MiniKrimi am 4. Dezember

Eine Frage des Stylings

Perfekt! Danke dir, mein Goldschatz. Komm her, lass dich drücken!“ Gerne, aber leider ein klein wenig zu schnell schmiegt er sich in ihre einladend geöffnete Umarmung. So schnell, dass ihr Griff nach der Schere sein Sichtfeld wie ein Schatten streift, nicht mehr. Dann sticht sie zu, und das letzte, was er sieht, bevor sein Blick zerbricht, ist der neue Glanz in ihren Augen. Die Frage, ob das die Krönung seines Stylings ist oder doch eine vorwitzige Träne, stellt Gino sich nicht mehr. Aber Gaia spürt die Feuchtigkeit am Wimpernrand und tupft verblüfft und vorsichtig mit einem Kleenex nach. Gefühle kommen noch vor Masern und sind das Allerletzte, womit sie sich jetzt anstecken sollte. Eine letzte Spiegelprüfung, dann geht sie in den Flur. Legt Feuer an die lange Zündschnur und verlässt eilig doch gemessenen Schrittes die Gartenlaube. „Diebesbanden schrecken vor nichts zurück“, wird das BLATT in seiner Nachtausgabe titeln, und aus den Autospuren auf einen erneuten Anschlag der Grenzräuber schließen, die fortan Grenzmörder heißen. Aber das wird Gaia nicht mehr lesen, denn im Ausland kauft sie keine deutsche Zeitung.

Sie pustet Milchschaum über den Tassenrand in Richtung Meer. Eine Himbeersonne taucht am Horizont in einen dunklen Spiegel, sprudelnd. Der Abendwind frischt auf, und sie knotet ein Tuch um ihre wehend schwarzen Haare. Nicht, dass sie ihr davonfliegen!

Gaia Edmund war ein leises, scheues Kind und später eine freundliche, zurückhaltende Frau. Sie saß gerne stundenlang an der äußersten Spitze des Stegs. Roch das Holz, sommerwarm, herbstfeucht, regennass. Zählte die weißen Flecken auf dem See, Schaumkronen oder Segel. Hüllte sich in ihre Gedanken. Stülpte sie den Stunden auf, Hüte aus Wünschen, Mûtzen voller Pläne. Um nichts in der Welt wollte sie darauf verzichten. Das musste sie auch nicht. Nach dem Archäologiestudium heiratete sie Gerd und mit ihm den Steg. Und die Wellen, die Wolken, die grenzenlosen Träume. Die Welt war im Lot. Bis Lotta auftauchte. Wortwörtlich, aus dem Schaum ihres sinkenden Segelboots.  Wie die Venus von Milo. Kleine Seejungfrau, taufte Gerd sie. Und wahrscheinlich hätte er es sich gern gemütlich gemacht, zwischen Erde und Wasser. Aber zwei Frauen passten nicht auf den Steg, dachte Gaia. Und nicht in das Haus, meinte Lotta. Und nahm davon Besitz. Gaia tat, was sie immer schon am liebsten gemacht hatte. Sie saß auf ihrem Steg, ganz vorn, auf der Grenze zum Horizont. Am Abend fand Gerd ihr blutgetränktes Kleid. Es schaukelte wie eine große verletzte Sonne auf den Wellen. Lottas und Gerds gemeinsames Alibi war zu schlüpfrig, als dass der Kommissar es geglaubt hätte. Zumal ihre DNA überall war, auf dem Seidenstoff und auf dem Messer in der Ritze am Steg, zusammen mit Gaias Blut. Das sei zuviel für Gerd gewesen, mutmaßte der Kommissar. Lotta gelang es nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Zumal an dem Glas mit dem tödlichen Mix aus Whiskey und dem vom Hausarzt verschriebenen Diazepam ausschließlich seine Fingerabdrücke waren.
Um zu verhindern, dass Lotta sich auch noch entmaterialisierte, wie der Kommissar süffisant und in Anspielung auf ihren Venus von Milo-Auftritt sagte, aber natürlich nur zu den Kollegen, wurde sie in Sicherheitsgewahrsam genommen.
Bei diesem Wellengang wäre ihr eine Schaumgeburt nicht gelungen, denkt Gaia. Schade um Gino, aber seine Stylings entsprachen ja nicht wirklich ihrem Typ. Sie wird sich mit dem Geld vom Schweizer Nummernkonto eine dauerhaft neue Identität zulegen. Ein Grundstück mit einen eigenen Steg. Und mit etwas Glück wird sie sogar echte Schätze ausgraben. Keine Seltenheit, hier in Griechenland. Es hat sich ausgezahlt, dass sie sich eher auf Athene verlassen hat als auf Venus, denkt sie, wischt sich etwas Milchschaum von Brombeerlippen und schlendert in aller Ruhe in den Sonnenuntergang.

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