MiniKrimi vom 18. Dezember

Dieser Krimi wurde von meiner IsarChillies-Kollegin Kathrin Schubert geschrieben. Er ist spooky und thrilling zugleich. Viel Spaß beim Lesen!

 

Rabenkrähe1

Die Krähe

Die Krähe landet auf einem Baum wenige Meter vor mir. Hüpft von Ast zu Ast und krächzt dabei so engagiert, dass ich stehen bleibe. Vielleicht gefällt ihr das – jemand hört ihr zu. Sie starrt zu mir herunter und ich starre zu ihr hinauf. Die Krähe auf dem Ast vor mir wird immer lauter, schreit sich geradezu die Seele aus dem Leib. Dann flattert sie auf und verschwindet über den Dächern der Wohnblocks am Isarkanal. Bevor ich es weiß, fasse ich in meine Manteltasche: Der Schlüsselbund fehlt.

Sicher ist Britt um diese Zeit zu Hause, dann komme ich wenigstens rein. Britt Kristensen. Meine ominöse Mitbewohnerin. Alleine zu leben, kam mir seltsam vor nach der Trennung von Daniel. Und irgendwer musste den zweiten Teil der Miete zahlen. Ich habe Britt vor einem halben Jahr über eine Chiffre-Anzeige kennengelernt. Sie ist die perfekte Mitbewohnerin: single, ordentlich, und still. Wirklich grabesstill, fast schon beunruhigend: Kein Laut dringt durch ihre Tür in der eigentlich hellhörigen Wohnung.

Arbeit-Fernsehen-Schlafen scheinen ihre Tage zu strukturieren. Wir haben nie zusammen Freunde getroffen. Mein Telefon nutzt sie nicht, nur ihr Handy. Wie verbringt sie ihre Tage? Was arbeitet sie eigentlich? Woher kommt sie? Wie lange wohnt sie schon in München? Erst bei diesem Spaziergang fällt mir auf, dass ich rein gar nichts über die dürre, nervöse Frau weiß, mit der ich seit Monaten mein Zuhause teile. Meinen bisher zermürbendsten Lebensabschnitt haben in letzter Zeit mein Scheidungsprozess und eine gleißende Wut bestimmt. Ich habe bis zur Besinnungslosigkeit gearbeitet. Nur nicht zur Ruhe kommen, nur nicht nachdenken, den Schmerz und die Demütigungen irgendwie verdrängen.

Britt ist mir ein Rätsel – aber keine unangenehme Person. Und in diesem Jahr habe ich einfach keine Lust auf „Happy-family“-Theater am Heiligabend. Deshalb schlug Britt vor, wir könnten zu Zweit zu Hause „feiern“. Ich kann mir zwar noch nicht vorstellen, wie wir zusammen kochen und „Oh du Fröhliche“ am vertrockneten Adventskranz singen. Bis jetzt ist sie immer nur in die Küche gehuscht, wenn ich nicht da war. Sie frühstückt nicht und kocht nie. Aber versuchen kann man es.

Jedenfalls wird es höchste Zeit für mich, wieder neuen Mut zu fassen! An diesem klaren Wintertag beginnt mein neues Ich, zu leben – wenn mich die Krähe dieses Mal verschont, denke ich halb belustigt, halb ängstlich. Ich beschließe, gleich nett mit Britt zu plaudern, sie auf ein Glas Wein einzuladen. Vielleicht hat sie etwas auf dem Herzen, traut sich aber nicht, darüber zu sprechen? Vielleicht ist sie einsam oder depressiv? Mit diesem lächerlich-gutmenschlichen „Jeden Tag eine gute Tat“-Gedanken mache ich mich beschwingt auf den Heimweg. Und versuche dabei, nur wenigen Weihnachtsfanatikern zu begegnen, die eine Lawine von Geschenktüten durch die Stadt jagt.

Doch irgendetwas stimmt nicht in meiner Wohnung. Alle Lampen sind an, obwohl es noch hell ist. Hinter meinen Fenstern bewegen sich schnelle Schatten. Britt hat nie Besuch! „Sind Sie Frau Hesse?“ Ich spüre einen scharfen Blick im Rücken und drehe mich um. „Ja, das bin ich. Was machen Sie in meiner Wohnung? Wo ist meine Mitbewohnerin?“ Der Polizist mustert mich skeptisch. „Was reden Sie da? Sie wohnen hier doch offensichtlich allein.“ Ich ging durch die Wohnung. Alles verlassen, als habe Britt nie existiert. Meine Möbel standen wieder so wie vor ihrem Einzug. Sogar die eingemotteten Vorhänge hingen. Ihr Zimmer war wieder mein altes Bügelzimmer. Im Bad keine Spur einer anderen Person. Keine zweite Zahnbürste, kein verhasster Zahnpastarand am Waschbecken. Nicht ein einziges Haar hat sie hinterlassen. Wie ein Spuk.

Eine schockierende Hinterlassenschaft entdecke ich allerdings im Briefkasten, den wir mangels Schlüssel aufbrechen müssen. Ein ganzer Haufen von Briefen prasselt auf den Boden. Ich traue meinen Augen kaum: Mahnbescheide, Vorladungen, Mitteilungen des Gerichtsvollziehers, Anwaltsschreiben! Papierne Hiobsboten, die der Briefträger mit professioneller Gleichgültigkeit täglich eingeworfen hatte. Die Beamten sehen zufrieden aus. Süffisant belehrt mich einer „Können Sie sich jetzt denken, warum wir hier sind? Ihre Gläubiger haben die Geduld verloren. Und den Gerichtsvollzieher wollten Sie ja nicht reinlassen – jetzt hat er sich Verstärkung geholt.“

Britt öffnete immer den Briefkasten. Warum ließ sie die wichtigste Post drin? Dieses Mahn-Drama habe ich ihr zu verdanken. Und den Besuch der Beamten – denn ich habe ganz sicher mit keinem Gerichtsvollzieher gesprochen bzw. ihn nicht reingelassen. Es gibt nur eine Erklärung für diesen Schlamassel: Ich habe Britt – wenn sie denn nicht nur in meiner Fantasie existiert – einmal meine Kreditkarte für eine Bestellung geliehen. Die Nummer muss sie sich notiert haben. Natürlich waren alle Rechnungen an mich gerichtet. Sie hat Dinge bestellt und sich zu einer Paketbox liefern lassen, die nicht in meine Lebenswelt passten. Teures wie Schmuck und Designermode (die sie nie trug), und völlig Überflüssiges aus dem TV-Shopping. Und keine der Rechnungen war bezahlt. Britt Kristensen ist eine Hochstaplerin, die jetzt wahrscheinlich schon woanders anonym ihr Unwesen treibt. Und ich bin über alle Maßen verschuldet.

Im Bad öffne ich das Fenster und ringe nach Luft. Eine seltsam kühle Stille beherrscht den Hof. Unheilbringend. Dann nehme ich einen schweren Flügelschlag wahr. Mit einem wütenden Kreischen schießt mir pfeilschnell eine Krähe entgegen. Das Fenster schließe ich in letzter Sekunde und sehe das Tier an der Scheibe verenden. Sein silbrig-schimmerndes Gefieder färbt sich rot. Fest umklammert im Schnabel glänzt… mein Schlüsselbund!

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