Frau ohne Gefühle III

Schnecke„…..Schneckenhaut…“ . Er ist ein Mann, und was für einer. Er könnte jeden Morgen in einem Gebirgsbach baden, alternativ duscht er eiskalt. Er trinkt seinen Kaffee schwarz, und er scheut sich nicht, über den Tassenrand zu flüstern: „ich bin ein Sünder“. Er hat einen Stier bei den Hörnern gepackt, im glutheißen Sand der Maestranza in Sevilla. Er fasst eine Vogelspinne  – im Zoo – an den Beinen. Ein ganzer Mann. Eben.

Aber als er in dem staubigen Halbdunkel des vergessenen Buchladens stand und diesen Einband auf der Innenfläche seiner Hand spürte, glitt ihm dessen kühler Glanz durch die Haut ins Blut und schoss ihm wie ein kalter Blitz in den Kopf. „Schneckenhaut.“ Nichts hasste er mehr. Nichts flößte ihm solchen Ekel ein wie die glitschig glatte, klebrig feuchte Haut der nackten Schnecken.

Seit er als dickes Kind verzweifelt genug war, um die Herausforderung von Holger (groß und schlank mit braunen Augen weichen Haaren und absolut glatter Haut) anzunehmen, wacht er immer wieder nachts auf, schweißgebadet. Mit verklebten brennenden Händen. Wie damals. Mit zähfließendem Schleim zwischen den Zähnen, auf der Zunge, überall.  Schnecken schmecken nach nichts. Aber das Gefühl ihrer Haut kann sein Körper nicht vergessen.

Schneckenhaut. Jetzt klebt das Buch an seinen Gedanken. Er hat es mitgenommen, fasziniert von dem Ekel, den der Einband in ihm ausgelöst hat. „Zwanzig Mark“ stand mit Bleistift auf der ersten Seite. Er fischte zehn Euro aus der linken Hosentasche, in der er sein Wechselgeld trägt. Legte es auf den Tresen und schlug die Ladentür zu. Innen fiel die Glocke auf die Fliesen. Ein Stückchen Kitt rieselte grau auf den Bürgersteigschnee. Es dämmerte. Zwei Stunden hatte er allein in dem seltsamen Raum verbracht. Er sehnte sich nach Menschen. Nach rotwangigen, braungebrannten, solariumgetönten Wesen mit zartem Duft und dem Geschmack nach Mandeln auf ihrer Haut. „Mein Leben ist eine Hautsache“, dachte er in einem Anflug von Sarkasmus. Und beschloss, sich an ihr zu rächen. Mit ihrer Schneckenhaut.

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Ein Kommentar zu “Frau ohne Gefühle III

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