Frau ohne Gefühle V

Marisa versucht sich zu konzentrieren. Sie starrt auf das Blatt in ihrer Hand, bis die Buchstaben zu tanzen beginnen. Ein bedrohlicher Reigen schwarzer Fühler, die sich windend nach ihr strecken und Witterung aufnehmen. Schon überwinden sie die Falten und Knicke, kriechen unaufhaltsam dem Blattrand entgegen. Streben ihr zu. Sie lässt das Blatt fallen. Sanft segelt es in ihren Schoß und bleibt liegen. Zwischen ihren Schenkeln. Wie ein schweres Versprechen.

Sie schüttelt sich, dreht den Kopf und wendet den Blick ab, schaut zum Fenster. Draußen rieseln weiße Kristalle vom Himmel, tanzende Fragen auf der Suche nach Erdung. Unaufhaltsam schieben sie sich aus den Wolken herunter. Legionen glitzernder Leiber, so weich und so messerscharf. Wenn sie jetzt die Terassentür aufmacht und sich auf die schneebedeckten Fliesen stellt, werden die kleinen Feinde tausend Stiche gegen sie führen. Und in tausend Tropfen wird sie sich ausgießen, rot auf weiß. Ein verlockender Gedanken. Sie steht auf und lässt per Schalterdruck die Rolläden herunter.Lehnt ihre Stirn an das kühle Glas. Eine Ader aus Blei klopft an ihre Gedanken.

Sie ist bereit. Er kann kommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s