MiniKrimi vom 9. Dezember

Heute mal was „für’s Herz“ – und zum Vorlesen für die ganze Familie. Oder so…. Morgen wird’s dann wieder brutaler. 

Commisario Felices erster Fall

Was ist denn da los? Mit äußerstem Widerwillen verlässt Felice die sonnenwarme Sommerwiese, auf die ihn sein Traum geführt hatte, und kehrt in die Wirklichkeit eines kalten Wintertages zurück. Unten streiten Chiara und Bruna, und das so lautstark, dass sie ihn aus seinem Nachmittags-Nickerchen gerissen haben. Dabei wissen die Mädels genau, dass ein alter Herr wie er seine Ruhe braucht! Was soll’s, zum Glück ist er auf dem rechten Ohr schwerhörig. Also dreht er sich auf diese Seite, rollt sich auf der Mikrofaserdecke ein und versucht, seinen Sommerwiesentraum wieder einzuholen.

Umsonst. Die Tür zu seinem Schlafzimmer wird aufgestoßen, und mit einem Satz landet Bruna, er weiß genau, dass sie es ist, auch, wenn er sie nicht sehen kann, neben ihm auf dem Bett. „Felice“, japst sie, und dabei schlägt ihm eine Thunfischwolke entgegen. Thunfisch! Sie hat sich schon wieder von seinem Teller bedient. Na warte, du Luder. Er holt mit aller seinen alten Muskeln innewohnenden Kraft aus, um ihr eine Ohrfeige zu geben. Aber sie ist natürlich schneller, die Jugend! „Felice, lass das. Hör zu, etwas furchtbares ist geschehen“. „Natürlich. Du hast meinen Thunfisch gestohlen.“ „Ach, wegen so einer Lappalie würde ich dich doch nicht aus deinem Mittagsschlaf holen. Nein. Cecilia ist verschwunden!“

Felice runzelt die Stirn. Seine blinden Augen schillern, wie immer, wenn er nachdenkt. Dann antwortet er: „Unmöglich. Wie kommst du darauf?“ „Weil sie uns schon seit zwei Stunden nicht mehr gerufen hat. Das bedeutet, sie ist weg.“ Chiara sitzt, ganz Prinzessin, kerzengerade neben dem Bett. „Unsinn. Habt ihr sie denn überhaupt schon gesucht?“ Felice spürt, wie Chiara und Bruna sich anschauen. „Natürlich“, entfährt es Bruna gereizt. „Oder hältst du uns für blöd?“ Felice zieht anstelle einer patzigen Antwort eine nicht viel diplomatischere Grimasse. „Wahrscheinlich ist sie auf der Toilette. Bei uns Alten kann so ein Geschäft sehr lange dauern.“ Er spricht aus leidvoller Erfahrung. „Nein. Da ist sie nicht. Und auch nicht im Bad oder in der Küche. Sie ist überhaupt nirgends. Und jetzt wird es schon dunkel. Ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist.“ Bruna ist noch klein, jetzt zittert ihre Stimme vor Sorge. „Wirklich, es wird schon dunkel?“ Ich verschlafe den ganzen Tag, denkt Felice. Früher war ist von morgens bis abends auf Achse. Und heute? Stecke ich die Nase nicht mal zum Zeitungslesen aus dem Haus. Mühsam und mit schmerzenden Knochen setzt er sich auf. Reckt den Kopf und zieht bedächtig die Luft ein. Seine Augen sind blind, seine Ohren halbtaub. Aber seine Nase funktioniert immer noch bestens. „Wenn sie draußen ist, dann solltet ihr sie schnell finden. Sie hat nicht einmal einen Mantel an“, stellt er fest. Die rote Winterdaune mit seiner Geruchsexplosion nach Straße, Staub, kalten Hecken und altem Urin hängt am Türhaken. Das riecht er ganz deutlich. „Wie konnte das überhaupt passieren“, schimpft er dann. „Ihr wisst doch genau, dass Cecilia nicht alleine aus dem Haus gehen soll. Wofür seid ihr eigentlich da?“

„Wir waren ja mit draußen,“ mault Bruna. „Aber dann war da ein Igel hinten im Holzhaufen.
Wir haben ihn nicht gefangen, aber plötzlich war Cecilia weg. Dann sind wir reingegangen, weil wir dachten, sie sei auch schon wieder drinnen. Was machen wir jetzt bloß?“

Die Situation ist in der Tat alles andere als einfach. Cecilia ist alt und dement. Manchmal findet sie nicht einmal den Weg vom hinteren Gartenende zurück zur Terrasse. Aber im Haus klappt es noch mit der Orientierung. Und bis jetzt hat sie noch nie vergessen, sich, Felice, Chiara und Bruna zu füttern. Bis jetzt. Felice merkt allein an seinem knurrenden Magen, dass es Abend geworden ist. Wenn sie die Alte nicht finden, haben die drei ein echtes Problem.

„Felice, komm mit, wir suchen gemeinsam“, bettelt Bruna. Aber das kommt nicht in Frage. Er kann nach seinem Wirbelbruch im Sommer kaum noch gerade gehen. Außerdem muss er sich nicht bewegen, es genügt, wenn seine kleinen grauen Zellen aktiv sind. Das hat er von seinem Lieblings-Detektiv, Hercule Poirot, gelernt. „Also, ihr sagt mir jetzt noch einmal ganz genau, wo ihr sie zuletzt gesehen habt“. „Im Garten“, antwortet Chiara, froh, irgend etwas tun zu können. „Wo im Garten?“, fragt Felice. „Am Zaun. Da war plötzlich alles voller Erde und Laub, an der Gartentür und auch auf der Straße. Hat Cecilia jedenfalls gesagt. Deshalb haben wir ja hingeschnüffelt und den Igel gerochen. Der muss das gewesen sein.“ „Und dann?“ „Dann haben wir ihn gesucht!“, triumphiert Bruna. Chiaras vorwurfsvoller Blick sagt mehr als tausend Worte. „ja, gut, wir waren abgelenkt“, gesteht Bruna. Aber Felice hört ihr nicht zu. Er hat die Augen geschlossen, und einen Moment lang denken die beiden, dass er eingeschlafen sei. Dann reißt er beide Augen wieder zu ihrer ganzen grün schillernden Größe auf. „Dann ist ja alles klar“, sagt er. „Wieso?“, fragen Bruna und Chiara gleichzeitig. „Ihr habt selbst gesagt, dass sie Blätter und Schmutz auf dem Gartenweg und der Straße bemerkt hat. Also hat sie Besen und Kehrschaufel geholt, um die Straße zu fegen.“ Das ist Cecilias Lieblingsbeschäftigung. „Gut. Aber wo ist sie jetzt?“, fragt Chiara. „So lange kann das nicht gedauert haben, die paar Blätter wegzukehren.“ „Tjaaaa.“ Felice atmet bedächtig ein, und aus, und wieder ein.

„Ich denke mal, dass einfach die Gartentür zugefallen ist, während sie draußen gekehrt hat. Sie hat sie nicht mehr aufbekommen und ist losgezogen, um jemanden zu suchen, der ihr hilft. Na, und wenn sie erst mal ein paar Meter die Straße runtergelaufen ist, hat sie sicher vergessen, wie sie zurückkommt.“

„Das ist ja schrecklich!“, murmelt Chiara. Sie weiß, dass Felice Recht haben könnte. „Aber was machen wir denn jetzt?“, jammert Bruna. „Ganz einfach. Ihr müsst raus in den Garten und sie rufen. So lange, bis sie euch hört. Vielleicht müsst ihr ihr auch entgegen gehen. „Allein? Auf die Straße?“ Bruna ist alles andere als begeistert. Aber Chiara, die ältere, praktische, ist schon aufgestanden. Sie streckt sich und geht vorsichtig die Treppen hinunter. „Bruna, mach mir die Tür auf“, befiehlt sie. Denn das kann sie, warum auch immer, nicht selbst. Die Kleine hat damit kein Problem. Sie stößt die Terrassentür auf, und Chiara läuft hinaus. In zwei Sätzen ist sie am Zaun und fliegt mit einem großen Sprung über das Gartentor. Dann steht sie auf der Straße. Sie stößt langgezogene Rufe aus. Immer wieder.

Irgendwann biegen zwei Gestalten in die Straße ein. Ein großer Mann und eine winzig kleine alte Frau. Sie trägt nur Hose und Pulli, ihre Nase ist rot vor Kälte. Chiara heult, aber diesmal vor Freude. „Ist das Ihr Haus?“, fragt der Mann. Cecilia nickt, während Chiara wie toll um sie herum springt. „Vielen Dank“, sagt Cecilia und fragt: „Wollen Sie reinkommen?“ Aber der Mann schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nie gesehen. Ein Hund, der einen Menschen ruft. Wie hätte er sich aber erst gewundert, wenn er gewusst hätte, dass der Plan im Kopf eines 20 Jahre alten blinden Katers entstanden war.

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