Kassenschlager

„Sie erwarten zu Weihnachten wohl viele Gäste?“ fragt der graumelierte Herr mit dem Bauchansatz und den goldenen Manschettenknöpfen Anne an der Supermarktkasse und schaut sie mit einem Kennerblick von oben bis unten an. „Dass ich sie nicht früher bemerkt habe“, kann sie ganz deutlich aus seinen Augen herauslesen. Er ist so von ihr eingenommen, dass er den kleinen Tumult hinter ihr gar nicht registriert. Sie hat ihn nämlich schon länger beobachtet und sich geschickt hinter ihn in die Schlange eingefädelt. Jetzt zwinkert sie ihn mit einem bezaubernden kornblumenblauen Lächeln an und sagt heiser – wobei sie eine ganz leichte Verlegenheitsröte auf ihre Wangen projiziert: „Ach nein, das ist nichts. Mein Sohn hat nur ein paar kleine Jungs zum Monopolyspielen eingeladen. Wissen Sie, ich bin alleinerziehend, da muss ich das Geld zusammenhalten. Kein Fernsehen und keinen Gänsebraten. Aber wenigsten ein paar Chips und Cola muss ich den Kids doch spendieren.“

Sie hat zwei Einkaufswagen damit vollgehäuft. „Ist das denn gesund?“ fragt der Herr und macht einen auf väterlich freundlich, während seine Waren über’s Band laufen. „Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich für zehn Kinder Äpfel kaufen soll – das kann ich mir wirklich nicht leisten,“ klagt Anne.

„Macht zweihundert Euro“, sagt die Verkäuferin, und Annes Verehrer nestelt abwesend an seiner Brieftasche. „Huch, so viel Geld für zwei Flaschen und die paar kleinen Döschen?“ wundert sich Anne mit heller Stimme. „Naja, Champagner und Kaviar leiste ich mir auch nur zu besonderen Anlässen“, sagt er. „Ach je – jetzt, wo Sie’s sagen! Mein Sohn hatte sich doch eine Dose Erdnüsse gewünscht! Jetzt muss ich nochmal durch den ganzen Laden laufen, und das mit meinem kaputten Fuß!“

„Lassen Sie nur, meine Liebe. Ich erledige das schnell für Sie“, sagt der Herr – ein vollkommener Gentleman eben. „Wenn Sie so lange auf meinen Champagner aufpassen?“ Er lacht schelmisch, und Anne blinzelt schüchtern zurück.

Als er wiederkommt, sind Anne und sein Einkauf längst verschwunden, und die beiden Einkaufswagen voller Chips und Cola stehen verwaist an der Kasse. „Zehn fuffzig, und bringen Sie die Coladosen zurück, dann kriegen Sie das Pfand raus“, sagt die Verkäuferin ihm und grinst bis über beide Ohren.

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