Der Morgen danach.

hijab

Ich gehe zur Supermarktkasse. Es ist der 25. September 2017. Der Morgen danach. Um diese Zeit sind nur wenige Einkäufer unterwegs und entsprechend nur 2 Kassen besetzt. Vor mir eine Frau mit Kinderwagen und Kleinkind. Bodenlanger schwarzer Mantel, der Kopf schwarz umhüllt. Ein seltener Anblick in meinem Viertel – genauso wie in Deutschland, denn 70% der Muslima tragen hier gar keine Kopfbedeckung. Ich bin hinter ihr, frage: „Stehen Sie an?“ „Jo“, antwortet sie mit bayrisch gefärbter Stimme. Ich gehe eine Kasse weiter. Und beobachte. Eine andere Dame kommt, sie hat nur einen Salat in der Hand. „Gehn’s doch vor“, sagt die Muslimin. „Nein danke, Sie haben zwei Kleine, ich habe mehr Zeit als sie.“ Und beide lächeln.

Ich lege meine Waren aufs Band. Schaue zur Muslimin rüber. Auch die Brille ist schwarz. Elegant, aber schwarz. Unsere Augen treffen sich. Und wir beide lachen. Kurz, aber befreit.

Und dann frage ich mich: wie mag sie sich fühlen, wenn sie den Fernseher anmacht und Gauland oder Weidel dabei zuschauen muss, wie sie die Verbannung des Islams aus Deutschland fordern? Was mag sie gedacht haben angesichts der Wahlplakate mit Werbedummheiten wie „Islam? Passt nicht zu unserer Küche“? Ihre Kinder sind hier geboren, sie lebt in diesem Viertel, geht einkaufen, spricht und lacht mit den Menschen, denen sie begegnet. Wie muss sie sich fühlen, wenn ihr plötzlich Politiker erzählen, sie gehöre nicht hierher? Wenn sie „geächtet“ und als Kulturfeind abgestempelt wird, pauschal, nicht aufgrund ihrer Haltung, die sie gar nicht kennen, sondern aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit? Von Politikern, wohlgemerkt, nicht von den Leuten, nicht von den Deutschen um sie herum. Hier in meinem Viertel ist die Bevölkerung ein buntes kulturelles und religiöses Gemisch. Was sage ich meiner türkischen Gemüsehändlerin, die mir erklärt hat, solange Erdogan an der Macht sei, würde sie keinen Fuß mehr in die Türkei setzen, denn er sei ein Rassist und Demokratiefeind?

Ich schäme mich. Fremd. Für Gauland und Weidel und für all die Menschen, die die AfD gewählt haben, weil sie Angst davor haben, mitsamt ihrer deutschen Kultur unterzugehen in einem Meer schwarzer Schleier, wogegen allein die Statistik spricht: in Deutschland leben rund 2 Millionen Muslima (bei einer Gesamtbevölkerung von rund 82,2 Millionen) maximal 300 von ihnen sind voll verschleiert, selbst ein Kopftuch tragen, wie schon geschrieben, maximal 30 Prozent.

Und kommt mir nicht mit dem Argument, Christen gehe es in islamischen Ländern genauso. Erstens stimmt das nicht unbedingt. Zweitens gibt es einen Unterschied zwischen westlichen Spezialisten die in teuren Enklaven in Saudi Arabien oder den Emiraten leben und nie mit der Gesellschaft in Berührung kommen und den hier integrierten Menschen mit Migrationshintergrund, die plötzlich Angst haben, von ihren Nachbarn geteert und gefedert zu werden. Als wären wir wieder im Mittelalter. Als hätten wir kein Zeitalter der Aufklärung durchlebt, Descartes-Rousseau-Voltaire.

Wie würde ich mich fühlen, wenn ich von meinen Mitbürgern aufgrund meiner Religion plötzlich geächtet werden würde? Wenn ich der Demokratie nicht mehr vertrauen könnte, dem Grundgesetz, das mir Menschenrechte und Religionsfreiheit gewährt, auf dem Papier.

So haben sich Juden gefühlt, nach 1933. So soll sich niemand mehr fühlen, in Deutschland. Identität lebt vom Austausch und wird dadurch erst definiert und gestärkt. Es tut mir leid um die Deutschen, die sich kulturell abgehängt fühlen. Aber ich entschuldige mich bei all denjenigen, die im Fernsehen und in der Öffentlichkeit angegriffen werden, nicht aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Handels oder ihrer Meinung, sondern als Folge eines abstrus utopischen Rassenreinheitswahns.

Ich äußere mich hier nicht zu extremistischen Parteirepräsentanten. Ich spekuliere nicht über ihre langfristigen Absichten.

Ich merke, dass ich ab heute, seit dem Morgen danach, anders auf muslimische Mitbürger schauen werden. Empathischer. Aufmerksamer. Im Bewusstsein des Wertes demokratischer Freiheit.

Zum Thema Verschleierung möchte ich Euch diesen Link empfehlen mit dem Ergebnis einer Befragung unter Männern in islamischen Ländern bezüglich der Kopfbedeckung von Frauen in der öffentlichkeit. Eines vorweg: Burka oder Niqab befürworten nur 2% von ihnen.

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2 Kommentare zu “Der Morgen danach.

  1. Monika Schulze sagt:

    Als geneigter und interessierter Leser deiner Artikel hier eine kleine Frage: kaufst du auch bei der sympathischen Aische und dem Mustafa neben dem Metzger Rackl? Wir sind ja beide in Moosach/Untermenzing. morgen

    Von meinem iPhone gesendet

    >

    • mariebastide sagt:

      Liebe Monika, wenn Du den Gemüseladen neben Vinzenz Murr und der Bäckerei meinst, ja, von den beiden spreche ich. Aber obwohl wir uns duzen und oft miteinander plaudern, wusste ich nicht, wie sie heißen…!

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