Nikolaus

„Ich will noch nicht sterben“.  War das ein Gedanke? Oder hat das Lumpenbündel am Stadttor diese Worte geflüstert? Dämmerung ist in die Gassen eingefallen wie ein starker Feind. Die Marktleute packen eilends ihre sieben Sachen – es ist nicht gut, bei Dunkelheit noch unterwegs zu sein.  Schwer liegen die Gerüche des Tages in der Luft. Verkohltes Holz von der letzten Glut wärmender Feuer, Fett und Suppe, Talg. Kot und Urin. Die Gassen sind voll davon. Mütter tragen ihre Kinder nach Hause, Bauern treiben Schweine und Gänse vor sich her. Über den Himmel jagen wilde Wolkenreiter, ihr eisiger Atem zerrt an den eben entzündeten Fackeln in den Mauernischen. Der große Mann verbirgt sein Gesicht im wolligen Umhang, er schaut nicht auf und geht schnell hinunter zum Tor. Lautlos auf dem Kopfsteinpflaster. Soldaten kriechen wie Mäuse aus  Mauerlöchern. Er beachtet sie nicht und bleibt ungesehen. „Jetzt holen sie mich. Jetzt finden sie mich.“ Wieder ein Flüstern. Das Bündel schmiegt sich eng an die Steine, schmutziges Leinen am erdbraunen Wall. „Jetzt bin ich verloren. Weil mein Vater die Schulden nicht zahlen kann, holen sie mich.“ Der große Mann bleibt stehen. Zieht aus dem Umhang die Hand hervor und ein Ledersäckchen. „Du musst keine Angst haben. Er kann dich nicht mehr verfolgen. Keiner wird dich holen. Komm.“ Aus den Lumpen schält sich eine kleine Gestalt. Kaum noch Körper, nur Augen, Füße und Hände. Schwarze Locken. Ein Kind. Es schaut auf zu dem großen Mann, dann ergreift es die Hand und richtet sich auf. Der kleine Körper brennt von den Bissen der Kälte. Er lächelt es an, dann dreht er sich um und geht mit entschlossen ruhigen Schritten zum Stadttor hinaus. Ein letzter Schatten, den die Dunkelheit schluckt. Das Kind sieht ihm nach, dann  schließen sich klamme Finger um das Ledersäckchen, und es rennt atemlos bis in sein sicheres Versteck in der Scheune am Gasthaus des Vaters. Zwanzig Gulden, zählt es. Am Leder klebt Blut.

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