Von röhrenden Hirschen und dröhnenden Bässen

Man müsste eine Erzählung gedreht haben. Gestern Abend im Goldenen Hirschen. Namensgeber das schmalbrüstige Mittelornament eines vielleicht hundertjährigen Schrankes, eingeklemmt zwischen Herren- und Damentoilettentüren im „Veranstaltungssaal“. In der Gaststube nebenan gibt es Balkanmenus und Maggiflaschen auf den Tischen! „Hier haben die Achtundsechzger im Viertel ihre Konzerte gehabt, damals, weißt schon. Alles was angesagt war, von den Stones zu den Beatles, von Cream bis The Doors.“ Also bin ich gekommen. Und steh vor der Tür. Damals, das muss dann gewesen sein, als es noch nicht verboten war, sich erkennungsdienstlich unkenntlich zu machen zwischen und hinter raumgeschlossenem Rauchgenuss. Damals, als die Polizei noch nicht trocken war hinter den Ohren und Gras nicht von Tabak unterscheiden konnte, geruchstechnisch, mangels eigener Selbsterfahrung. Heute Abend greift einer ganz cool im Schankraum nach der Kippe, und kurze Zeit später stehen die Spione vom KVR vor der Wirtin, und eine Anzeige gibt’s.

Ich schaue durch die Scheiben in vergangene Jahrzehnte. Blondinen mit frech gegelten Haaren und hautengen Lederleggins. Brunette und Overknees sehr kleine Schwarze und klimpernde Ohrgehänge. Und Jeans, natürlich, knallig und weit, Cowboystiefel, an denen imaginäre Sporen klirren, Männer mit breiter Krempe und wallenden Locken. Vorn auf der Bühne rocken sie ab mit verzückten Gesichtern. Wie vor dreißig, vierzig  Jahren. Ach was, ihre Musik, Trommelschlag und Synthesizer-Gitarre, hat die Zeit angehalten. Ich sehe es in ihren Augen. Sie sind jung. Sie sind heute im damals. Was sehen sie, wenn sie ins Publikum blicken? Blondinen mit aufgestylten Haaren, Brunette mit knalligen Jeans. Winkend und wiegend und klatschend und kreischend.

Sie sind ganz bestimmt kurzsichtig, die Herren dort vorn auf der Bühne. Und hypertonisch, da bin ich mir sicher. So gut genährt. Da muss die Muse Gelegenheitsauftritte küssen, und im Alltag schwingen sie Griffel und Lehrbuch. Aber immerhin. Schön aufgespielt. Und das Publikum liebt sie. Das sehen sie. Hören sie. Wie damals, wie vor dreißig, vierzig Jahren. Und die Begeisterung wischt alle Falten aus den Gesichtern der Alten. Der Fans. Jetzt stehe ich vor der Blondine, sie wedelt mit fleckigen Armen. Die Brunette trägt Botox statt Brille.

Ich suche ganz schnell einen Spiegel. Jugendliche Greise, alt und nicht weise, ewig gestrig und heute verrenkt im Spagat zwischen innen und außen.

Das wird eine Gaudi, in zehn, zwanzig Jahren. Darauf sind die Altenheime gar nicht ausgerichtet. Da muss ganz anders geplant werden, zukünftig. Von wegen Cafeteria! Music-Halls mit Groupie- Bereich und dezent drapierter Reanimations-Liege. Toiletten mit Lupenschmink-Spiegeln. Und die Oberschenkelhälse werden nicht länger beim Schieben des Einkaufstrolleys gebrochen, sondern beim Boogie.

Ich verhänge ganz schnell meinen Spiegel. Und verschiebe die Frage an mich noch ein Weilchen. …“wer ist die…… im ganzen Land?“

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