Einfach nur entspannen.

„Du solltest einfach entspannen“. Sagte sie zu mir.

„Tu ich doch!“

„Wie denn das?“

„Na ich lese. Oder schreibe. Oder zeichne.“

„Das meine ich nicht. Entspannen heißt nicht, etwas anderes tun. Entspannen heißt  NICHTS tun.“

„Ach. So.“

„Ja.“

„Und wie mache ich das? Zum Beispiel?“

„Ganz einfach. Wenn du gehst, also läufst, dann achtest du auf deine Schritte. Und deinen Atem. Tief und gleichmäßig.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts. Du denkst nicht an deine Arbeit, entwirfst keine Einkaufsliste und auch keinen neuen Roman. Du schreitest und atmest. Ganz einfach.“

„Na wenn das alles ist!“

Ich verabschiede mich von ihr. Gehe die Treppen hinunter. Zur Tür hinaus. Achte auf den Gehsteig und auf meine Schritte. Atme tief und gleichmäßig. So einfach ist das.

Vor mir geht eine Frau, mittel jung mittel dünn mittel schnell. Zündet sich beim Gehen eine Zigarette an.

Ich achte auf meine Schritte. Wieder. Und auf meinen Atem. Hole tief Luft. Rieche den Rauch atme den Rauch huste den Rauch. Achte nicht auf meinen Atem, sondern auf die Zigarette vor mir.

„Das ist wieder so typisch ich. Da will ich entspannen. Ganz einfach. Auf meine Schritte achten und auf meinen Atem. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Und dann raucht da so eine vor mir. Und aus isses mit der Entspannung.“ Erzähle ich ihr bei nächster Gelegenheit.

„Und was hast du da gemacht?“

„Wie, was habe ich gemacht. Nicht entspannt, jedenfalls. Konnte ich ja nicht mehr. Nicht meine Schuld.“

„Klar. Aber. Warum hast du nicht einfach die Straßenseite gewechselt?“

Ganz einfach.

Auch nur ein MANN

Hund/e

P

Jeden Morgen das gleiche Spiel. Du wachst vor mir auf. Bleibst trotzdem liegen. Im wohligen Halbschlaf grunzt du ab und zu, dein Herz schlägt gleichmäßig unter dem warmen Pelz auf deiner Brust. Du bist eine haarige Angelegenheit, durch und durch,  aber das wusste ich ja. Oder hätte es wissen können, wäre ich nicht dem Charme deiner braunen Augen erlegen.

Erst wenn ich mich endlich aus den Laken schäle, rappelst auch du dich auf. Gähnst herzhaft, streckst dich und schaust mich erwartungsvoll an. Sonst nichts. Sobald ich aufstehe, folgst du mir. Du oder ich, wer gewinnt den Wettlauf ins Bad? Ich. Aber dann du stehst vor mir, drängelnd,  und kannst es kaum erwarten, bis ich die Klospülung drücke. Der Weg in die Küche wird zum Spießrutenlauf. Kaffee kochen, Milch heiß machen, alles unter deinem wachen, aber trägen Blick. Du hängst an mir, ich weiß. Und habe ich mir das nicht immer gewünscht? Nie wieder auf Platz 2 liegen hinter  Job, Computer oder Sport. Nie wieder nur die Alternative sein zu Mutters Wachmaschine oder dem Stammplatz beim Billig-Italiener. Die sprechende Version von Air Doll, die Putzfrau ohne Sozialversicherung. Die Nachtchauffeuse.

Du warst der letzte Versuch. Neuanfang und Kapitulation in einem. Ja. Du brauchst mich. Aber das wird mir jetzt zur Last. Deine Blicke sind wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Ich kann dir nicht entfliehen. Du folgst mir, wo ich gehe und stehe. Du vergötterst mich. Aber du kannst so lange mit deinem zugegeben langen Schwanz vor mir herum wedeln, wie du willst. Das macht mich nicht an. Du forderst mich nicht heraus. Du rufst mich ab. Ich soll für dich da sein. Tag und Nacht. Gut, ich hatte sie satt, die einsamen Couch-Wochenenden mit Celluloidträumen aus der Videothek. Jetzt weiß ich, dass ich weder Holly Golightly bin noch Lara Croft. In mich verliebt sich niemand bedingungslos. Auch du nicht.

Ich wollte nie mehr allein im Englischen Garten spazieren gehen und mein Gesicht hinter einem Liebesroman verstecken, jedesmal, wenn ein Pärchen an meiner Bank vorbeischlendert. Es stimmt, diese Zeiten sind nun vorbei! Ich habe keine Minute mehr, um Liebesromane zu lesen. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Video ausgeliehen habe. Du erfüllst meinen Tag von morgens bis abends. Du willst meine Aufmerksamkeit, und wenn ich sie dir verweigere, wirst du brutal. Meine Kaschmirweste hast du zerrissen. Meine Armani-Jeans zerfetzt. Von den Flecken auf dem Wohnzimmerteppich will ich gar nicht anfangen. Natürlich, ich war schuld. Ich bin immer schuld. Auch jetzt. Hör auf, mich so  anzustarren. Verdammt noch mal. Siehst du nicht,  dass ich noch im Pyjama bin? Darf ich wenigstens erst meinen Milchkaffee austrinken?

Jetzt reicht`s! Hau ab! Hier ist die Tür! Verschwinde. Und komm erst wieder, wenn du alles gemacht hast. Du Mistvieh, du nerviges. Hätte ich mir nur ein Weibchen geholt, beim Hundezüchter.

So – das habe ich letztes Jahr geschrieben. Das ironische Lächeln klebt mir wie Eiszapfen am Herzen. Nein, ein Mistvieh war er nie. Eher ein Schatten, der auf meiner Erinnerung liegt, jetzt. Und fehlt. Mir. Uns. Sogar der Kater sucht auf dem Sofa, dem Bett, dem Teppich, der Terrasse mit tierischem Gespür die Plätze, an denen er lag.

Ja, ein Weibchen wird es sein, das nächste Mal. Aber sicher nicht vom Züchter. Eher vom Sonnenhof. Aber ein Ersatz? Niemals.

Parkgänger

Sie ziehen ihre Spuren durch den Park. Schneckenläufe zwischen flüsternden Geschichten, Einsamheiten in den Fängen blattverliebter Lispelwinde. Weisheitsweiß von Blickwipfel zur Hosenspitze schlendern sie zwei Finger breit über den Schattenwegen. Dunkle Ausweichaugen werfen ihre Ruten hinter deinem Rücken. Manche schleppen einen Hund im Tau, auch er nur eine blass getuschte Täuschung alternder Lebendigkeit. Andere kleben harzbeträumt auf braunen Bänken ohne Sonnenmut. Schießen stumm und nachgespäht Vermutungen auf deinen Gang. Gartenzwerge Restbestände eines ausgespielten Liebesmemory.

Morgenmenschen. Anderleute.

Wecker rasselt. Dusche plätschert. Kafee duftet. Minuten hasten. Straße rast. Arbeit wartet. Nicht auf dich. Morgenmenschen ticken anders. Ihre Zeit zieht ihre Spur abseits der rinnenden Uhr.
Bist du einer von ihnen? Versteck dich unter deiner Decke. Nimm beim Ausgehen einen Tüte mit, als Alibi. Eine Zeitung verrät schon zuviel von deiner Suche.

Oder mach die Augen auf. Halt fest, was du siehst. Geh auf sie zu, bevor sie sich wegducken, in ihre Einsamlöcher, in den Arbeitsschatten, in die rastlose Ruhe des Alters. Rede mit ihnen. Und lass sie sprechen. Schreib sie auf, die Gespräche. Gedanken. Morgenmenschenwelten. Anderleuteaugen sehen, was du nicht überblickst.