Sonntags-Gutti

Es ist ein nimmer endender  – medialer – Albtraum. Für alle Zuschauer und Zuhörer, die unter der eintönigen Nachrichtenlandschaft leiden und lieber etwas mehr über die dramatischen Entwicklungen in beträchtlichen, wenn auch außerhalb der deutschen Grenzen liegenden, Teilen der Welt wissen möchten. Aber auch für den – noch -Verteidigungsminister zu Guttenberg. Ich habe mir grade einen Überblick über die vielleicht unangenehmste Woche seiner Lebens verschaft unter: http://www.bild.de/BILD/politik/2011/02/27/guttenberg-ein-rueckblick-die-dramatische-woche-des-ministers/karl-theodor-zu-guttenberg.html .

Ja – ich schätze das Boulevardblatt mit den vier Buchstaben. Denn meiner Meinung nach arbeiten dort sehr fähige Journalisten, geniale Texter auf alle Fälle. Und viele der haupt- oder nur freiberuflichen Redakteure, die das Blatt wegen seiner Guttenberg-Loyalität beschimpften (was wirft das eigentlich für ein Licht auf das Prinzip der freien Meinungsäußerung?), werden einfach nie gut genug sein, um dort zu arbeiten…..

…. Ok, ich erkläre das, bevor der Entrüstungssturm zum Orkan anschwillt. Ich hatte beruflich immer wieder mit der Zeitung zu tun. Und habe stets die Erfahrung gemacht, dass äußerst gründlich recherchiert und vor allem dem journalistischen Grundpfeiler „audiatur et altera pars“ Rechnung getragen wurde. Im Text. Nicht in der Headline, allerdings. Weshalb die Texte auch oft sehr dünn ausfallen. Ich bin nicht der Meinung, dass das Blatt besonders gewissenhaft arbeitet, weil es dies vom „Gewissen“ ableitet. Es geht wohl eher darum, die ansonsten ins Unendliche ansteigende Flut von Klagen zu umgehen.

Egal, auch der Bericht ist objektiv und sachlich. Was man leider leider leider von dem Großteil der Berichte, Kommentare, Sendungen und Satirchen nicht behaupten kann, die seit letzter Woche pausenlos aus dem Äther auf unsere geplagten Ohren herunterrieseln. Ob wir es wollen oder nicht – es gibt gar kein Entkommen mehr!

Und langsam sehe ich mich zwei Phänomenen gegenüber. Einmal der Sache mit der, neutral ausgedrückt, offensichtlich unsauber verfassten Doktorarbeit des zu Guttenberg. Und dann dem unglaublichen Bedürfnis nach Selbstdarstellung, das landauf landab nicht nur alle möglichen Feld- Wald- und Wiesenjournalisten, sondern auch viele andere Berufssparten entwickelt haben.

Und alle wissen Bescheid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder die Arbeit gelesen hat. Viele von ihnen wissen nicht einmal, wie einePromotionsverfahren abläuft. Haben keine Ahnung, was ein Rigorosum ist, was eine Disputatio. Aber sie schimpfen und reimen, gstanzn und witzeln. Alles im Namen der Wissenschaft. Ob die sich über solch halbgarenKalauer auf ihre Kosten freuen soll?

Es scheint mir, als ginge ein Aufschrei durch die Welt der Wissenschaft, die plötzlich um ihren Wert fürchtet. Wie gering muss denn der sein, bzw. von welchen Ängsten müssen diese Menschen permanent gequält werden, wenn sie der Meinung sind, ein einzelner, bekannt gewordene (!), Fall einer unsauberen Promotion stelle ihre ganze Welt in Frage? Wie klein müsste die denn dann sein? Oder: wie groß ist denn ein zu Guttenberg, um solches zu vollbringen?

Plagiate hat es immer gegeben. Worum geht es hier eigentlich wirklich? Um Quoten? Darum, endlich einen, auf den man aus welchen Gründen auch immer „neidisch“ war, in die Pfanne zu hauen? Global? Haben wir wirklich keine brennenderen Themen? Warum stellt nicht mal jemand die entscheidenden Fragen, beantwortet sie und dann ist die Sache geklärt? Warum kam das Thema gerade jetzt auf? Wer hat die Recherche in Auftrag gegeben? Warum verbeißen sich die Medien stärker in das Thema als die Öffentlichkeit, die sie doch zu bedienen vorgeben? Warum geht niemand der Sache auf den Grund? Klärt die Beteiligung und die Versäumnisse der Uni Bayreuth auf? Wer profitiert von dem „Skandal?“ Na, wer? Ah ja! Eben.

Und gut ists. Schauen wir doch mal rüber in den Nahen Osten. Und nach Nord-Afrika. Da kippt vielleicht grade die Wippe, die uns im „Westen“ oben und begütert und materiell im Wohlstand erhält, schnell und unaufhaltsam runter. Und wir mit. Da vollzieht sich vielleicht ein epochaler Wandel, der die Grundfesten der Weltordnung ins Wanken bringt, stärker als Glasnost und die Weltkriege. Aber….. das kümmert uns nicht sonderlich, wir haben ja einen internen Skandal.

Und können deshalb auch zu diesem Geschehen nicht die richtigen, wichtigen Fragen stellen. Und danach handeln. Warum gerade jetzt? Warum wie ein Strohfeuer? Wo sind die Verbindungen? Wer profitiert davon? …….

Vielleicht werden Historiker der Zukunft auf diese Zeit zurückschauen und Hypothesen darüber anstellen, warum die Welt in Flammen ausbrach und keiner Anstalten machte, mit dem Löschen zu beginnen. Dass in einem winzig kleinen Land in Europa die Diskussion um einen Minister die Menschen daran hinderte, den Augenblick zu erkennen, daran wird sich dann bestimmt niemand mehr erinnern. Denn in die Annalen wird weder zu Guttenberg eingehen, noch einer seiner vehementen Kommentatoren.

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