Mein Kampf

Das Gedächtnis meiner Mutter ist wie ein Aprilhimmel. Oder ein Junihimmel. In diesem Jahr. Sie lehnt in der Tür, so klein und faltig in Gesicht und Hosen. Der Rückzug ist nicht nur innerlich. Auch dem draußen entzieht sie sich immer mehr, in einem globalen Schrumpfungsprozess. Vergessen das Drama vor einer Stunde. Worum ging es noch? Medikamente? Das Auto? Der Hund? Sie schaut mich an. Sagt: „Weißt du, wenn ich in deiner Situation wäre und meine Mutter hätte diese Krankheit (sie vermeidet den Namen, umgeht und umschreibt ihn, schützt Vergessen vor, wobei dies vielleicht ihr letztes erinnertes Wort sein wird, so, wie ich sie kenne), dann würde ich Mitleid mit ihr haben. Ich würde sie bewundern dafür, wie stark sie ist, wie sie um ihre Unabhängigkeit kämpft! Aber du….“

Ihre Stimme bricht, trockene Tränen hängen unter den frisch gefärbten Augenbrauen. „Wenn du wüsstest, wie hart ich kämpfen muss! Mein Leben habe ich mit meinem Kopf verdient! Und jetzt das! Ich habe viel gelesen, über diese Krankheit. Da sterben die Zellen ab. Die Wissenschaft ist so weit, aber dafür haben sie noch kein Gegenmittel gefunden. Es ist so schrecklich schwer für mich. Ich weiß, ich habe Glück, dass ich das erst jetzt bekommen habe. Ich bin die älteste in der Gruppe. Trotzdem!“ Sie weint, und in mir zerbricht das Kind. Wenn ich Hunger hatte. Angst. Wenn ich wissen wollte, wie man etwas schreibt. Wenn ich jemanden zum Diskutieren brauchte. Oder einen wirklich weisen Rat. Kam ich zu ihr. Wie eine Matrioschka wurde sie weniger. Jahr für Jahr. Zeit um Zeit. Keine Diskussionen mehr. Keinen Rat. Kein Essen. Keinen Trost.

„Du musst nicht kämpfen, Mama. Das tun wir für dich! Du musst dich nur auf Dinge konzentrieren, die dir wirklich wichtig sind. Bei den anderen, den unwichtigen Sachen lass dir ruhig helfen. Und bündele deine Kraft. Die Medikamente? Warum dich mit der Auswahl belasten. Der Spaziergang ist wichtig! Komm, hast du Lust auf Kreuzworträtsel?“ „Kreuzworträtsel helfen nicht gegen die Krankheit.“

Sie dreht sich um, geht in ihr Zimmer. Stellt sich an die Kommode und sortiert die leeren Medikamentenschachteln zu Babylontürmen. Untröstlich ungetröstet.

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