Frau ohne Gefühle IV

„Liebe, sehr verehrte Frau von Kühl, ich muss Ihnen schreiben, weil ich gerade Ihren Roman Schneckenhaut gelesen habe. Ich bin ganz ehrlich – noch nie zuvor habe ich ein Buch so sehr mit allen Sinnen, ja, verschlungen. Es lässt mich nicht mehr los. Es verfolgt mich in meinen Träumen. Nachts wache ich auf und trage den Geschmack Ihrer Worte auf der Zungenspitze. Ach was, das schreibt Ihnen sicher jeder zweite Verehrer. Aber ich, ich schmecke nicht nur Ihre Sätze, ich koste ihren geheimen Hintersinn. Ich weiß, was sie nicht geschrieben haben. Ich kenne den dunkelsten Ursprung jeder Silbe, die Sie verschwiegen haben. Ich muss Sie  – nein, nicht kennenlernen. Ich weiß bereits, wer Sie sind. Aber Sie. Sie müssen mich treffen. Haben Sie Geduld. Auch, wenn es Ihnen schwer fällt. Ich werde Sie zu finden wissen. Im geeigneten Moment. Warten Sie. Auf mich.“

Marisa C. – nachdem sie das erste Mal die Bestsellerliste im Spiegel angeführt hatte, ersetzte sie den Rest ihres Nachnamens durch einen schlichten Punkt – kräuselte die Stirn. Sie bekam im Durchschnitt zehn Leserbriefe pro Tag. Drei wollten ihr Buch signiert haben, vier wollten mit ihr Kaffee trinken, einer wollte sie ermorden – aus Eifersucht. Und zwei wollten ihre genaue Adresse, um ihr eine Torte oder einen selbstgehäkelten, mit Arsen getränkten Pullover zu schicken. Oder so. Sie zerknüllte das blassblaue Papier, hob träge die Hand und zielte mit spitzen Fingern auf den Papierkorb. Aber dann hielt sie ihre Bewegung an. Wie in Zeitlupe zog sie den ausgestreckten Arm wieder an. Ließ das Papierbällchen in ihren Schoß fallen. Und schloss die Augen.

„Ich muss nachdenken. Ich muss……“ Etwas in diesem Brief machte ihr Angst. Sie fühlte es. Sie wusste es. Aber es gelang ihr nicht, es zu benennen. Noch nicht. „Ich muss nachdenken….“

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4 Kommentare zu “Frau ohne Gefühle IV

  1. mara sagt:

    ich werde es überleben! *tapferbin* 😀
    und freue mich auf die fortsetzung. ich überlege gerade, ob ich meinen heiß ersehnten fantasyroman auch so schreibe; dass da leute sind, die das dann gleich lesen, motiviert mich ja irgendwie (als so ganz allein im kämmerlein…),
    liebe grüße

  2. mara sagt:

    hui, hatte ich schon erwähnt, dass ich fortsetzungskrimis ganz, ganz furchtbar finde? die bücherkrimis lese ich meist in einem zug durch und wenn ich das nicht schaffe, immerhin noch schnell die letzten 20 seiten…

    • Mariannemüller sagt:

      Also ich finde Fortsetzungsgeschichten ganz gut…. nur nicht im Fernsehen, weil wenn ich da eine Folge versäumt habe kann ich sie nicht angucken. Aber hier steht ja immer alles da. wenn du nicht immer warten willst kannst du auch einfach erst später wieder auf den blog gehen, zum Beispiel. Also mir gefällt’s. Kommt heute abend die nächste Folge? Ist denn der Briefeschreiber derselbe wie der Leser in dem unheimlichen Buchladen?

    • mariebastide sagt:

      oooch liebe mara, das tut mir LEID!!! weißt du, das ist für mich die einzige möglichkeit, den krimi überhaupt zu schreiben 🙂 – denn ich erfinde wirklich jede folge sozusagen „á la minute“, denkfrisch kommt sie auf den weblogtisch :-))))) …. und nur portionsweise finde ich zwischen arbeiten, texten, bügeln, kochen, gassigehen, mutter umsorgen, mit dem sohn kommunizieren und – ach ja, auch mit den restlichen männern und frauen in meinem leben – die zeit dazu…. hast du geduld mit mir? oder aber ich machs so wie marianne empfohlen hat und schicke dir die gesamtfassung…. hast du noch ein paar jahre zeit? :-)))))) glg von maarie

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