Sarrazin oder die Sache mit den Genen

Die Medienwelt ist ja sehr schlicht gestaltet. Einschaltquoten und Auflagenzahlen regieren die Titel. Und Thilo Sarrazin bringt beides. Wir können ihm seit Erscheinen seines Buches nicht entrinnen. Auf jeder Frequenz und aus jedem Blatt schallt uns der Name entgegen. Ist ja auch wohlklingend. Sarrazin. Woher kommt der eigentlich? Der „Stern“ hat letztes Jahr recherchiert, dass der Banker und vielleicht bald Ex-SPDler einer sabäischen Familien entstamme, die über Nordafrika und Spanien nach Frankreich gelangt sei und sich dort mit Hugenotten „vermischt“ habe. Und legt für „sarrazin gleich sarrasin“ zwei Namensbedeutungen nahe. Erstens: eine Person, die zur muslimischen Bevölkerung des Mittelalters gehörte, zweitens:  Buchweizen. Gleich, für welche der beiden Bedeutung man sich entscheidet: genetisch einwandfrei ist das alles nicht. Na und?

Im Gegensatz zu vielen selbst- oder fremdernannten Kommentatoren und Kritikern der zugegeben provokanten Sarrazinschen Äußerungen gebe ich gar nicht erst vor, das Buch gelesen zu haben. Nicht einmal in Auszügen. Ich bin – und ich stehe dazu – ein Kritiker aus zweiter Hand. Ein Verwerter der Fremdkritiken, sozusagen. Allerdings werde ich auch dort schon fündig.

Ein Aufreger ist der Mann ja schon lange. Hat sich über Kopftuchträgerinnen geäußert und über Migranten ohne Schulabschluss. Nichts Neues, also. Auch den Mund hat er sich bereits mehrfach verbrannt, damit. Dass er seine Stimme diesbezüglich nun wieder erhoben hat, um sein Buch zu promoten, wirft für mich zunächst einmal nur die Frage auf, an welchem Wendepunkt in seinem Leben er stehen mag, um einen beruflichen Neuanfang so explizit herauszufordern. Hat diese Frage schon mal jemand gestellt? Oder beantwortet?

Nun zum Inhalt. Mittelbar, wie schon gesagt. Offensichtlich spaltet sich die rezipierende Öffentlichkeit in zwei Lager. Das eine ist empört, entsetzt, beschämt. Fühlt sich einerseits verpflichtet, sich bei allen Migranten und vor allem der gesamten restlichen Welt zu entschuldigen für das deutsche Nachkriegsvolk, das in keiner Weise so denkt wie Sarrazin. Und bemüht sich andererseits, umgehend Aktivitäten zu entwickeln, um die angeblich doch bereits hervorragend gelungene Integration der Migranten zu befördern. Oder hilfsweise Erklärungen für deren Scheitern zu suchen, bevorzugt bei den Deutschen bzw. sich selbst.

Dieses Lager besteht in erster Linie aus CDU-Politikern – kein Wunder! – Sozialwissenschaftlern und Sozialpädagogen. Das andere Lager besteht, so hat es den Anschein, aus einem recht hohen Prozentsatz an „Otto-Normalbürgern“ und  – erfolgreich integrierten Migranten! Zu dieser Gruppe darf ich mich übrigens selbst zählen. Und ich kann sagen, dass mir die türkische Anwältin bei Anne Will sowas von aus dem Herzen gesprochen hat mit ihrer Antwort auf des Berliner Bürgermeisters einfältigen Einwurf, er sei „am Nachmittag nochmal durch meinen Kiez gegangen und hab deutsche Penner gesehen und daneben sehr viele integrierte Migranten.“ Allein diese beeindruckende Anzahl türkischer Gemüsehändler, so Wowereit.

Ich finde, spätestens seit der Verballhornung des Ärzte-Hits „Junge“ sollte man sich eine andere Vorzeige-Kategorie als Integrationsbeispiel suchen! Das meinte auch die türkische Anwältin. Denn in den Gemüseläden würden unzählige Familienangehörige umsonst schuften. Von Integration sei da wenig zu spüren. Ähnlich äußern sich auch meine Freunde aus dem Kosovo. Sie haben gerade die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, nach erfolgreich bestandenem Test. Sie fanden es ganz normal, dass sie ihre Kenntnis des deutschen Staats unter Beweis stellen sollten. Und sie ärgern sich über die Mitschüler ihrer Tochter, die, ebenfalls in der zweiten Generation, weder Interesse an der Schule noch an einem Abschluss zeigen.

Einzelfälle? Mag sein. Aber ich stelle fest, dass es gerade die erfolgreich integrierten Migranten sind, die die mangelnde Integrationsbereitschaft gewisser ausländischer Bevölkerungsgruppen als störend empfinden, ja, als ungerecht. Und die, vielleicht zum Erstaunen hartgesottener Sozialpädagogen, nicht der Meinung sind, dass zu wenig getan würde, von städtischer und staatlicher Seite, um dabei zu helfen, hier Fuß zu fassen.

Die Wahrheit mag in der Mitte liegen. Sarrazins Statistiken stimmen. Er stellt sie womöglich in einen gefährlichen Zusammenhang. Ich glaube nicht, dass er Überfremdungsängste schürt. Oder höchstens bei einer irrelevant geringen Minderheit. Ich glaube aber, dass er, wie populistisch und eigennützig auch immer, etwas in Gang gebracht hat, was schon lange darauf wartete, bewegt zu werden: Die Frage nach dem Wie der Integration in Deutschland. Denn bei rapide ansteigender Überalterung haben wir faktisch nur eine Chance, wollen wir nicht schon in 50 Jahren eine Population 60plus sein. Wir müssen zum Einwanderungsland werden.

Das bedeutet aber, wir müssen die Menschen nicht nur einladen, bei uns zu arbeiten  – insofern wären Überlegungen, 60er Jahre-Modalitäten für Gastarbeiter wieder aufzuwärmen, ein fataler Schritt in die falsche Richtung. Wir müssen die Menschen aus anderen Ländern dazu bringen, nicht als Ausländer hier zu leben, sondern zu einem festen Bestandteil dieses Landes zu werden. Das ist keine Utopie. Das klappt. In Amerika. In Kanada. Sogar in Italien. Warum nicht hier? Allerdings könnte es sein, dass mit erfolgreicher genereller Integration die Probleme der Migranten so weit zurückgingen, dass die mit ihnen befasste Zahl an Sozialpädagogen zwangsläufig schwinden würde. Die müssten sich dann andere Betätigungsfelder suchen. Im Zeichen des demographischen Wandels mit dem steigenden Bedarf an Betreuung in– wie ausländischer Seniorinnen und Senioren fänden sich da ganz sicher viele Beschäftigungsmodelle.

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4 Kommentare

4 Kommentare zu “Sarrazin oder die Sache mit den Genen

  1. Heiner sagt:

    Man kann zu Sarrazin sagen, was man will, aber die Verkaufszahlen seines Buches sprechen für sich. Er bedient ein bestimmtes Klientel und dieses dankt ihm die Vorlagen mit hohen Verkaufszahlen des Buches. Ob diese Klientel eine aussterbende ist, wie es in diesem Freitagblog (http://www.freitag.de/community/blogs/michael-angele/der-sarrazin-leser-als-pantoffelheld) behauptet wird, wage ich aber zu bezweifeln. Der gleichen Statistik ist auch zu entnehmen, dass ein großer Teil der Käufer unter 30 ist, somit konservieren sich die Einstellungen des Sarrazin auch in der nächsten Generation.

  2. fraitak sagt:

    Korrekt wenn Schreiben leben ist, dann is Lesen wohl schlafen, grins und semantische
    Fußspuren kleine Wegweiser, Rechtbeschreibung schön doch wahre Intention besser.
    Geht schon dein Artikel. Aber ein großes Problem is doch das manche nur Lehrer werden weil ihnen nichts einfällt sie keine wirkliche Vorstellung vom Leben haben, das sie erleben wollen. Naja ich finde Bildung für alle Super, wäre toll wenn du dir vorstellen könntest so etwas mit zu Initiieren. Carpe noctem werte Dame

  3. fraitak sagt:

    Um Menschen zu fördern musst du von den Menschen auch fordern mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und dazu gehört auch mehr für Demokratie
    und Rechte einzutreten,so zusammen so Mensch und so Wobei ich leider auch dazu sagen muss das ich nicht wenige türkische Mitbürger aus Frankfurt kenne die eben gerade nicht die besten Chancen gegeben sind, wenn sie einen ihrem akademischen Grad entsprechende Stellung suchen,
    was auch an mit einer Entfremdung des gehobenen Bürgertums gegenüber manchen Etnien
    beziehungsweise ihres Wohnortes zusammenhängt. Türke is ja nich gleich Türke, Mensch nicht Mensch. Aber muss ich doch zu meinem bedauern zugeben, das manche junge besser situirte deutsche Menschen die ich treffe, die obwohl es eines 60% Ausläderanteils in Rhein Main Frankfurt, ihnen keinerlei Kultureller Kenntnis ihrer migrationsbetroffenen Mitbürgern innewohnt. Schlichtweg denken das sind doch sowieso alles nur Dönerbuden-Nähereinen etc Besitzeraußer zwei drei und die sind mir egal. Abgsehen davon das sie nicht in Sven Väths Club reindürfen, total … aber egal.
    Die Frage die sich wenn überhaupt wohl auftut wäre doch einander näher zu bringen und mal auch im großen Rahmen zu Sagen was mag Deutscher, was mag Imigrant. Exemplarisch für das ganze muß man ja wohl sehen was uns voneinander Entfremdet und nich so en Mist wie in der DFB Nationalmanschaftswerbung, klar sind WIR Alle Deutschland. Manche Mistkäfer ob es auf der Strasse oder in der Politik ist härter an die Kandarre zu nehmen, ist ja in vielerlei Hinsicht nicht die Frage, wer aber auf Mafiöse Art dem Sozialbetrug den Weg-Hilfestellung gibt dem sollte man auch auf demokratische hart aber faire Art zeigen das er der richtige Arsch ist. Wenn wir wirklich was ändern wollen müssen wir auch mal als ein Volk aus was für Kanacken auch immer, ich bin selber einer, zusammenstehen.
    Was Menschen näher bringt ist Humor und ich glaube das haben wir deutschen Türken/Russen/Polen/Deutschen… noch nicht verstanden, solange man aber meint das geht den anderen nix an, scheise, du deins ich meins. Leider hat der Lupo recht wenn er sagt uns geht die Kultur verloren, der humanismus geht verloren, das zu Wissen ergo auch zu Sagen, die Vernunft. Wer gibt denn den Kindern die Vernunft nicht der Staat, nicht ihre Eltern,
    nein der Begriff als welchen sie sich erachten, ihre realität von Zukunft in der Welt
    und die macht der Erectus, der wahre Prolet, das nicht vorhandene Ehrgefühl zu sich selbst, kaputt. Nur die zu denken die Welt ist schlecht, man macht das wir uns schlecht fühlen und dagegen hilft Liebe, Offenheit und eine eigene Meinung und nich das was der eben der sagt.
    Warum jetzt gewählte Moslems den Islam an der Uni als schlecht befinden, weiß ich leider nicht. Sollte man wohl mal recherchiren, aber Islamischer Religionsunterricht ist schon lange fällig, is sage da nur Schetan, können Kartoffeldeutsche noch was lernen.
    Primat der Politik braucht auch echte Primaten und nicht nur Juristen. Den was Paragrafen mit Menschen machen lernt man ja schon bei Asterix und Obelix.
    Die Deutsche Bank brennt noch net und wenn die Menschen aber bald merken wie der Hase läuft kriegt vielleicht auch mal der Richtige vom Falschen aufs Maul, net das der net wüßte und so. Am End is das sowiso alles scheiss Egal. inhumani veritas
    Aber das weiß der Polt vieleicht noch besser, der alte Kanack.
    Zinsarabim

    Moritz

    • mariebastide sagt:

      Hallo fraitak, späte Antwort, aber immerhin! In der staden Zeit finde ich Muße für’s Wesentliche :-). Bildung für alle initiieren? Heute wird die neueste Pisa-Studie veröffentlicht. Ein klares Bild oder ein Zerrspiegel? Ich denke letzteres! Es stimmt, und die Medien greifen es auf: Lehrer müssen besser ausgewählt werden. Aber das ist der letzte Schritt. Zuvor müssen Schüler zum Lehrerberuf motiviert werden. Aber von wem? Von den demotivierten Lehrkräften der Gegenwart? Da beißt sich die
      Katze in den Schwanz..

      Integration hat wenig mit Migration und alles mit Sozialisation zu tun. Und die bröckelt. Hier gilt es anzuknüpfen. Und Kinder zu motivieren, sich bilden zu WOLLEN. Mach ich da mit? Gerne. Wo fangen wir an?

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