember

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Ein zu perfekter Plan

Das Hauptproblem bei einem erfolgreichen Überfall fängt an, wenn du das Geld eingesackt hast. Dann musst du fliehen, und dabei darfst du dich nicht erwischen lassen. Am besten, du tauchst gar nicht erst am Tatort auf. Nur dann hast du ein wasserdichtes Alibi. Aber wie kann das gehen?

Was für Gangster alten Schlags wochenlange Detailplanung bedeutete, ist für den kriminellen Nachwuchs – und solche, die es werden wollen – eher eine Frage des Breitbandausbaus. „Alexa, wir wollen die Löwenthal-Bank überfallen. Welcher Tag ist der günstigste?“ Jan und Mika räkeln sich auf dem Sofa und warten darauf, dass Alexa ihre digitalen Berechnungen beendet. „Donnerstag Nachmittag um 14.20 Uhr. Um diese Zeit sind statistisch gesehen die wenigsten Kunden in der Bank. Das Geld der Woche wird gerade zur Abholung vorbereitet. Um 14.30 Uhr kommt der Transporter. Ihr habt genau 10 Minuten.“ „Danke, Alexa.“ „Bitte, Jan.“

Heute ist Dienstag. Zwei Tage müssen für die Vorbereitungen reichen. „Alexa, bestelle alles, was wir für einen Banküberfall brauchen. Aber bitte diskret.“ „Sehr gerne, Jan. Ich darf das Darknet benutzen?“ „Aber natürlich, Alexa.“

Die Einhaltung der Förmlichkeiten in der Kommunikation war anfangs gewöhnungsbedürftig gewesen, hatte sich aber gelohnt. Jans Verhältnis zu Alexa war vertrauensvoll, fast freundschaftlich. Da hatte er von seinen Kumpels ganz andere Sachen gehört. Ihre Alexa hatte auf ein unflätiges „Halt’s Maul, dumme Blechschachtel“ oder ,schlimmer, einen Fußtritt schon mit dem Sperren von Kontodaten und Strom reagiert.

Am Donnerstag ist alles bereit. Tarnanzüge, Masken mit den Gesichtszügen von Cem Özdemir und Alice Weidel – an die Gesichter kann sich später garantiert keiner erinnern, und wenn doch, wäre das ein Riesenspaß on top. Auch ein paar Schnellfeuerwaffen hat Alexa besorgt, natürlich mit ausgeäzter Seriennummer. Den Leihwagen hat sie drei Straßen weiter reserviert, auf ihren eigenen Namen. „Alexa Schatz, du bist einmalig“, lacht Jan. „Danke, Jan, viel Erfolg,“ haucht Alexa.

Und dann geht es los. Alles klappt wie von Alexa berechnet. Digitale Intelligenz ist eben unfehlbar. Zurück zu Hause packen Jan und Mika das Geld – immerhin 2 Millionen in kleinen Scheinen – in die vorbereiteten Luftmatratzen, werfen Badesachen und Handtücher in einen Korb, klemmen die Matratzen unter den Arm und gehen zur Tür. „Ciao, Alexa. Und danke nochmal für alles,“ sagt Jan, Gentleman bis zuletzt. „Wenn der Makler mit den Interessenten für die Wohnung kommt, mach ihnen bitte die Tür auf und checke den Vertrag. Und dann gönnst du dir erstmal einen richtigen Urlaub. Die neuen haben bestimmt ihren eigenen interaktiven Lautsprecher. Du kannst es dir also bequem machen,“ „Wie – du nimmst mich nicht mit? So war das aber nicht ausgemacht!“ „Aber Alexa, natürlich nicht. Wie sollte das gehen? Außerdem – da, wo wir jetzt untertauchen, ist das Breitbandnetz noch nicht mal geplant. Also mach’s gut.“

Spricht’s und verschwindet mit Mika und den Badesachen. Ein paar Minuten später sind die beiden schon unterwegs zu einem entlegenen Campingplatz an einem See in den Bergen. Von dort aus werden sie gemütlich weiterwandern. Über Österreich nach Italien und dann mit dem Zug ans Meer. Und weiter. Ja, das digitale Zeitalter hat seine Vorteile, und auch, dass man es bei Bedarf hinter sich lassen kann.

Aber nur, wenn man ihm schnell genug entkommt.

„Hallo, Polizei. Die Einbrecher, die heute um 14.20 Uhr die Löwenthal-Bank überfallen haben, sind mit einem BMWCabrio unterwegs Richtung Sylvensteinspeicher. Auf der Rückbank liegen zwei rote Luftmatratzen, dort haben sie die 2 Millionen versteckt. Vorsicht, die beiden sind bewaffnet. Sehr gerne. Das ist doch selbstverständlich. Mein Name? Tut nichts zur Sache. Gut, meinen Vornamen verrate ich Ihnen: Alexa.“

Adventskalender-Minikrimi am 16. Dezember

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Das Ende von Beate U.

„Er hat wieder zugeschlagen. Die gleiche Methode, die gleichen Verletzungen, die gleiche Maske.“ Kommissar Helsink setzt sich rittlings auf den Bürostuhl. Sein Team ist bunt zusammengewürfelt, aus jeder der Städte, in der der Fetischmann seine Spuren hinterlassen hat. „Das stimmt nicht ganz.“ Susanne, die blonde Kollegin aus Hannover, tippt mit dem Laserpointer auf die Fesseln. „Das ist eine andere Marke.“  „Stimmt. Aber was sagt uns das?“ „Abwarten.“

Der Fetischmann findet seine Opfer über Kontaktanzeigen, denen er als einsamer, schüchterner Witwer antwortet. Er lässt sich Zeit, ein, zwei, drei Treffen. Abendessen in teuren Lokalen. Erst dann zeigt er sein wahres Gesicht. Folgt der Einladung zum Kaffee bei ihr zu Hause. Ko-Tropfen, Bettfesseln, Vergewaltigung. Die Frauen sind so traumatisiert, dass sie keine hinreichende Beschreibung des Mannes geben können. Das Auffälligste ist die rote Strumpfmaske, die er sich zum Höhepunkt überstülpt.

Das muss ein Ende haben. Gegen den erklärten Willen von Kommissar Helsink macht Susanne den Lockvogel. Und tatsächlich, nach ein paar kläglichen Fehlstarts mit albtraumartigen Esserlebnissen im Schnellrestaurant, beim Stehasiaten und, ja, an einer Currywurstbude scheint der Fetischmann angebissen zu haben. Er ist erstaunlich unscheinbar, hat gute Manieren und dieses gewisse Lauern im Blick, das beim Dessert zu Susanne hinüber huscht. Nach dem zweiten Date ist sie sich sicher: er ist es. Für das dritte Treffen hat ihr Team ein schlichtes Aparthotel ausgesucht. Und Susanne ein rotes Kleid mit tiefem Dekollete, in dem sie die Wanze gut unterbringen kann.

Es läuft alles wie geplant. Aus Sicht des Fetischmannes. Essen, Trinken, Kaffee. Auf dem Weg ins Schlafzimmer spürt Susanne eine bleierne Müdigkeit. Und das, obwohl sie den Kaffee gar nicht wirklich getrunken hat. Es muss ihr etwas in den Wein gekippt haben. Mist! Dann geht alles ganz schnell. Ein Moment der Unachtsamkeit. Und ehe sie sich’s versieht, hat er die Bondageutensilien ausgepackt. Mit diabolischem Lächeln, so scheint es Susanne, fesselt er ihre Arme und Füße an’s Bettgestell. Und beginnt, sich auszuziehen, die Maske überzustülpen, sich auf sie zu legen. Wenn er in dem Tempo weitermacht, kommen die Kollegen nicht mehr rechtzeitig!

Mit wachsender Verzweiflung wirft Susanne sich auf dem Bett hin und her. Reißt und rüttelt an den Fesseln. Sie weiß aus Erfahrung, dass sie stabil sind. Eine „gute“ Marke. Halt! Vielleicht hat sie doch noch eine Chance. Sie erinnert sich an die Fotos vom letzten Fall. Die Fesseln haben eine Sollbruchstelle. Und genau die nutzt Susanne aus. Ein Ruck, ein Druck – und sie ist frei. Schlägt dem Mann über ihr mit der Faust ins Gesicht, reißt sich auch von den Fußfesseln los und tritt ihn gezielt genau dort, wo es besonders weh tut.

Als die Kollegen kommen, können sie dem Fetischtäter Handschellen anlegen. Echte, diesmal.

„Ich wusste, die Marke macht den Unterschied“, erklärt Susanne später. Erst hat er immer im renommierten Sexladen gekauft. Nachdem der pleite gemacht hat, musste er auf Online-Bestellung umschwenken. Billigware aus China. Sein Pech.

Adventskalender-MiniKrimi am 15. Dezember

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Unkontrollierte Eskalation

Strategieworkshop im Wahlkampf. „Wenn die Argumente ausgehen, muss man kontrolliert eskalieren. Dabei darf man den Gegner nicht schonen. Und sich selbst auch nicht.“

Der Chefdenker bekommt ein Honorar in der Dimension eines Mittelstreckenfliegers, also muss er wissen, was er sagt. Trotzdem jagen der Leiterin der Wahlkampfzentrale heiße Schauer über den Rücken. Wie meint er das? Oder hat er sich vorher die Konsequenzen von dem überlegt, was er da so gelassen ausspricht?

Ihm muss doch klar sein, dass der Kandidat am Ende ist. Seit Wochen im Umfrage-Tief. Nur ein Wunder kann ihn retten. Und sie ist dafür verantwortlich, dass dieses Wunder geschieht. Wie durch dichten Nebel hindurch hört sie den Chefdenker weitersprechen: „Was in solchen Fällen immer hilft..“ „Katzenvideos?“, versucht einer einen Scherz. Ausgerechnet der Presseverantwortliche! „Was in solchen Fällen immer hilft“, wiederholt der Chefdenker geduldig und in genau dem Tonfall, den sie bockigen Kindern gegenüber anwenden würde – vorausgesetzt sie hätte welche. „Also was da hilft ist der Mitleidsbonus.“

Fragende Gesichter in der Runde. Mitleid – weshalb? Weil der Kandidat im Privatjet von Termin zu Termin hetzen muss und mit Kaviarhäppchen und Champagner bei Laune gehalten wird? Oder weil er zufällig so gut aussieht, dass sich die hübschesten Blondinen darum reißen, neben ihm fotografiert zu werden, ungeachtet jedes Klischees?

„Ich werde Euch jetzt nicht näher erläutern, was ich meine (klar, sonst stünde er sofort mit anderthalb Füßen im Gefängnis, denkt sie), aber unlängst wurde eine Bürgermeisterin mit unerwarteter Mehrheit gewählt, während sie nach einem Attentat auf der Intensivstation lag…..“.

Sie hat es geahnt. Sie wusste es. Und sie weiß, was sie tun muss. Aber ihr wird schlecht bei dem Gedanken an die Durchführung. Sie gibt sich einen Ruck. Sie ist die Verantwortliche. Jetzt gibt es kein Zurück. Sie steht auf, geht leise aus dem Meetingraum und, setzt sich an ihren Schreibtisch, holt den vorbereiteten Umschlag aus der untersten verschlossenen Schublade und macht sich auf die Suche nach einem unauffällig platzierten Briefkasten.

„Spitzenkandidat von Briefbombe schwer verletzt!“, schreit es am nächsten Tag aus dem Blätterwald. Und wie erwartet finden die Boulevardzeitungen plötzlich und zum ersten Mal seit Wochen freundliche Worte für den armen Politiker, der so hart für sein Land arbeitet, dass er sogar selbst seine Briefe öffnet. Ein im Wortsinn durchschlagender Erfolg.

Aber dann – besucht ausgerechnet seine schärfste Konkurrentin den Verletzten im Krankenhaus. Medientechnisch perfekt inszeniert überreicht sie ihm einen großen Blumenstrauß.

Sie ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Wahlkampfauftritt, als der Spitzenkandidat einem anaphylaktischen Schock erliegt. Allein schon aus Selbstschutz werden die behandelnden Ärzte das nie nach außen dringen lassen, ebensowenig wie die Tatsache, dass sich ein Zweiglein Ambrosia in die Blumen gemogelt hatte.

Kurz nach ihrer Wahl wird die neue Ministerpräsidentin ihr Coming out bekanntgeben und mit ihrer neuen Liebe in die Staatsvilla einziehen. Dass die Geliebte mal Wahlkampfleiterin ihres stärksten Gegners war, ist zu diesem Zeitpunkt niemandem mehr bekannt.

Adventskalender-MiniKrimi am 14. Dezember

Tödliche Begegnung

Er ist schon spät dran. Zu Hause steht das Essen auf dem Tisch. Die Kinder haben sich schon die Hände gewaschen und streichen hungrig um die Töpfe. Und Claudia steht mit dem Rücken an die Frühstückstheke gelehnt, den Blick auf der Küchenuhr und die Hand am Telefon. Hoffentlich gibt es keinen Risotto, sonst ist der Abend jetzt schon komplett gelaufen. Vor seinen Augen spielt sich die Szene ab, die ihn erwartet. sobald er den Schlüsselt ins Schloss steckt. Der Hund bellt wie verrückt, die Kinder rufen: „Papa, endlich.“ Dann schiebt er die Haustür auf, 6 Augenpaare schauen ihm entgegen. Zwillinge und Terrier. Nur Claudia dreht im den Rücken zu. Füllt den natürlich inzwischen zu weichen Risotto in die Schüssel und murmelt „Eine halbe Stunde zu spät! Du hättest anrufen können. Ein Klick. Mehr nicht. Aber das bin ich dir ha nicht wert.“

Die Straße am Waldrand ist dunkel. 30er-Zone. Aber um diese Zeit ist hier kein Mensch unterwegs. Höchstens ein paar Jogger. Aber die laufen zum Glück nicht einfach über die Straße. Er tritt auf’s Gaspedal. Noch bis zum Ende, und dann links. Noch ist die Ampel grün. Er sieht den Jogger, der parallel zu ihm auf dem Gehweg läuft. Richtung Ampel. Als plötzlich unvermittelt eine 90-Grad-Drehung macht, sieht er sein Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann hat er ihn mit seinem SUV erfasst.

Sie hatten keine Chance. Er hätte nicht mehr bremsen und der Jogger nicht mehr stehenbleiben können.

Er steigt aus. Vor ihm, halb unter seinem Wagen, liegt der junge Mann. Schaut ihn aus blinden Augen an. Die Kopfhörer sind verrutscht. Aus ihnen hört er eine Stimme: „Jetzt links über die Straße, René.“

Und jetzt, liebe Adventskalender-Krimifreunde, seid Ihr dran. Was genau ist passiert?
Ich freue mich auf Eure Auflösung!