Mittwinternacht (inspiriert von Monika – danke :-) )

Er war ihre große Liebe. Und das auf den allerersten Blick. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, ihm zu begegnen. Sich schon fast damit abgefunden, schweren Herzens damit abgefunden, dass sie ihren Lebensweg allein zurücklegen würde. Bis zum Schluss. Und mochten ihr die Schamanen noch so oft erzählen, dass Weisheit und Einsamkeit im Diesseits ihren Geist oder ihre Seele oder ihren Spirit, je nach Schamanenmode, enorm viel weiter brächten. Sie war nicht gern allein, sondern nur aus der Not heraus. Alleine war sie auf die Mittwinternachtsfeier gegangen. Schamanen in dunklen wallenden Mänteln und fliegenden, zuweilen schon spinnwebendünnen Haaren. Frauen mit medialen Fähigkeiten und scharfspitzen Nägeln an den Ausläufern ihrer Krallenhände. Neugierige und Sehnsüchtige. Und mitten drin sie. Valeska. „Schöne Frau“, flüsterte ihr ein Schatten ins Ohr. „Hast du keine Angst, ins schwarze Loch zu sinken? Es ist überall, pass auf!“ Die Stimmung auf der mondhellen Lichtung war unwirklich und voll aufgesetzter Magie. Händler boten Traumfänger an und Tarotkarten von Aleister Crowley. Valeska spürte, wie ihr Blut sich erwärmte und ihre Haut die Nacht zu trinken begann. Sie wusste nicht, wie viele Scharlatane hier herum liefen. Sie war keine von ihnen. „Möchten Sie einen Glühwein? Ach Pardon, einen Drachentrunk?“ Seine Stimme war weder ein heiseres Flüstern noch ein beschwörender Bass. Er sprach ganz normal, sachlich und klar. Das gefiel ihr. Sie tranken ein Glas zusammen und dann noch ein weiteres, während sie über die Bergwiese schlenderten, nur mit halbem Auge und halbem Ohr auf das Yule-Fest um sie herum achtend.

An einem ganz mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Stand pries ein kreidebleicher Mann mit blutunterlaufenen Augen ein rotes Gebräu als Draculas Saft an. „Wer den trinkt, sieht die Wesen um sich herum plötzlich so, wie sie wirklich sind“, erklärte er Valeska. Sie nahm ein Glas und Victor ebenfalls. Sie wussten, dass sie zusammen gehörten. Sie lasen Liebe in ihren Augen, und die Sterne tanzten nur für sie jenseits des Winterhimmels. Valeska hatte ihren „Saft“ gerade erst ausgetrunken, als sie sah, wie sich Viktors Ohren verlängerten. Sein Gesicht schob sich nach vorne, der Mund wurde zur Schnauze. Gleichzeitig bekam er einen Buckel, aus dem schwarze Haare zu sprießen begannen, und aus Händen und Füßen wurden riesige Pranken. „Ein Werwolf. Victor ist ein Werwolf!“ Die Erkenntnis traf sie wie ein Todesstoß. Ein Werwolf, der sicher gleich ein Massaker anrichten würde unter den Besuchern. „Ich muss ihn stoppen“, dachte sie. Ging schnellen Schrittes bis an den Wiesenrand, dorthin, wo die Weide ganz unvermittelt in einen senkrechten Abgrund stürzte. Victor kam ihr nach und wollte sie greifen und beißen – sie sprang zur Seite und er fiel hinab.

Valeska gelang es nicht, die Polizei davon zu überzeugen, dass sie einen Werwolf getötet hatte, nachdem sie ihn dank des Hellsehertranks „Draculas Saft“ als solchen erkannt hatte. Am Fuß des Abgrunds hatte ein gut aber sehr blass aussehender junger Mann gelegen, der sicher nie ein Form von Verwandlung durchgemacht hatte, außer der vom Leben zum Tod. „Wir müssen unbedingt die Kontrollen verschärfen“, lautete das Fazit der Polizei. „Und verhindern, dass Halluzinogene in den Glühwein gemischt werden.“

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2 Kommentare zu “Mittwinternacht (inspiriert von Monika – danke :-) )

  1. Monika Schulze sagt:

    Bravo, was aus diesem Werwolf-Gedanken geworden ist … und so blitzschnell!!! Ich – hatte nur Münchner Glühwein bei Dagmar und träume …. (Fortsetzung folgt)

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