Spurensuche

So ein schöner Tag! Wie geschaffen für eine Schneeschuh-Wanderung! Und eine prima Gelegenheit, zu testen, wie ihr Hund im Gelände geht, denkt Teresa. Ihr neuer Hund. Oleg heißt er, und sie hat ihn schon im Sommer in den Bergen trainiert, aber nur an der Schleppleine. Oleg ist ein Schlittenhund-Mischling, und Teresa hat seinen eigenwilligen Charakter noch nicht ganz im Griff. „Muss der Hund unbedingt mit?“ Michael, ihr Tourenfreund, ist nicht begeistert. „Der hält uns doch nur auf.“ „Ach was, der zieht dich höchstens, wenn du schlapp machst!“ Teresa ist gut gelaunt, und auch Oleg genießt den Ausflug. Er jagt im Schnee hin und her, immer weiter zieht er seine Kreise, während die beiden auf ihren Schneeschuhen lautlos durch die Winterlandschaft gleiten. Der Tag steht still. Andächtig neigen Tannen ihre weiß gesäumten Arme. Die Sonne zeichnet blaue Muster auf den Weg und wirft mit schattenloser Geste leuchtende Kristalle auf die weiten Hänge. „Wir sind schon fast am Gipfel, nur noch dieser Überhang“, sagt Michael. Plötzlich schlägt Oleg an. Er steht ganz vorne, dicht am Grat. Die Nackenhaare aufgerichtet und den Schwanz gerade ausgestreckt. Dann rennt er zurück und beginnt Teresa zu umtanzen. „Oleg, aus, lass mich, wir müssen weiter.“ Aber der Hund ist nicht zu halten. „Siehst du, war mir klar, dass das Probleme gibt. Nimm ihn halt an die Leine und Schluss.“ Doch genau das gelingt Teresa nicht. Oleg lässt sich nicht greifen. Er stimmt ein langgezogenes Jaulen an und stößt Teresa immer wieder mit der Schnauze in die Kniekehle. Schließlich läuft er davon. „Oleg, hier,“ ruft sie. Vergeblich. „Ich muss ihn holen, sonst verlieren wir ihn. Komm.“ Aber Michael hat keine Lust. „Ich geh schon mal zum Grat.“ Teresa wird ihn nie mehr wiedersehen. Sie geht alleine los, folgt Olegs schnurgerader Spur. Sie ruft ihn, immer wieder. Und hört schließlich sein langgezogenes Heulen. Dann sieht sie ihn. Er liegt hechelnd unter einem großen Felsvorsprung, die rosa Zunge hängt ihm aus dem Maul wie ein frisch gefangener Lachs. „Oleg, hier!“ Keine Reaktion. Aber als sie sich neben ihn in den Schnee fallen lässt, läuft er nicht davon. Große schwarze Augen schauen sie an, dann legt er seine Schnauze still auf ihre Handschuhhand. Sie kann ihm nicht böse sein. „Komm, Oleg, genug gespielt, wir gehen“. Und dann hört sie es. Ein Grollen, leise erst, dann schnell immer lauter werdend, wie ein Orkan oder ein Donner, und da geht auch schon die Welt um sie herum ganz plötzlich unter.

Seit dem Tag, an dem Oleg Teresa vor der Lawine gerettet hat, geht sie keinen Schritt mehr ohne ihn.

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