MiniKrimi vom 17. Dezember

Raunächte

Es ist viel zu warm für Mitte Dezember. „Wir werden wohl kaum eine weiße Weihnacht bekommen“, denkt Luzia. Und hat eigentlich gar keine Lust auf Weihnachtseinkäufe. Vom Regenschirm tropft es auf ihren Mantel, stetig, wie um ein Loch hinein zu höhlen. Schon zwei Mal sind eilige Passanten mit ihr zusammengestoßen, Männer, natürlich, den Blick fest auf den Boden geheftet, den Kopf wie ein Corrida-Stier nach vorn gebeugt. Luzia tippelt auf ihren Stilettos unsicher über das glänzende Kopfsteinpflaster. Gelbes Licht wäscht den Platz und hinterlässt ihn triefend nass und dampfend. Nicht einmal die Lampen in den Schaufenstern und kleinen Lokalen dringen durch den Winternebel. Es ist noch nicht einmal fünf Uhr, und schon hat Dunkelheit die Stadt erobert. Vor dem Schaufenster ihres Lieblingsladens bleibt sie stehen.Der  Kerzenständer, den sie im Vorbeigehen gesehen hat, steht noch in der Auslage. Die rostbraunen Silhouette einer feinen Dame, in den Händen hält sie einen Teller, gerade groß genug für eine Kerzenminiatur.

Das ist das richtige Geschenk für Feria. Das einzige Geschenk. Feria ist ihre beste Freundin. Genau genommen ihre einzige. Und das genaue Gegenteil von ihr. Luzia ist schüchtern, Feria eine Draufgängerin. Luzia ist alles außer eitel – Feria achtet sehr genau auf ihr Äußeres. Im Gegensatz zu Luzias blonden Locken sind Ferias Haare glatt und glänzen schwarz. Luzia liebt die Sonne, und Feria die Schatten. Selten geht sie vor der Dämmerung aus dem Haus und ist dafür die ganze Nacht auf Achse. Luzia dagegen treibt es mit dem ersten Licht gleich aus den Federn. Und abends ist sie müde. „Wir ergänzen uns perfekt“, denkt Luzia oft.

Wenn sie sich beeilt, trifft sie Feria vielleicht sogar noch zu Hause. Der Winter ist ihr Element, und in den Raunächten blüht sie förmlich auf. Luzia bekommt sie selten zu Gesicht, denn Feria verschläft die Dezembertage. Heute morgen war Luzia früher als gewöhnlich wach. Sie saß in der Küche bei einer Tasse Tee, als Feria nach Hause kam. Der Schreckt sitzt ihr noch jetzt im Nacken. Fast hätte sie Feria nicht erkannt. Gesicht und Arme leichenblass, grüngraue Ränder um die roten Augen,  die Haare wirr und stumpf. Sie starrte Luzia an, ohne sie zu erkennen, und stürzte in die Küche. Erst als Luzia sie laut beim Namen rief, blieb Feria stehen, mit ausgestreckten Händen. Aber als Luzia sie in die Arme nehmen wollte, wich sie zurück.

„So kann das nicht weitergehen“, sagte Luzia später, als Feria entkräftet in der Badewanne lag. „Du hast recht. So kann das nicht weitergehen“, stimmt Feria ihr zu. Und ihre Augen brannten. „Du brauchst einfach frische Luft. Und Sonne. Eine Kur, am besten.“ „Ja, eine Verjüngungskur“, murmelte Feria.

Jetzt ist Luzia fast zu Hause. Das holperige Pflaster auf der steilen Gasse ist vom Regen glitschig, und Luzia setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Stockdunkel ist es hier. Nur aus den Fenstern tropfen ein paar Krümel Lampenlicht. Die Straßenlaterne scheint kaputt zu sein. Heute morgen ging sie noch. Kahle Zweige nasser Büsche streifen ihren Arm. Aus dem Park gegenüber dringt die Schwärze auf sie ein. Unheimlich ist es hier. Ein Windstoß fegt ihr Hagel ins Gesicht und macht sie blind. Sie hält sich schützend das Paket mit Ferias  Kerzendame vor die Augen.

„Luzia“, flüstert es. „Luzia, komm her. Es tut nicht weh. Ich brauche dich. Und du kannst ohne mich doch auch nicht leben. Also lebst du jetzt in mir. Und ich in dir.“

Am nächsten Morgen steht eine schöne junge Frau am Fenster und saugt hungrig den Sonnentag in sich hinein. Ihre Haut glänzt rosig, und ihre Haare sind von einem schweren dunklen Blond, mit leichten Locken. Luzifer, das wäre doch ein schöner Name, denkt sie und geht spurlos in ein anderes Leben. Die alten Hüllen bleiben liegen.

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