Nag nag nag

„Nag nag nag….“ Sie knabbern an mir. Von morgens bis abends. Manchmal schlecken sie einfach, und es kitzelt und streichelt meine Ensamhaut. Dann dauert es etwas länger, bis ich merke, dass ihre rauen Zungen die Zellen abtragen, Lage für Lage. Bis auf die Knochen. Wenn ich mich nicht bewege.

Aber wo sollte ich hin? „Nag nag nag“, meckert die Alte. „Du bist nicht mein Kind. Wo bin ich hier nur gelandet? Ich will nach Hause. Noch heute. Am besten jetzt gleich“. Und kann ich es ihr verdenken? Sie, die so vieles vergisst, erinnert ihr Heim als den sicheren Hort, der sie beschützt. Vor der Grausamkeit aller anderen, vor allem der ihrer Tochter. Denn sie ist wie das Logbuch, in dem all das festgeschrieben ist, was sie tagtäglich verliert. Deshalb schlägt sie um sich. Mit jedem Wort. Noch!

Trotzdem hat sie Hunger, trotzdem hat sie Durst, Langeweile und, ganz sicher, Sehnsucht nach Liebe. Aber es scheint, als würde auch dieses Gefühl langsam schwinden. Die Eheringe sind wohl längst einem ungarischen Hehler ins Netz gegangen. Ehe und Ringe hat sie im Dunkeln vergessen, hinter dem Horizont einer Krankheit, die den Menschen zu einer Blaupause macht.

Und wo soll ich hin? Der senile Kater braucht Pflege. Die senile Mutter Betreuung. Ich brauche Raum. Eine Gleichung, die leider nicht aufgeht. Willkommen im Alltag der Sandwich-Generation!

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