Antwort auf das AfD-Outing einer FB-Bekanntschaft

Geht ein Ruck durch Deutschland? Oder ein Riss? Im Kreise meiner FB-Bekannten kommt es zu öffentlichen Bekenntnissen zur AfD. Einzelfälle, zum Glück. Aber dennoch bedenklich, da die plakative, eigentlich ganz offensichtlich auf Fake-News, Angstmache und demagogischer Fehlargumentation basierende Taktik auch bei denkenden Menschen auf fruchtbaren Boden fällt.

Ich gebe zu – es ist „komod“, die Dinge einfach zu nehmen, undifferenziert und so, wie wie sich beim ersten Lesen oder Hinschauen präsentieren. Nachfragen, Quellen recherchieren, Statements vergleichen und Widersprüche aufdecken ist zeitraubend. Aber zuweilen unabdingbar. Jetzt, vor der Wahl, ist ein solch kritisches Verhalten gegenüber Leuten, die einem weißmachen wollen, es gäbe auf komplexe Sachverhalte einfache Antworten, und diese begännen immer mit „Deutschland zuerst“, überlebenswichtig für unsere Demokratie.

Auf der Suche nach der Frage, wie es passieren kann, dass Menschen ihren kritischen Verstand und ihr angeborenes Urteilsvermögen im Angesicht nationalistischer Äußerungen auf Plakaten („Neue Deutsche? Machen wir selbst“, „Bunte Vielfalt? Haben wir schon“, „Burka? Ich steh mehr auf Burgunder“, „Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche“) und beinahe strafrechtlicher relevanter Äußerungen (Politiker entsorgen, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ etc.) abgeben, habe ich eine vorläufige Antwort gefunden: Das sind Menschen, die den Wunsch haben, der Abziehbilderwelt der Werbung zu glauben, die alles wahr und weiß und schön und einfach macht – und jeden und jede zum glücklichen Mittelpunkt einer sauberen Welt. Alles, was stört, muss weg.

Leider vergessen diese Menschen, dass wir aus purem Zufall in einem Land leben, in dem wir – ja! – genug zum Leben haben und KEINER verhungern MUSS, in dem auch Armut ein Niveau hat, von dem 90% der Weltbevölkerung nur träumt, in dem wir unsere Meinung frei äußern können (NOCH), auch, wenn sie regelrecht menschenfeindlich ist, in der wir nicht Gefahr laufen, „einfach so“ von Raketen, Granaten, Landminen getötet zu werden etc. etc. etc. In einem Land, dessen Menschen auch deshalb so gut leben, weil dieses Land von Kriegen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten anderer Länder profitiert. Wenn diese Menschen, auf der Flucht vor von uns mitverursachter Armut, von uns mit geschürtem Krieg bis zu uns kommen, sollen sie entsorgt werden?

In einer globalen Welt gibt es nicht mehr das Recht darauf, klein und national zu bleiben und zu leben. Und paradoxerweise lebt genau die Partei, die die nationale Rassenenklave stilisiert, fast ausschließlich durch das Internet – globaler Meltingpot par excellence!

Statt Buhmänner und Buhfrauen zu suchen, müssen wir uns alle der Tatsache stellen, dass in einer globalen Welt nur globale, komplexe Antworten weiterhelfen. Beim Klima, bei der Armutsbekämpfung, bei der Migration. Wir können nicht expandieren und exportieren, wo und wie es uns passt, aber nichts hereinlassen. Im Zeitalter der Digitalisierung ist die Vorherrschaft der Weißen Rasse kein Naturgesetz. Mehr. Natürlich müssen wir darauf achten, dass in Deutschland niemand in der Entwicklung zurückgelassen wird. Aber passiert das denn wirklich? Meine Beobachtung ist, dass diejenigen, die jammern und schreien, selten die sind, denen es wirklich besser gehen müsste. Natürlich müssen wir die Renten anheben, mehr Kitas bauen, Mieten senken, Pflege sichern.

Vor allem müssen wir in Bildung investieren, denn da liegt die Crux! Nur, wenn jeder versteht, dass ein Sozialstaat vom Engagement jedes Einzelnen lebt und nicht von einer sozialen Gießkanne – denn woher sollte da was fließen?, nur dann kann das soziale Niveau weiter so hoch gehalten werden, wie es jetzt ist. Wir sind de facto bereits ein multikulturelles Land, und schon heute zahlen Menschen mit dem unterschiedlichsten kulturellen Hintergrund Steuern. Diese Entwicklung wird weitergehen. Sie ist nicht aufzuhalten – hoffentlich. Denn sonst geht es unserer Gesellschaft bald sehr schlecht.

Ja, die Welt wird anders werden. Das war aber schon immer so. Und auch in Deutschland wird sich nichts rückwärts entwickeln, der AfD zum Trotz. Nur fände ich es schade, wenn wir diese „Gestrigen“ nicht mitnehmen würden, denn sie gehören dazu, und eine Demokratie wird mit ihnen fertig. Im Gegenteil – sie stärken die Stimme der Vernunft!

Aber, C. (Name der FB-Bekannten), es gibt keinen sozial, menschlich oder politisch tragfähigen Grund, die AfD zu wählen. Diese Partei ist nachweislich rechtsradikal. Du kannst Dein Anderssein in jeder anderen Partei ausleben – wenn es demokratisch orientiert ist. Wenn nicht, findest Du in einem demokratischen System vielleicht keinen Dir genehmen Platz und solltest Dich nach einem Staat umschauen, in dem die Vorherrschaft des Weißen Mannes als Naturrecht noch gelebt wird.

Mir fällt da keiner ein.

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