Adventskalender MiniKrimi vom 10. Dezember

Birdsley

Das Haupt der Medusa

(danke den „Mädels vom Magda-SPA für die Clues)

Samstagabend und der Waschsalon ist voll. Nicht mit Menschen. Die haben lediglich ihre Tüten und Taschen mit Schmutzwäsche ausgeleert, alle 15 Maschinen befüllt und sind dann, nach einem Blick auf die Uhr, wieder gegangen, um die Zeit des Waschvorgangs mit Sinnvollem oder Nützlichem oder Angenehmen zu füllen. Und so drehen sich die Männerunterhemden, Frauenslips und Kinderpullis in buntem Reigen, ohne dass ihnen jemand Beachtung schenkt.

Mona stößt die Tür mit letzter Kraft auf, schiebt den Seesack Richtung Waschmaschinen und massiert die schmerzenden Arme. Das kann doch nicht wahr sein, denkt sie. Alles belegt? Langsam geht sie die Reihen der drehenden Trommeln ab. Ganz hinten ist noch eine frei. Na also. Sie kippt den Inhalt des Seesacks auf dem Boden, beäugt nachdenklich das friedliche Miteinander von verwaschenen Jeans, tomatenfleckigen Blusen, verfilzten Wollsocken und einer schwarzen, verknoteten Baumwolltasche. Einen Augenblic lang bereut sie, dass sie ihrer besten Freundin nie einen Wunsch abschlagen kann. „Könntest du Evas Wäsche für sie in den Waschsalon bringen?“, hat Evas Freund Ole sie auf dem Flur im Studentenwohnheim gefragt. „Sie hat es vor ihrer Abreise nicht mehr geschafft, und mir traut sie das nicht zu….“ Typisch Mann, denkt Mona. Eigentlich müsste sie damit drei Maschinen füllen. Egal. Dann gibt es heute eben nur den 20-Grad-Schonwaschgang. Und sie stopft alles in die Trommel.

Dann setzt sie sich auf einen der orangefarbenen Plastikstühle, holt ihr Reisekissen, den Thermosbecher mit Ingwertee raus und den Gedichtband „Les Fleurs du Mal“ von Beaudelaire. Das Paperpack-Exemplar jst gemütlich zerlesen, und in der Kombination mit Tee und Kissen schafft er ihr eine kleine Heimatoase mitten in der rotierenden Neonlichtwüste der Großstadtnacht.

Ganz schön brutal, denkt Mona, wie jedes Mal, wenn sie „de profundis clamavi“ liest. Kein Grauen auf der Welt….  fröstelnd schaut sie sich um in der gefühlskalten Salonatmosphäre. Was, wenn sie plötzlich ganz allein wäre? Der einzige übrige Mensch in der Stadt. Hier, unter der Neoneissonne. Allein mit den kreisenden Trommeln, und alle drehen sich in unterschiedlichem Rhythmus, jede zum Lied ihres Befüllers. Mona lässt sich hypnotisieren, folgt den Umdrehungen gegenüber. Blau, weiß, schwarz. Rot. Flammend rot! Da hat doch tatsächlich jemand eine rote Perücke in die Waschmaschine gesteckt. Die färbt ganz schön ab, langsam tanzen rote Schleier hinter dem Trommelglas. Werden zu rotem Schaum. Schaum, der jetzt aus der Maschine hervorquillt und auf den Boden fließt, ein träger, schlierigsprudelnder roter Strom.

Bei der nächsten Umdrehung der Trommel geben die roten Haarsträhnen die Sicht frei auf ein blasses Gesicht. Die Augen blicklos aufgerissen, rotiert es wie vor einem Schaufenster, um sich dann wieder zwischen Stoffstücken zu verstecken.

Endlich bahnt sich das Grauen einen Weg durch ihren Körper. Mona zittert, dann schreit sie, schreit, springt vom Stuhl zur Tür, reitß sie auf und rennt über die dunkle Straße, hinein in das nächste Geschäft. Sie zerrt eine Packung Toilettenpapier vom Stapel neben dem Eingang, reißt sie auf und wischt sich mit den dünnen Blättern den Schweiß vom Gesicht. „Ist was passiert? Sind Sie auf der Flucht?“ fragt die Kassiererin und ruft den Sicherheitsdienst. Da ist Mona schon ohnmächtig geworden. Der Anblick ihrer besten Freundin als Haupt der Medusa war einfach zuviel.

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Ein Kommentar zu “Adventskalender MiniKrimi vom 10. Dezember

  1. Monika Schulze sagt:

    Meine absolute Bewunderung, wie aus wirklich verrückten clues eine so tolle Story gezaubert werden kann. Eigentlich eine von mir augenzwinkernd gedachte Provokation: “ Na, d a s schaffst du diesmal nicht!“ Und ob… Ich träum heute bestimmt nicht adventlich, wenn vor mir der Kopf der Medusa kreist. Danke. Für diesen Beitrag im Kalender.

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