16. Dezember: die Paartherapeutin

mezingersEs ist eng. Und laut. Für die beste Pizza in town nehme ich selten, aber dann gerne, 30 Zentimeter Bewegungsunfreiheit in Kauf. Während ich an meinen Grissinistangen knabbere, legt sich der ruhigste Schneehund der Welt unter die Bank und widmet sich hingebungsvoll der Fußbodenreinigung. Wo gegessen wird, fallen Krümel. Ich nippe am Wein, warte auf die Pizza und komme nicht umhin, die Unterhaltung am Nebentisch zu verfolgen. Sie schrillt aus dem Geräuschqualm hervor und direkt in mein linkes Ohr. „Und die Kinder?“ „Ach hör dich auf. Die Kinder! Die bringst du am Wochenende zu mir.“ „Aber…. warum denn? Ich…. du liebst mich nicht mehr?“ „Nein.“ Whoammmm. Ehrlich. Männer sind Kunstwerke emotionaler Enthaltsamkeit. Ein Trennungsgespräch beim Italiener. Ich drehe den Kopf nach links. Das ist nicht mal auffällig. Ich könnte auch nach meiner Bestellung schauen. Sie ist blond, vielleicht Anfang vierzig. Schmal, und sie wird noch ein paar Kilos verlieren, demnächst. Wimperntusche zeichnet ihr eine blauschwarze Kriegsbemalung auf die Wangen, unaufhaltsam. Ich könnte ihrem Mann ins Gesicht springen. Vierkantig, kühl und wahrscheinlich schon mit dem Pyjama im nächsten Bett. So sieht er aus. Da schiebt sich eine feuchte Schnauze auf die Bank, schnuppert an der Nachbarjeans und legt sich dann ohne Umschweife auf’s Bein. Mechanisch schiebt die Weinende ihre Hand auf den Hundekopf,streichelt in sanften Bewegungen. Hört auf zu schluchzen. Dreht ihren Kopf von dem Ehemann ab. Schaut auf den Hund. Dann auf mich. „Schon gut, streicheln Sie sie, solange sie hier sind.“ Sie lächelt. Noch zwanzig Minuten dauert die stillschweigende Streichel-Therapie. Dann steht sie auf, nimmt Mantel und Tasche und geht. Einfach so. „Hey, sag mal, du kannst doch nicht einfach so weggehen? Wir sind noch nicht fertig!“ „Ich schon. Und lass dir bloß nicht einfallen, mein Essen vom Unterhalt abzuziehen. Du hörst von meinem Anwalt.“

Mein Hund richtet sich auf. Bellt einmal kurz wie zur Bekräftigung. Dann verdeckt der Kellner meinen Blick auf den Ehemann mit einer riesigen dampfenden Holzofenpizza.

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