Loslassen. Ziehen lassen. Zurückbleiben.

KinderschildEs regnet aus nachtdunklem, gewitterschweren Himmel. Die Rücklichter blitzen wie ein schnelles Lachen, dann ist er weg. Knapp vierhundert Kilometer trennen ihn von dem Wünscheort seiner Kindheit. Der Zuflucht vor Elternstreit und Schulgelächter. Von dem Sofa mit der rein wollenen Decke, dem Allerlieblingsessens-Tisch. Der Märchenmarypoppins seiner Kindheit. Telefonseelsorge, Kummerkasten, Mutmachfrau.

Heute fährt er in die Nacht, gleich doppelt. Zum ersten Mal allein. Und nicht als Gast. Als Kind. Als Schützling. Heute fährt er Richtung Großmama, um aufzuräumen, um zu helfen, um das Chaos zu bannen, wieder monatsweise. Um ein Feuer zu entfachen, ganz weit hinten im dem großen Garten, wo die Tannen nicht mehr hänselgretelhoch über ihm ragen, sondern nur noch Bäume sind mit altem Astwerk, trockenen Nadeln.

Vielleicht erinnert er sich an die Lagerfeuer mit dem Stockbrot und den Steckerlwürstchen, sicher weiß er noch, wie er die Sommertage zwischen Schwimmbadrutsche und Erlebnispark verteilte. Hinten auf dem Kindersitz. Heute sitzt er selbst am Steuer, froh, dass sie ihm das Auto heil und kampflos übertragen hat. Und wird sie morgen durch die Dörfer fahren.

Erwachsen werden heißt, Verantwortung erkennen und nicht vor ihr fliehen.

Ich sitze hier. Die Mutter macht derweil im Omahaus zum x-ten Mal die Gästebetten fertig, schimpft mich herzlos, weil der Enkel nachtfährt, ausgerechnet. Ich sitze hier und schreibe, weil ich lieber neben ihm gesessen wäre. Vor mir sorgenfaltig lange Stunden. Und weiß dabei, dass ich ihn fahren lassen muss, damit er ankommen kann, in seinem eigenen Leben.

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11 Kommentare zu “Loslassen. Ziehen lassen. Zurückbleiben.

  1. mariebastide sagt:

    Hallo Marianne….. omg – die Schneckenfrau! Ja – sie lebt und schreibt und schreit…. in mir. Ich muss ihr unbedingt Gehör verschaffen…. bzw. Lesefläche. Ganz bald. Versprochen…!

  2. Mariannemüller sagt:

    Hallo, bin lange nicht hier gewesen. Wo ist denn die Schneckenfrau geblieben? Hat sie sich für immer verkrochen?

  3. Frau Rose sagt:

    Haben Sie eigentlich noch Zeit für Ihr eigenes Leben, Marie? Sie leben das Leben ihrer Mutter und auch das Ihres Sohnes intensiv mit, so scheint es mir. Ich meine das durchaus nicht negativ, mir gefällt Ihre Mitmenschlichkeit. Aber trotzdem: was machen Sie für sich? Es ist doch emotional alles sehr anstrengend, was da bei Ihnen abläuft.

    Herzlich mitfühlende Grüße aus Osnabrück.

  4. Benjamin Blümchen sagt:

    Selbst wenn wir es nicht wahrhaben wollen: der Generationsvertrag ist doch faktisch bereits gekündigt, in unserer „Egal-wie-es-den-anderen-geht-Hauptsache-mir-geht’s-gut“-Gesellschaft. Da geht es gar nicht anders, da muss man beizeiten die eigenen Kinder so erziehen, dass sie einem später die Unterstützung geben, die vom Staat nicht mehr erwartet werden darf. Schönes neues Deutschland!

  5. M.B. sagt:

    Sieh es mal so: der sohn geht, die oma kommt…….. ist doch so oder?

  6. Jackie sagt:

    Es ist echt jedesmal wieder erfrischend und auch erstaunlich zu lesen, wie Du mit Worten und Wörtern jonglieren kannst!

    Zum Thema: Wie alt ist Dein Sohn? Irgendwie hab ich das Gefühl, Ihr habt ein tolles Verhältnis. Entweder hast Du davon schon mal geschrieben, oder es angedeutet?! Ich weiß nicht mehr, verzeih mir bitte, Asche auf mein welkes Haupt…. Aber irgendwie irgendwie, wie gesagt, hat es den Anschein als wäre das Loslassen zwar wichtig und auch gut, aber hauptsächlich ein räumliches Loslassen, denn Eure Herzen sind wohl so vereint, dass das auch gar nicht nötig wär………………

    … meine Mädels sind noch klein, aber ich schau jetzt schon mit ein bisschen Angst der Zeit entgegen, in der sie ‚flügge‘ werden und ich sie los- und ziehen lassen muss.

    Alles Liebe,
    Jackie

    • mariebastide sagt:

      Liebe Jackie, danke 🙂 Mein Sohn ist vor kurzem volljährig geworden. Hat den Führerschein gemacht und das Abi auch noch. Zeit, das Nest zu verlassen, für ihn. Als er ganz klein war, war grade die „Vogelhochzeit“ von Ralf Zuckowski rausgekommen. Und wie habe ich geweint bei dem Schlaflied, in dem es heißt „Bald bist du groß und kannst alles allein, aber heute schläfst du noch hier bei mir ein“. Ich wusste so genau, dass das Bald sehr bald kommen würde, im Quantensprung sozusagen 🙂 Genieße deine Mädels, vor allem aber – und das schreibst du ja auch selbst – wenn die Herzen gut vereint sind, sind Trennungen räumlich, nicht innerlich.

      Lieb grüßt Marie

    • Maria sagt:

      Mein Sohn hat vor kurzem geheiratet. Der jüngere ist inzwischen auch aus dem Haus. Es ist nicht leicht, mit der Leere umzugehen, obwohl ich das so geplant und gewollt habe. Ich habe zwanzig und mehr Jahre für die Familie gelebt und bin in der Zeit immer die gleiche geblieben. Jetzt schaue ich in den Spiegel und sehe, dass ich 20 Jahre älter geworden bin. Es ist Zeit, wieder mein Leben zu leben. Deshalb bleibe ich meinen Kindern natürlich verbunden. Aber für meinen Sohn werde ich jetzt nicht mehr die Nummer 1 sein, wenn es um Probleme geht. Das ist gut so. Trotzalledem aber gewöhnungsbedürftig.

      Und es tut gut, zu sehen, wie und dass die Kinder ihr Leben ergreifen und etwas Tolles daraus machen.

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