Gedanken nach Japan

Die Katastrophen in Japan sind schrecklich. Die Tragödien für die Betroffenen sind unvorstellbar, und es ist gut, dass die globale Internetgemeinde so hilft, wie sie es kann. Mit Sach, -Geld- und auch mit Wortspenden. Völlig unnötig aber sind gerade angesichts des Ausmaßes des Geschehens die reflexartigen Forderungen nach sofortigem atomarem Ausstieg zum Beispiel in Deutschland. Mind u: ich bin keine blinde Befürworterin der Kernkraft. Sollte sie als Energie genutzt werden… müssen, müssten zunächst die Fragen der Entsorgung und der absoluten Sicherheit geklärt werden. Sollte dies sich als unmöglich erweisen, muss auf diese Art der Energiegewinnung verzichtet werden. Aber: bitte weltweit! Denn weder Atmo- noch Stratosphäre sind regional begrenzbar…

Unnötig und zum Teil sogar respektlos finde ich auch die boulevardmäßige Behandlung, ach was, Beackerung des Themas durch die Medien. Und hier sind es erstaunlicherweise auch die “gestandenen” Medien, die ihre Leser, Hörer und Zuschauer in mindestens stündlichen Abständen mit Informationen berieseln. Wobei das Wort Informationen in den meisten Fällen zu hinterfragen ist. Nehmen wir das Beispiel einer bekannten Tageszeitung aus dem Süddeutschen Raum. Sie titelt in ihrer Onlineausgabe: “Neue Horrormeldungen aus Japan. Ein Sender jingelt “wir senden, was Sie bewegt”. Und macht mich glauben, dass mich bewegt, wann die deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet werden, wobei ich als elementar betroffener Bürger die Wahl habe zwischen “in dieser Sekunde”, “heute später” oder “spätestens morgen”; als emotional betroffener Bürger will ich offensichtlich informiert werden über die Anzahl und die Namen der Hunde, die die verschiedenen Zweigniederlassungen der Katastrophenschutzvereine direkt ins Kerngebiet des Erdbebens schicken (mich würde viel mehr interessieren, wie diese auf den zerstörten Flughäfen landen und woher die Japanischkenntnisse der Begleitpersonen stammen). Als politisch betroffener Bürger schließlich will ich augenblicklich mitwirken an einem radikalen und endgültigen Wechsel der politischen Landschaft unter besonderer Berücksichtigung der  energiewirtschaftlichen Belange.

Im Rahmen der Fastenzeit hilft eine Sendung mir dabei, zu verstehen “ dass Teilen glücklich macht”. Ach ja, ich fühle mich schon viel glücklicher, seit ich die neuesten Unglücksmeldungen mit den vielen anderen Betroffenen im deutschsprachigen Raum teilen darf. Muss. Ehm – ich würde gerne Mitleid teilen. Wo darf ich das? Soeben tickert die Meldung übers Netz, dass Japan Europa gebeten hat, keine Hilfsdienste mehr zu schicken – müssen unsere Hunde jetzt zurückfliegen? Was für Unmenschen sind diese Japaner eigentlich? Gleichzeitig  zieht Amerika seine Hilfstruppen freiwillig zurück und begründet mit erhöhter radioaktiver Gefahr. Uff- da ist der Rückzug vor dem Rauswurf grade noch gelungen! Die deutsche Bundesregierung ist offenbar bereit, über eine Aussetzung der Verlängerung der Laufzeiten bei Kernkraftwerken nachzudenken. Aussetzung der Verlängerung – dieses verbale Konstrukt muss ich sprachlich auskosten, auf der Zungenspitze. Toll. Am besten gleich alle AKWs schließen und den gesamten benötigten Strom aus Tschechien beziehen. Aus Frankreich. Aus Russland! Allerdings…. Müsste dann gleichzeitig über eine Möglichkeit nachgedacht werden, das gesamte Bundesgebiet im Falle eines atomaren Supergaus im europäischen Nachbarland bis auf – sagen wir rund neunzig Kilometer Höhe hermetisch abzuschirmen. Hm…….

Eine Freundin, die seit vielen Jahren in China und Japan lebt, beklagte sich in einer Rundmail darüber, dass Wirklichkeit und deutsche Berichterstattung manchmal nur mit viel Phantasie zusammen passen und dass die Katastrophe für innenpolitische Zwecke ausgeschlachtet wird. Und wünschte sich schlichte Anteilnahme.

Ich werde auf facebook eine neue Aktion starten. Am besten zwei. Mitleid teilen die eine. Gedanken vorm medial verordneten Ausschalten bewahren und mit-denken die andere. Wer weiß, wie viele diese Aktionen mit mir teilen werden? Vielleicht sollte ich sie multimedial verbreiten…..


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6 Kommentare zu “Gedanken nach Japan

  1. Jackie sagt:

    Ich gebe Dir uneingeschränkt recht! Dieser Artikel hebt alles hervor, was mir auch grad so durch den Kopf geht.

    Die einzelnen Medien scheinen einen Wettkampf untereinander zu haben, den der gewinnt, der die ‚beste‘, neueste und wichtigste Horrormeldung über den Bildschirm sendet (sei es online oder am TV).

    Es kann einem dabei wirklich nur angst und bange werden.

    Und die Anzahl der Wortschöpfungen und neuen Superlative steigt immens an. Ein Beispiel nur, das aber tagtäglich gebracht wird: Ein GAU ist doch schon der GRÖßTE Anzunehmende Unfall… warum Super GAU? Und was folgt danach? Extrem Gau? Mega Gau?

    Das was in Japan gerade passiert ist wahrlich schon schlimm genug! Warum dann noch mit den Ängsten der Menschen spielen?

    Danke für Deine wohlüberlegten und kritischen aber dennoch sensiblen Beiträge!

    • mariebastide sagt:

      Liebe Jackie,
      herzlichen Dank für deinen Dank 🙂 . Ich finde, es tut gut, zumindest ein „Ventil“ zu haben, um auszudrücken, was einen stört und sonst schwer zu Gehör kommt. Ich habe auch versucht, via Email bei ARD, ZDF (Klaus Kleber, dieser Emo-Eber, weckt in mir gradezu manische Aggressionsschübe mit seinen süffisant-ironischen, im Tragödienfall völlig unangebrachten Wortspielchen!) und BR meine Meinung kund zu tun und um Sensibilität zu bitten – 4get it. Keine Reaktion.

      Ich glaube an Gott. Also bete ich. Gute Gedanken für die leidenden Menschen tun in jedem Fall gut, davon bin ich überzeugt. Und mehr – können wir als jedermannfrau ja auch gar nicht tun. Außer – kühlen Kopf und klaren Blick zu bewahren, den Demagogen hierzulande nicht auf den Leim zu gehen und zu versuchen, selbst, im eigenen Umfeld, bewusst zu leben. Auch energiebewusst. … letztendlich kann nur das eine Wende bedeuten und bewegen: wenn ein ganzes (naja, in Teilen) Volk durch sein eigenes Verhalten Politik und Wirtschaft zum Umschwenken zwingt. Wie? Naja – weniger Auto fahren. Kein Zweitauto haben. Keine Fernreisen buchen. Energiebewusst leben – hallo, Weihnachtsdekofans… :-). Wenn der Energiebedarf SINKT, im Land, ist das ein Signal. Ansonsten wird fehlende Energie halt im Ausland eingekauft. Temlin liegt näher bei München als Fukushima bei Tokyo. ………

      Liebe Mittwochsgrüße und – keep thinking !

      Marie

  2. M.B. sagt:

    Danke für diesen herrlichen Beitrag, liebe Marie!

  3. Bernd sagt:

    „Sehr guter Beitrag“ !

  4. Angie sagt:

    Stimmt wirklich. Die Medien geilen sich auf an Katastrophenmeldungen. Im Grunde genommen geht es ihnen nämlich um die Einschaltquoten. Wo am meisten geboten wird, wird hingeklickt. Das ist meiner Meinung nach fast nicht mehr zum Aushalten!

    Vg Angie

    • mariebastide sagt:

      Mir tun die Menschen dort so LEID! Faktisch sind sie dem Geschehen dort schutzlos ausgeliefert, ohne Chance, zu entkommen…. bis auf diejenigen mit genug Geld und Einfluss und der Möglichkeit eines spontanen Ortswechsels. Ein Freund hat gesagt, jetzt sei die Welt gefragt, sie müsse „einfach“ alle Japaner aufnehmen, wenn auch kurzfristig. Jede Familie eine Familie….. Ich habe geschmunzelt, aber – an dem Gedanken ist was dran. Globalisierung ist ja keine Einbahnstraße…..

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