Zeitsalat

Ich stehe in der Küche und schneide Gurke für einen Sommersalat. Draußen Sonne bei über 30 Grad. Drinnen Schatten und Zitronenduft. Ich schneide und rieche und stehe plötzlich in einer anderen Küche, in einer vergangenen, ich dachte vergessenen Zeit. Schneide Gurken für einen Sommersalat, den ich nicht drei Meter weiter auf die Terrasse am Wohnzimmer trage, sondern eine kalte steile durch ungleiche Stufen erschwerte Kellertreppe hinunter, durch eine Waschküche mit eingemauertem Kupferwaschbottich auf die bemooste Terrasse, die einen riesig verwunschenen Garten überblickt, ein Tal und die sanftgrünen Schafhügel gegenüber, jenseits von Bächlein, Sägewerk und Holzlagern.

Plötzlich bade ich im heißen Gefühlsgemisch meiner Twen-Jahre. Enge und Langeweile, Stunden wie Blei à la Margarete von Trotta. Und gleichzeitig der Genuss dieser einfachen Tätigkeit und ihrer Versprechen. Salat und Sommer. Gespräche am Tisch mit meiner Mutter, mit Freunden aus aller Welt, Campari und Aperol und ein Abendbesuch bei meinem Bruder auf dem Weg zum Grab meines Vaters. Eine Zigarette unter der Dunstabzugshaube, Prosecco hinterm Fliegengitter und Spaghetti al pesto um Mitternacht.

Wie und warum habe ich diese Jahre in die Abstellkammer meiner Gedanken geschoben? Heute schlendere ich über’s Tollwood, und vor meinen Augen zerfließt das Bild zu einer Erinnerung, mein Kind und ich stehen vor dem Langos-Stand und um uns herum strömt das Leben in Latzhosen und Patchoulinebel.

Es ist, als wäre der Tod meiner Mutter der Schlüssel, mit dem ich die Tür zur Erinnerung aufsperre. Zu einer Erinnerung ohne Stachel, die meine Vergangenheiten in freundliches Abendrotleuchten taucht. Warum? Kennt Ihr das? Geht es Euch ähnlich?

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2 Kommentare zu “Zeitsalat

  1. nilibine70 sagt:

    Oh ja! Zu ganz vielen Zeiten, Gelegenheiten kommt haargenau dieses Gefühl immer wieder und ich genieße es mittlerweile. Es bleibt einem ja nur das und das kann man konservieren und in sich aufsaugen 🙂 Als nächster Schritt folgt bei mir immer der Griff zu einer ganz besonderen Fotokiste, in der ganz ganz viele Erinnerungen schlummern, die meine Kindheit, meine Jugend ausmachen… Und dann sind meine Eltern, mein Bruder, alle wieder bei mir ❤

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