Umtausch ausgeschlossen?!

Hallo Schöpfung, liebe Vorsehung, verehrte Genetik – to whom it may concern!

Ich möchte mein Kind umtauschen. Ich weiß, Sie werden jetzt sagen, dass die Rückgabefrist nach 22 Jahren abgelaufen ist. Aber ein bekanntes skandinavisches Möbelhaus tauscht die Waren sogar dann noch um, wenn sie Gebrauchsspuren aufweisen. Einfach so, aus Kulanz. Sie müssen nicht einmal einen Mangel haben. Das tut mein Kind auch nicht. Im Gegenteil. Ich bin zufrieden mit ihm. Nicht nur im Großen und Ganzen. Auch im Kleinen. Gut, er lässt die Socken unterm Sofa liegen und schraubt die Zahnpastatuben nicht zu. Seine Post stapelt sich ungeöffnet auf dem Schreibtisch und droht, von den Fensterbrettern auf den Boden auszuufern. Er parkt seine Schuhe mitten im Flur und belegt gleich nach seiner Ankunft Sofa und Fernsehen mit Beschlag. Er findet wichtige Dokumente nicht und macht die Mutter dafür verantwortlich. Also mich. Ein ganz normales „Kind“, eben.

Aber genau da liegt das Problem!

Schauen Sie. Ich kenne Mütter, die müssen ihren Kindern noch im reifen Erwachsenenalter nachputzen. Deren Töchter kriegen nichts auf die Reihe und geben den Eltern die Schuld dafür. Manche müssen sich sogar verschulden, um die Kinder zu retten!

Ich kenne Familien, da sorgt allein der normale Umgangston dafür, dass die Nachbarn wegen Lärmbelästigung eine Dezibel-Messung beantragen. Söhne, die ihren Müttern nicht mal zum Muttertag ein Vergissmeinnicht auf die Fußmatte legen! Ich kenne Ehepaare, die schon ein Mietangebot in die Zeitung setzen, wenn die Kinder den Aufnahmebescheid für das übernächste Semester erhalten haben. Solche, die ihre Kinder nach Spitzbergen zum Studieren schicken und sogar persönlich dorthin begleiten würden, und alternativ gerade noch damit einverstanden sind, ein Stipendium in Ney York zu finanzieren, allerdings ohne Rückflugticket.

Ich kenne Leute, die nicht wissen, was ihre Kinder am liebsten frühstücken. Und Kinder, denen frühestens zu Weihnachten auffallen würde, dass ihren Eltern der Telefonanschluss gekündigt worden ist, weil das die einzige Gelegenheit ist, zu der sie sie anrufen. Falls in der Gegend, in der sie sich zu der Zeit gerade aufhalten, zufällig genug Netz vorhanden ist.

Sehen Sie – SO ein Kind hätte ich gerne. Stattdessen haben Sie mir einen Sohn ausgehändigt, mit dem ich mich am Karfreitag in eine Orgelandacht setzen kann. Einen, der mir auch mal – selten, allerdings – schon nah dreimaliger Aufforderung den Müll rausträgt. Einen, der den Wohnungsschlüssel seiner Studentenbude daheim vergisst, weil er lieber noch nicht zurückfahren würde. Einen, mit dem ich reden kann, diskutieren und sogar lachen. Einen, der eine kleine Leere in seinem Zimmer hinterlässt, die sogar Hund und Kater spüren. Wobei letzterer dann auch noch seinen Protest auf den Teppich pinkelt. Also ehrlich!

Das ist unfair! Deshalb würde ich gerne von meinem Rückgaberecht Gebrauch machen und lieber ein Kind haben, mit dem ich mich in keiner Weise verstehe. Eines, auf dessen Abwesenheit ich mich freue, eines, dessen Fehlen mir wie eine Erleichterung erscheint, wenn es nach kurzem Semesterurlaub wieder zum Studium zurückkehrt. Eines, das nicht kochen kann und nur Hamburger und Fritten isst. Eines – warum nicht – das rechts- oder linksradikale Parolen grölt. Eines, für das ich mich schämen möchte. Eines, das mir Vorwürfe macht, das mich antagonisiert und mit dem ich mich ganz und gar nicht verstehe.

Alles klar?

Ok. Na gut. Dachte mir schon, dass Sie das sagen.

Wissen Sie was, dann vergessen Sie die Anfrage einfach. Bzw. erwarte ich dann aber aus Kulanzgründen, dass Sie mir später, wenn es mal um Schwiegerkinder und Enkel gehen wird oder sollte, auch keinen Strich durch die Rechnung machen und mich nicht wie die böse Schwieger- oder Großmutter hinstellen. Ist das ein Deal?

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