Gartenanbetung

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Elizabeth war stolz auf ihren Garten. Sie liebte ihn wie ihren Augapfel. Im Winter wachte sie argwöhnisch darüber, dass der Nordwind die Tannenreiser nicht zerzauste, die sie liebevoll zwischen ihre Rosenbüsche gesteckt hatte. Kaum waren die letzten Schneekristalle weggetaut und die ersten Schneeglöckchen stecken ihre weißen Köpfchen aus der Erde hervor – natürlich waren es in Elizabeths Garten nicht ganz gewöhnliche Schneeglöckchen, sondern die seltenen Titania. In diesem Jahr war der Frühling schon Mitte März in vollem Gange. Überall sprießte und knospte es, und Elizabeth vernachlässigte vor lauter Schneiden und Harken, Zupfen und Rupfen alle anderen Arbeiten im Haushalt. „Schon wieder Dosenravioli?“ beklagte sich Edward eines Sonntags, als er alleine aus der Kirche nach Hause kam, und er prophezeite kopfschüttelnd: „Ich werde dir noch einen Altar auf dem Rasen aufstellen, Liza. Du betest deinen Garten ja förmlich an. Ich finde, du übertreibst es ein wenig.“ Der gutmütige Edward war, zumal nach 25 Ehejahren, so einiges gewöhnt. Aber er hätte nie von sich selbst behauptet, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen…..

„Edward, mein Lieber, ich kann nicht anders. Du weißt doch, wie sehr ich gerade meine Sunburst-Kirsche liebe. Ich fürchte, das weiß unsere neue Nachbarin auch – und setzt alles daran, gerade diesen Baum zu zerstören!“ „Aber, aber, wie kommst du denn darauf?“ fragte Edward und las dabei weiter seine Zeitung. Lizas Gartengeplänkel interessierten ihn im Grunde herzlich wenig. „Na, er hat doch tatsächlich ein Taubenhaus in seinem Garten aufgestellt. Und jetzt kommen diese blöden Viecher zu mir herüber und fressen die Kirschblüten!“ „Ach was, Liza.“ „Nein, im Ernst! Ich habe mich sogar erkundigt, und es stimmt: Tauben lieben Kirschblüten. Und diese eingebildete Mrs. Wedingham-Beddings gibt ihnen außerdem noch zu wenig Futter, damit sie mit einem Heißhunger meinen Baum plündern. Aber heute Nacht mache ich den dummen Vögeln ein Ende!“ „Ja, tu das, meine Liebe“, sagte Edward und vertiefte sich in die Börsennachrichten.

Er wunderte sich kurz, als er mitten in der Nacht aufwachte, und Lizas Betthälfte neben ihm leer war. Richtig, sie wollte im Garten Wache halten, oder so ähnlich, erinnerte er sich. Drehte sich um und schlief weiter.

Am nächsten Morgen machte er sich auf die Suche nach seiner Frau, denn sie hatte weder den Frühstückstisch gedeckt noch frischen Kaffee gekocht.

Edward fand Liza mitten im blühendenGarten. Sie kniete vor ihrem Kirschbaum, in Anbetung erstarrt, wie es schien. Erst als er dicht vor ihr stand, bemerkte er den langen, spitzen Dorn, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte. Alle Äste und auch die Baumrinde waren mit den gleichen Dornen gespickt, offensichtlich als tödliche Abschreckung für die nachbarlichen Tauben. Beim Anbringen des letzten Dorns musste Elizabeth wohl die Hand ausgerutscht sein……

Im darauffolgenden Frühling heirateten Edward und Mrs. Wedingham-Beddings. Ihre Brieftaubenzucht war zu einem erfolgreichen Geschäft geworden, denn dank der ausgefallen Nahrung waren die Vögel robuster als all ihre Konkurrenten.

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