c0109 oder warum ich nicht nach Chemnitz fahre. Heute.

Bei uns daheim herrscht dicke Luft. In der Familie wurde gestern Abend heiß darüber diskutiert, wie und mit wem wir heute nach Chemnitz fahren sollten. Ob – das stand zunächst nicht zur Debatte. Bis ich das Gespräch darauf brachte. Seitdem bin ich Persona non grata im Hause.

Damit kann ich leben. Schlecht. Daher, und auch für mich selbst, damit ich meine Gedanken mal klar auf Linie bringe, hier der Versuch einer Argumentation. Ich hoffe, dass die Kette nicht reißt, zwischen den Zeilen. Und ich bin gespannt, ob es anderen da draußen ähnlich geht, ob ich einen Shitstorm auslöse, bedauerndes Kopfschütteln oder, und das wäre mir am liebsten, klare Kante Gegenargumente. Oder Pro. Oder so.

Ehrlich gesagt, hatte ich vorher nur ein leises Unbehagen, wenn es darum ging, sich zu Demos an entfernten Orten aufzumachen. Noch ehrlicher gesagt, habe ich dieses Unbehagen erst, seitdem ich die Teens+ hinter mir gelassen habe. Vorher, diese Erinnerungen will ich nicht der selektiven Amnesie anheim fallen lassen, vorher also waren Fahrten nach Wackersdorf, La Hague, Dannenberg Ehrensache. Nein, Fukushima nicht. Mehr.

Gestern dann las ich einen Thread auf Instagram, Kommentare zum Post von FeineSahneFischFilet über das Konzert am Montag in Chemnitz. Da äußerten junge AntiFaschisten aus Sachsen ihren Unmut über das Konzert. Da kämen Tausende aus ganz Deutschland wegen der Musik und/oder weil sie Flagge zeigen wollten, gegen die Rechten. „Und am Dienstag sind sie wieder weg, und wir haben hier bei uns niemanden dazu gewonnen, aber die Stimmung ist noch aufgeheizter“, so klagten sie.

Und da begann der Unmut in mir Worte zu finden. Klar, es ist wichtig, zu zeigen: #wirsindmehr! Ebenso klar ist es, dass wir tatsächlich mehr sind. Mehr Demokraten, mehr Leute, die nie wieder Faschismus haben wollen, in Deutschland. Mehr, die nichts gegen Flüchtlinge haben (statistisch gesehen sogar rund 70%, das besagen alle Umfragen).

ABER die Frage, die sich mir stellt, lautet: wie bekommen wir die Lage in Ostdeutschland in den Griff? Als Krimitautorin habe ich schon einen Plot im Kopf, der im Deutschland nach dem Wiederaufbau der Mauer spielt. Aber das ist Autorenfiktion. Wie kriegen wir die Ostdeutschen (also diejenigen von ihnen, die bei Mahnwachen blank ziehen, den Hitlergruß zeigen und „absaufen“ skandieren, wenn es um Flüchtlinge im Mittelmeer gehr) dazu, daran zu glauben, dass Demokratie etwas gutes ist, dass sie weiter ihre Klöße und Rostbratwürste essen können, auch, wenn nebenan eine Dönerbude steht. Ehm – aber das tut sie doch schon, und da gehen sie sogar hin, und gerne….. letztendlich reduziert sich die Frage dann so: wie kriegen wir die rechten Demonstranten dauerhaft von der Straße, in Chemnitz, Dresden und anderswo? Und dann, in der Erweiterung: wie verhindern wir rechte Parolen, Angriffe auf Ausländer und, ja, auch die AfD? Aber diese Frage ist dann schon nicht mehr auf den Osten Deutschlands begrenzt! Tja, so ist das!

Warum also fahre ich nicht nach Chemnitz? Weil ich glaube, dass ich den Chemnitzern, die keine rechten Parolen schreien oder denken, die nichts gegen Geflüchtete haben, die sich noch gut an den zweiten Teil des Rufes „Wir sind das Volk“ erinnern („keine Gewalt“), die sich für die Bilder der nazigrüßenden deutschen Randalierer schämen, die derzeit durch die internationalen Medien kreisen – dass ich diesen Chemnitzern mit meiner Anwesenheit nicht helfe. Nicht wirklich und auch nicht ideell.

Weil ich davon überzeugt sind, dass sie wissen: wirsindmehr! Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass, weil ich auf ihre Straßen gehe, sie das auch tun werden. Weil meine von Bundespolizisten geschützte Anwesenheit sie nicht davor bewahren wird, morgen, wenn ich weg bin, von sächsischen Polizisten, die „im Umgang mit demokratischen Mitteln wie Demonstrationen“ geschult sind, angegriffen zu werden. Oder vom Nachbarn angepöbelt, ausgebuht, im Job gemobbt oder schlimmeres zu werden.

Weil ich denke, dass zu beweisen, dass wir mehr sind, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen, wenn „wir“ aus allen Ecken Deutschlands anreisen. Weil das „wir“ aus den Menschen im Osten heraus kommen muss, um einen Zusammenhalt zu schmieden, um einen Sinneswandel anzustoßen.

Auf meine Frage, warum so viele Menschen im Osten so fremdenfeindlich seien, so demokratieverdrossen nach so kurzer Zeit, so unheimlich hasserfüllt, antwortete mir eine junge Studentin, die als Kind in Dresden gelebt und später nach München zurück gekommen ist. Ihre Antwort gibt mir zu denken:

Die Menschen im Osten haben Angst. Es leben kaum Ausländer dort, aber sie haben Angst, dass in der Zukunft viele Geflüchtete dorthin kommen könnten. Weil so viele Häuser leer stehen, weil im Osten mehr Platz ist als im Westen. Sie haben Angst, dass die ihnen dann was wegnehmen von dem wenigen, was sie haben. Weil sie das Gefühl haben, von der Wende übervorteilt worden zu sein. Weil sie unzufrieden sind und jemanden suchen, dem sie dafür die Schuld geben können. Weil sie mit der großen Freiheit, der Meinungen, der Wahl, der Freiheit zu gewinnen – aber auch zu verileren, nichts anfangen können. Weil es ihnen Angst macht, dass keiner mehr für sie entscheidet. Weil sie selbst nicht entscheiden können, sondern nur fordern und dann erwarten, dass sie alles kriegen.

Boah, starker Tobak. Ist das so? Ich habe selbst Verwandte „drüben“. Und ich kann eines beisteuern, hier. Ich habe erlebt, dass die Abgrenzung zum Westen in den Köpfen der Menschen dort erfolgt. Dass sie, nachdem sie „eins“ geworden sind mit den Geschwistern im Westen, einen Identitätsverlust erlebt haben, den sie mit DDR- Reminiszenzen kompensieren. Von der Spreewaldgurken über die Datsche bis hin zu Redewendungen. Wir haben das DDR-Sandmännchen schon immer schöner gefunden und freuen uns, es jetzt deutschlandweit zu haben. Sie sagen, wir haben es geklaut. Wie die Ampelmännchen.

Und singen das Deutschlandlied und brüllen den Hitlerruf – und vergessen, dass er es war, der „unsere Heimat“ in Schutt und Asche gelegt hat und letztendlich daran Schuld ist, dass sie 40 Jahre in der DDR gefangen waren. In die sie jetzt zurück möchten, oder? Mensch, was wollen die eigentlich???

Vielleicht ist das die Kernfrage, die wir uns alle stellen müssen. Vielleicht wäre die Antwort darauf die Lösung des Problems. Denn dass es ein Problem ist, ist unbestritten. Die auf der Straße haben ein Problem, und die hinter den Vorhängen auch, und wir ebenfalls.

„Unsere Frauen haben Angst, auf die Straße zu gehen. Wegen der Ausländer.“ Das mag sein, aber das Problem existiert nur in den Köpfen. Statistisch gesehen verüben viel weniger Ausländer Straftaten als Deutsche. In Westdeutschland, und allemal in Ostdeutschland, denn dort gibt es praktisch keine Ausländer. Aber wie geht man mit einer Fake Reality um, die sich ausbreitet wie Masern in den Köpfen der Leute?

Ich fahre nicht nach Chemnitz. Aber ich möchte dazu beitragen, dass rechte Gedankengut aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. In Dresden, in Karl-Marx-Stadt und überall. Ich glaube, das geht nur durch Erziehung. Durch kulturelle Begegnungen. Von Kindern. Und Eltern. Nur so geht das!

Wenn ich doch nach Chemnitz gehen würde, dann im Rahmen eines Projektes, dass gezielt Familien verbindet. Deutsche und ausländische. Wenn ich denn solche fände, dort. Und ich glaube, auch in Dresden sollten alle, die rechtes Denken bekämpfen wollen, sich solche Projekte suchen, sie aufbauen, sich vernetzen mit Kirchen, ja, mit Kirchen. Mit sozialen Organisationen. Mit linken Strukturen. Mit Studenten. Ich glaube, Veränderung braucht Zeit und muss in die Herzen der Kinder gepflanzt werden.

Wenn oben auf dem Podium bei einer Demo Kinder stünden, blonde Kinder mit großen blauen Augen, schwarze Kinder mit großen braunen Augen, wenn Kinder durch die Reihen der Demonstranten gehen würden, mit offenen Armen. Würde ein Rechter ein solches Kind schlagen?

Eine Freundin von mir, die ich seitdem nicht mehr treffe, erklärte auf einem Fest, es sei jetzt endlich genug mit den Asylanten. Bei uns gäbe es genug Arme. Darauf gehe ich jetzt nicht ein, dazu schreibe ich ein andermal. Auf diesem Fest waren auch Menschen aus Indien, aus afrikanischen Ländern. Zwei kleine Mädchen tanzten zusammen. Ein blondes und ein schwarzgelocktes. „Guck mal, wie süß!“, sagte meine Freundin. „Das Mädchen ist aber eine Asylantin“, sagte ich. „Trotzdem. Die muss natürlich bleiben“, erklärte meine Freundin hingerissen. Vielleicht sollten wir viel mehr auf dieser Logikebene spielen……

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Para? Para!

handicap

Ich bin nicht besonders nah am Wasser gebaut. Aber grade habe ich feuchte Augen, und das ist nicht der Allergie geschuldet! Ich sitze vor dem Fernseher, am hellichten Mittag, und bin live dabei bei der Eröffnung der Paralympics in PyeongChang. Der Klöppel der überdimensionalen Trommel in der Handprothese des Trommlers. Sportlerinnen und Sportler in Rollstühlen, mit Blindenstöcken, einer oder zwei Beinprothesen. Die jüngsten unter zwanzig, der älteste über sechzig. Und alle mit einem riesengroßen Lächeln im strahlenden Gesicht. Mexiko ist mit einem einzigen Sportler vertreten. Serbien auch, und etliche andere. Dann die „großen“ Mannschaften, Norwegen, Amerika, Schweden. Die Halle ausverkauft, die Freude überschäumend.

Para heißt auf spanisch „für“.  Und tatsächlich sind das Bilder für das eine Leben. Mit Handicap und ohne Unterschiede. Warum nur prägen diese Bilder nicht den Alltag? Warum ziehen Menschen mit Behinderung immer Blicke auf sich, offen und verstohlen? Warum ist es immer noch nicht selbstverständlich, als Mensch mit Handicap einfach in die Stadt zu fahren, in ein Café zu gehen, einen Laden, ein Theater?

Sport öffnet die Herzen, und tatsächlich sind die Zuschauerzahlen weltweit bei den Paralympics z.T. größer als bei Olympischen Spielen. Ich wünsche mir, dass dieser Funken überspringt und die Spiele überdauert. Denn Sport findet ganz offensichtlich Wege, die anderen verschlossen bleiben. In der großen Politik, zum Beispiel. Warum also nicht auch im Kleinen? Menschen mit Behinderung brauchen auch bei uns noch mehr. Unterstützung, Finanzierung, Verständnis, um so zu leben, wie es eigentlich selbstverständlich ist: mittendrin. Nicht nur bei Sportfesten, sondern im Alltag.

Schwarzer Blog

 

Frankfurt am Main, November 1981. In der Rohrbachstraße kesseln Polizisten Demonstranten ein, die friedlich gegen den Ausbau der 3. Startbahn des Frankfurter Flughafens protestieren. Zuvor hatten ein paar Punks Schaufensterscheiben eingeschlagen und waren danach geflüchtet. Ebenfalls verflüchtigt hatten sich Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die die Demonstration angeführt hatten. Übrig blieben junge und alte Frauen und Männer, Jugendliche, die allesamt keinerlei Erfahrung im Umgang mit Polizeigewalt hatten. Einige versuchten, von den Beamten die Namen zu erfragen, andere blieben einfach stehen und hielten die Arme hoch. Ich nicht. Von einem 2 Meter hohen Garagendach in einem Hinterhof, dessen Gitter wir in unserer Panik niedergedrückt hatten, sah ich zu, wie Polizisten unten meiner Freundin mit Schlagstöcken das Trommelfell zertrümmerten, am Boden liegende Wehrlose mit Tritten bearbeiteten. Mehrere Demonstranten wurden an diesem Abend schwer verletzt.

Der Frankfurter Kessel ging in die Annalen ein. Kaum ein Polizist konnte belangt werden, weil ihre Namen nicht bekannt waren. Allerdings wurde der Frankfurter Magistratsdirektor Alexander Schubart wegen Nötigung der Landesregierung (§ 105 StGB) und des Aufrufs zur Gewalt zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und aus dem Staatsdienst entlassen.

In diesen Zeiten wurde der „schwarze Block“ geboren. Aus einer Vielzahl von Motivationen heraus. Eine davon: der Selbstschutz. Auch ich, damals Theologiestudentin, auch Kommilitonen und Professoren, die mitdemonstrierten, auch wir schützten uns gegen Tränengas, gegen Wasserwerfer, schließlich gegen Schlagstöcke. Wir hatten keine Mollies und keine Steine. Wir wollten „nur“ keine Startbahn West und das Recht, unseren Protest zu äußern.

Natürlich gab es an vielen anderen Orten ebenso viele unterschiedliche Beweggründe, Radikalisierung als Phänomen der nicht akzeptierten Unterlegenheit im demokratischen System. Natürlich gab es die auf Krawall gebürsteten Punks. Die Gelegenheitsrowdies, die Demotouristen. Aber „den“ schwarzen Block gab es nicht.

Typisierungen zur Vereinfachung von Sachverhaltsdarstellungen kennen wir aus den Medien. Da werden aus Asylbewerbern, anerkannten wie abgelehnten, geduldeten und oder im Berufungsverfahren befindlichen, Asylanten. Aus einer komplexen Geldwaschmaschinerie werden einfach die „Panama-Papiere“. „Vereinfachung, Ent-Förmlichung und neue kognitive Herausforderungen gehen Hand in Hand“ (Journalistikon). Wenn also die Medien vom „schwarzen Block“ sprechen und schreiben, ist das für sie ein Handwerksmittel. um mit zwei Worten zu sagen: Mehrere oder viele Leute mit Gewaltpotential und ähnlicher Kleidung, die die Erkennung und Identifizierung erschwert. Das ist irreführend, aber ok. Für die Medien.

Wenn Politiker und Polizei solche Verkürzungen übernehmen, entsteht dahinter eine Theorie. Wie bei den Nafris. Und Theorien bergen die Gefahr der „Entpraxifizierung“. Dabei ist praktisches Handeln das einzige, was der Gewalt Einhalt gebieten kann.

Der schwarze Block ist eine Formation, die auf Demonstrationen genutzt wird. Von Menschen unterschiedlicher Motivation. Die einen wollen ihre Kritik an der Gesellschaft, an westlicher Gesellschafts- und Wirtschafts- und Lebensform ausleben und dabei den demokratisch vorgegebenen Rahmen ausschöpfen. Ich erinnere daran, dass im „schwarzen Block“ auch Unvermummte laufen, wie zuletzt auf den Bildern vom #G20 gesehen. Andere wollen ihn überschreiten. Wieder andere wollen destabilisieren. Und einige schließlich wollen zerstören. Hinter all diesen Beweggründen liegen persönliche Geschichten. Entweder, wir kriegen diese Menschen und holen sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurück, oder…… ?

Wie haben es hier, so sehe ich es, mit zwei, drei, vier differenzierten Phänomenen zu tun. Einmal der Widerstand gegen als ungerecht, konsumistisch, umwelt- und menschenverachtend angesehene Staaten. Dieser Widerstand besteht zum Großteil aus jüngeren Menschen mit einen gewissen Bildungsgrad – es ist das gleiche Potential, das im Laufe der Jahrhunderte gezündelt und Revolutionen angestoßen hat. In Frankreich, in Russland, in Deutschland, im Iran, in der Ukraine, in den arabischen Ländern. Wenn es gelingt, werden sie zur neuen Staatselite, und das Karussell dreht sich von vorne. Wenn nicht, werden sie entweder kriminell oder kriminalisiert.

Dann gibt es die Schläger, die Gewalttouristen. Auch sie eine historische Erscheinung, nur, dass in einer globalen Welt die Wege kürzer sind. Von der Antike bis heute sind sie brandschatzend durch die Lande gezogen, mit dem Ziel persönlichen Lustgewinns an der Zerstörung. Sie haben KEINE definierte politische Visionen und keine Alternativen, sind weder „links“ noch „rechts“, sondern einfach und aus Prinzip „dagegen“.

Neu – und der Medienvielfalt geschuldet – sind die vielen passiven digitalen Gaffer und Kommentatoren. Angeheizt durch News, ob Fake oder echt, die den Medien maximale Zugriffe sichern sollen, blaffen sie sich durchs Netz, und ihre Meinungen, bar jeder tieferen Reflexion, multiplizieren sich mit jedem geteilten Klick. Sie sind es, die die Stimmung in der „Masse“ prägen und bewegen. Und sie sind die eigentliche Unwägbarkeit, sie sind es, die mir echte Angst machen. Deutsche Massen sind etwas braungefährliches, das wissen wir aus leidvoller Erfahrung.

Und ich erwarte vom „deutschen Volk“ einfach mehr Besonnenheit beim pauschalen Verurteilen von Gruppen, egal welcher Couleur. Ich erwarte vielleicht zuviel. Aber ich rücke nicht davon ab.

Und dann gibt es da noch die Planer. Die Strategen. Welche Rolle sie spielen, liegt im Planungsdunkel und ist deshalb um so mehr Stoff für (Verschwörungs-)Theorien. Von der RAF bis zum NSU, vom Baader-Meinhof-Prozess bis zur Rohrbachstraße und dem Schanzenviertel. Die Fragen werden aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Vielleicht nur Generationen später. Welche Risiken werden kalkuliert, welche Kollateralschäden in Kauf genommen, für welches Ziel?

Fakt ist: letztendlich ist es immer die eine, große, tiefe Auseinandersetzung zwischen Macht und Ohnmacht.

Nur wer beide verbindet, aushält, ausgleicht, kann einen Schritt weitergehen. Nach vorne!

Hier könnt Ihr Euch über die Rohrbachstraße informieren.

 

 

 

Klick klick klick und du bist tot

Was treibt Menschen in ein maßloses Engagement? Für den Beruf, für eine Sache, für andere Menschen? Immer, wenn das rechte Maß verloren geht und sich die innere Balance auf eine Seite neigt, im Guten wie im Schlechten, wird die „Wippe“ wieder kippen. Emotionale Physik, sozusagen.

Ein solches überdimensioniertes Engagement, das nicht (allein) um der Sache willen betrieben wird, sondern zur Aufwertung eines im Vorfeld verletzen Egos, hat es schon immer gegeben. Es hat der Literatur viele Vorlagen für gute Geschichten gegeben, vom Sanskrit über die Klassiker bis heute. Aus „übertriebenem Altruismus“ wurde das „Gutmenschentum“. Leider haben sich mit der medialen Globalisierung die Folgen dieses Tuns verschärft. „Tue Gutes und Rede darüber“ –  diese Motto lautet heute: „… und fotografiere, twittere, poste darüber“. Je mehr Kanäle dabei erreicht werden, desto größer der Heiligenschein, desto höher der Nutzen. Und unter Umständen auch der Schaden für einige Beteiligte. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich News und Pseudonews, echte und „photogeshoppte“ Bilder und Videos. „Viral“, nennt sich das, und wovon Firmen bezüglich der Verbreitung ihres Bekanntheitgrades nur träumen können, das kann Betroffene in die Verzweiflung, den Wahnsinn oder sogar den Tod treiben.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit den gegebenen digitalen und technischen Möglichkeiten ist deshalb höchste Pflicht bei der Verbreitung von Nachrichten, Bildern etc. im Word Wide Web. Ob in der Bibel, in der Ballade vom Zauberlehrling oder im Film über Katharina Blum – es gibt unendlich viele Beispiele dafür, wie Existenzen durch üble Nachrede vernichtet werden. „Und was ist mit den Verbrechern, die nur dank Internet endlich zur Strecke gebracht werden?“ Es ist gut und wichtig und richtig, dass sich Exekutive und, im zulässigen Maß, Judikative der zur Verfügung stehenden Mittel bedienen, um Verbrechen aufzuklären. Aber selbst da erleben wir, welche Gratwanderungen „Gerechtigkeit“ macht, z.B., wenn es sich dabei um die proklamierte Gerechtigkeit eines „ungerechten“ Staatssystems handelt.

Facebook, Twitter & Co. bieten unbegrenzte Möglichkeiten der Sammlung, Speicherung und Verbreitung von Information und Desinformation. Letztendlich gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Aber wer sich nicht selbst bewusst an der Fehlinformation und dem viralen Streuen falscher Wahrheiten beteiligen will, der kann ein paar einfache Grundsätze beachten:

  • Wird die Nachricht, die ich gehört oder gelesen, das Bild, das ich gesehen habe, von mehreren unabhängigen Quellen geteilt oder verbreitet?
  • Wie verlässlich bzw. ggf. offiziell sind diese Quellen?
  • Wird in der ursprünglichen Nachricht eine Quelle angegeben? Wo liegen bei einem Foto/Video die Rechte?
  • Vorsicht ist generell geboten bei Texten, die an sich bereits tendenziös bis beleidigend sind. Je neutraler die Wortwahl, desto wahrscheinlicher die Authentizität
  • Unbedingt auch auf das Datum schauen – zuweilen werden gerade alte Bilder in neue Zusammenhänge gebracht
  • Schließlich sollte ich nicht unbedacht auf „Like“ und „send“ und „teilen“ klicken, sondern lieber eine kleine Zeit vergehen lassen. Wenn ich, ruhig und besonnen, immer noch der Ansicht bin, dass ich diesen bestimmten Inhalt, dieses Bild so verbreiten möchte, dann trage ich bewusst die Verantwortung für das, was meine Klicks auf der Tastatur auslösen.

Es reicht, Ranitzki.

Aus der Traum.  Träume sind ohnehin nichts als Schäume. Und nun hat sich also erneut ein Traum von mir aufgelöst und ist zerplatzt wie eine überreife Seifenblase. Wie die Teilnahme als Debütantin beim Wiener Opernball. Die Besteigung des Mount Everest mit Sherpa und Sauerstoff. Der Gewinn des Pulizer-Preises vor meiner Verrentung. Nie  werde ich dieser schnarrende Stimme dabei zuhören können, wie sie Sätze liest, die sich mit meinem Werk befassen. Verreißend lobend vernichtend tobend. Nichts ist es damit. Hätte ich ihm mal einfach so geschrieben. Statt nur mentale Begleitschreiben zu formulieren. Zu spät, jetzt. Marcel Reich-Ranitzki ist tot. Schade. Nicht nur wegen der verpassten Gelegenheit. Mir gefiel etwas an ihm. Dennoch. Dann doch.

Born 2 die and buried 2 live

SchlainingWir reden viel über selbstbestimmtes Leben. Wir tun alles, um Menschen die Möglichkeit zu geben, so zu leben, wie sie es sich vorstellen. Wie sie es sich wünschen. Aber was tun wir, damit die gleichen Menschen selbst bestimmt sterben können?

Mit dem ersten Atemzug beginnt unser Weg Richtung Tod. Wir haben viel Zeit, und darauf vorzubereiten. Ein ganzes Leben lang. Doch wir verdrängen die Beschäftigung damit, wie wir sterben werden. Aus Angst vor dem Tod. Dabei ist das eine unausweichlich, das andere aber gestaltbar. Kein menschliches Wesen kommt ohne Hilfe auf die Welt. Wie viele sterben Tag für Nacht isoliert in Krankenhäusern, einsam im Altenheim, alleine daheim? Das Aufheben, das wir um ein neues Menschenkind machen, verhält sich umgekehrt proportional zu der Aufmerksamkeit, die wir ihm bei seinem Abschied zuteil werden lassen. Warum? Der Perfektion des Verdrängens zuliebe?

Ich meine, dass sich die Menschlichkeit einer Gesellschaft nicht an der Art und Weise messen lässt, wie der Weg in’s Leben geebnet, sondern daran, wie der Ausgang gestaltet wird. Beispiele davon, wie Menschen menschlich und menschenwürdig sterben, gibt und gab es überall. Je einfacher die kulturellen Strukturen, desto näher am Menschen sind oft der Rahmen und die Begleitung der Sterbenden. Mit der Höherentwicklung und wachsender materieller Orientierung entfremden sich die Kulturen immer mehr von der Natürlichkeit und der immanenten Verbindung von Leben und Tod, und das Sterben als Tor wird auf vielfältigste Art kaschiert.

Ideen, wie wir in Zukunft sterben, wird es geben, solange wir leben. Warum nicht Fantasien daraus machen, die das Sterben als Chance begreifen, Neues und Einmaliges zu er-leben? Eine Chance für die Sterbenden, die immer nur vorausgehen, und für die Begleiter, ihren eigenen Weg zu planen. Tod als Realität, nicht als Bedrohung. Für Gläubige mag das einfacher sein. Aber dann kann das bewusste Miteinbeziehen der eigenen Endlichkeit gerade hier-bezogenen Menschen die kostbare Einzigartigkeit jedes Tages so recht vor Augen führen.

In den Hundehimmel

Ich sperre die Tür auf und Stille stürzt mir aus dem Haus entgegen.

Aus dem Augenwinkel streife ich das glänzende Parkett neben der Bibliothek und blanke Leere verdunkelt mir die Sicht.

Ich steige die Treppe hinauf und die Breite der Stufen ohne drängelnde Schnauze an meinem Knie hemmt meinen Schritt.

Ich sitze am Schreibtisch und hinter mir auf dem Sofa schnaufen die Kissen. Ich stehe in der Tür und auf dem Gästebett räkelt sich Hundegeruch.

Keine Samttatzen, die auf den Boden tapsen. Kein Sechsuhr-Freudengeheul, das den Abendnapf grüßt. Kein verhaltenes Knurren, das den Kater vom Sofa verjagt.

Die Körbchen im Keller, die Leinen im Schrank, die letzten Leckerli landen im Müll.

Erinnerungen verschlucken die Worte. Kein Satz groß genug für so viele Momente. Leise trauere ich auf meine Weise um einen Begleiter.