Antwort auf das AfD-Outing einer FB-Bekanntschaft

Geht ein Ruck durch Deutschland? Oder ein Riss? Im Kreise meiner FB-Bekannten kommt es zu öffentlichen Bekenntnissen zur AfD. Einzelfälle, zum Glück. Aber dennoch bedenklich, da die plakative, eigentlich ganz offensichtlich auf Fake-News, Angstmache und demagogischer Fehlargumentation basierende Taktik auch bei denkenden Menschen auf fruchtbaren Boden fällt.

Ich gebe zu – es ist „komod“, die Dinge einfach zu nehmen, undifferenziert und so, wie wie sich beim ersten Lesen oder Hinschauen präsentieren. Nachfragen, Quellen recherchieren, Statements vergleichen und Widersprüche aufdecken ist zeitraubend. Aber zuweilen unabdingbar. Jetzt, vor der Wahl, ist ein solch kritisches Verhalten gegenüber Leuten, die einem weißmachen wollen, es gäbe auf komplexe Sachverhalte einfache Antworten, und diese begännen immer mit „Deutschland zuerst“, überlebenswichtig für unsere Demokratie.

Auf der Suche nach der Frage, wie es passieren kann, dass Menschen ihren kritischen Verstand und ihr angeborenes Urteilsvermögen im Angesicht nationalistischer Äußerungen auf Plakaten („Neue Deutsche? Machen wir selbst“, „Bunte Vielfalt? Haben wir schon“, „Burka? Ich steh mehr auf Burgunder“, „Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche“) und beinahe strafrechtlicher relevanter Äußerungen (Politiker entsorgen, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ etc.) abgeben, habe ich eine vorläufige Antwort gefunden: Das sind Menschen, die den Wunsch haben, der Abziehbilderwelt der Werbung zu glauben, die alles wahr und weiß und schön und einfach macht – und jeden und jede zum glücklichen Mittelpunkt einer sauberen Welt. Alles, was stört, muss weg.

Leider vergessen diese Menschen, dass wir aus purem Zufall in einem Land leben, in dem wir – ja! – genug zum Leben haben und KEINER verhungern MUSS, in dem auch Armut ein Niveau hat, von dem 90% der Weltbevölkerung nur träumt, in dem wir unsere Meinung frei äußern können (NOCH), auch, wenn sie regelrecht menschenfeindlich ist, in der wir nicht Gefahr laufen, „einfach so“ von Raketen, Granaten, Landminen getötet zu werden etc. etc. etc. In einem Land, dessen Menschen auch deshalb so gut leben, weil dieses Land von Kriegen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten anderer Länder profitiert. Wenn diese Menschen, auf der Flucht vor von uns mitverursachter Armut, von uns mit geschürtem Krieg bis zu uns kommen, sollen sie entsorgt werden?

In einer globalen Welt gibt es nicht mehr das Recht darauf, klein und national zu bleiben und zu leben. Und paradoxerweise lebt genau die Partei, die die nationale Rassenenklave stilisiert, fast ausschließlich durch das Internet – globaler Meltingpot par excellence!

Statt Buhmänner und Buhfrauen zu suchen, müssen wir uns alle der Tatsache stellen, dass in einer globalen Welt nur globale, komplexe Antworten weiterhelfen. Beim Klima, bei der Armutsbekämpfung, bei der Migration. Wir können nicht expandieren und exportieren, wo und wie es uns passt, aber nichts hereinlassen. Im Zeitalter der Digitalisierung ist die Vorherrschaft der Weißen Rasse kein Naturgesetz. Mehr. Natürlich müssen wir darauf achten, dass in Deutschland niemand in der Entwicklung zurückgelassen wird. Aber passiert das denn wirklich? Meine Beobachtung ist, dass diejenigen, die jammern und schreien, selten die sind, denen es wirklich besser gehen müsste. Natürlich müssen wir die Renten anheben, mehr Kitas bauen, Mieten senken, Pflege sichern.

Vor allem müssen wir in Bildung investieren, denn da liegt die Crux! Nur, wenn jeder versteht, dass ein Sozialstaat vom Engagement jedes Einzelnen lebt und nicht von einer sozialen Gießkanne – denn woher sollte da was fließen?, nur dann kann das soziale Niveau weiter so hoch gehalten werden, wie es jetzt ist. Wir sind de facto bereits ein multikulturelles Land, und schon heute zahlen Menschen mit dem unterschiedlichsten kulturellen Hintergrund Steuern. Diese Entwicklung wird weitergehen. Sie ist nicht aufzuhalten – hoffentlich. Denn sonst geht es unserer Gesellschaft bald sehr schlecht.

Ja, die Welt wird anders werden. Das war aber schon immer so. Und auch in Deutschland wird sich nichts rückwärts entwickeln, der AfD zum Trotz. Nur fände ich es schade, wenn wir diese „Gestrigen“ nicht mitnehmen würden, denn sie gehören dazu, und eine Demokratie wird mit ihnen fertig. Im Gegenteil – sie stärken die Stimme der Vernunft!

Aber, C. (Name der FB-Bekannten), es gibt keinen sozial, menschlich oder politisch tragfähigen Grund, die AfD zu wählen. Diese Partei ist nachweislich rechtsradikal. Du kannst Dein Anderssein in jeder anderen Partei ausleben – wenn es demokratisch orientiert ist. Wenn nicht, findest Du in einem demokratischen System vielleicht keinen Dir genehmen Platz und solltest Dich nach einem Staat umschauen, in dem die Vorherrschaft des Weißen Mannes als Naturrecht noch gelebt wird.

Mir fällt da keiner ein.

Advertisements

Schwarzer Blog

 

Frankfurt am Main, November 1981. In der Rohrbachstraße kesseln Polizisten Demonstranten ein, die friedlich gegen den Ausbau der 3. Startbahn des Frankfurter Flughafens protestieren. Zuvor hatten ein paar Punks Schaufensterscheiben eingeschlagen und waren danach geflüchtet. Ebenfalls verflüchtigt hatten sich Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die die Demonstration angeführt hatten. Übrig blieben junge und alte Frauen und Männer, Jugendliche, die allesamt keinerlei Erfahrung im Umgang mit Polizeigewalt hatten. Einige versuchten, von den Beamten die Namen zu erfragen, andere blieben einfach stehen und hielten die Arme hoch. Ich nicht. Von einem 2 Meter hohen Garagendach in einem Hinterhof, dessen Gitter wir in unserer Panik niedergedrückt hatten, sah ich zu, wie Polizisten unten meiner Freundin mit Schlagstöcken das Trommelfell zertrümmerten, am Boden liegende Wehrlose mit Tritten bearbeiteten. Mehrere Demonstranten wurden an diesem Abend schwer verletzt.

Der Frankfurter Kessel ging in die Annalen ein. Kaum ein Polizist konnte belangt werden, weil ihre Namen nicht bekannt waren. Allerdings wurde der Frankfurter Magistratsdirektor Alexander Schubart wegen Nötigung der Landesregierung (§ 105 StGB) und des Aufrufs zur Gewalt zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und aus dem Staatsdienst entlassen.

In diesen Zeiten wurde der „schwarze Block“ geboren. Aus einer Vielzahl von Motivationen heraus. Eine davon: der Selbstschutz. Auch ich, damals Theologiestudentin, auch Kommilitonen und Professoren, die mitdemonstrierten, auch wir schützten uns gegen Tränengas, gegen Wasserwerfer, schließlich gegen Schlagstöcke. Wir hatten keine Mollies und keine Steine. Wir wollten „nur“ keine Startbahn West und das Recht, unseren Protest zu äußern.

Natürlich gab es an vielen anderen Orten ebenso viele unterschiedliche Beweggründe, Radikalisierung als Phänomen der nicht akzeptierten Unterlegenheit im demokratischen System. Natürlich gab es die auf Krawall gebürsteten Punks. Die Gelegenheitsrowdies, die Demotouristen. Aber „den“ schwarzen Block gab es nicht.

Typisierungen zur Vereinfachung von Sachverhaltsdarstellungen kennen wir aus den Medien. Da werden aus Asylbewerbern, anerkannten wie abgelehnten, geduldeten und oder im Berufungsverfahren befindlichen, Asylanten. Aus einer komplexen Geldwaschmaschinerie werden einfach die „Panama-Papiere“. „Vereinfachung, Ent-Förmlichung und neue kognitive Herausforderungen gehen Hand in Hand“ (Journalistikon). Wenn also die Medien vom „schwarzen Block“ sprechen und schreiben, ist das für sie ein Handwerksmittel. um mit zwei Worten zu sagen: Mehrere oder viele Leute mit Gewaltpotential und ähnlicher Kleidung, die die Erkennung und Identifizierung erschwert. Das ist irreführend, aber ok. Für die Medien.

Wenn Politiker und Polizei solche Verkürzungen übernehmen, entsteht dahinter eine Theorie. Wie bei den Nafris. Und Theorien bergen die Gefahr der „Entpraxifizierung“. Dabei ist praktisches Handeln das einzige, was der Gewalt Einhalt gebieten kann.

Der schwarze Block ist eine Formation, die auf Demonstrationen genutzt wird. Von Menschen unterschiedlicher Motivation. Die einen wollen ihre Kritik an der Gesellschaft, an westlicher Gesellschafts- und Wirtschafts- und Lebensform ausleben und dabei den demokratisch vorgegebenen Rahmen ausschöpfen. Ich erinnere daran, dass im „schwarzen Block“ auch Unvermummte laufen, wie zuletzt auf den Bildern vom #G20 gesehen. Andere wollen ihn überschreiten. Wieder andere wollen destabilisieren. Und einige schließlich wollen zerstören. Hinter all diesen Beweggründen liegen persönliche Geschichten. Entweder, wir kriegen diese Menschen und holen sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurück, oder…… ?

Wie haben es hier, so sehe ich es, mit zwei, drei, vier differenzierten Phänomenen zu tun. Einmal der Widerstand gegen als ungerecht, konsumistisch, umwelt- und menschenverachtend angesehene Staaten. Dieser Widerstand besteht zum Großteil aus jüngeren Menschen mit einen gewissen Bildungsgrad – es ist das gleiche Potential, das im Laufe der Jahrhunderte gezündelt und Revolutionen angestoßen hat. In Frankreich, in Russland, in Deutschland, im Iran, in der Ukraine, in den arabischen Ländern. Wenn es gelingt, werden sie zur neuen Staatselite, und das Karussell dreht sich von vorne. Wenn nicht, werden sie entweder kriminell oder kriminalisiert.

Dann gibt es die Schläger, die Gewalttouristen. Auch sie eine historische Erscheinung, nur, dass in einer globalen Welt die Wege kürzer sind. Von der Antike bis heute sind sie brandschatzend durch die Lande gezogen, mit dem Ziel persönlichen Lustgewinns an der Zerstörung. Sie haben KEINE definierte politische Visionen und keine Alternativen, sind weder „links“ noch „rechts“, sondern einfach und aus Prinzip „dagegen“.

Neu – und der Medienvielfalt geschuldet – sind die vielen passiven digitalen Gaffer und Kommentatoren. Angeheizt durch News, ob Fake oder echt, die den Medien maximale Zugriffe sichern sollen, blaffen sie sich durchs Netz, und ihre Meinungen, bar jeder tieferen Reflexion, multiplizieren sich mit jedem geteilten Klick. Sie sind es, die die Stimmung in der „Masse“ prägen und bewegen. Und sie sind die eigentliche Unwägbarkeit, sie sind es, die mir echte Angst machen. Deutsche Massen sind etwas braungefährliches, das wissen wir aus leidvoller Erfahrung.

Und ich erwarte vom „deutschen Volk“ einfach mehr Besonnenheit beim pauschalen Verurteilen von Gruppen, egal welcher Couleur. Ich erwarte vielleicht zuviel. Aber ich rücke nicht davon ab.

Und dann gibt es da noch die Planer. Die Strategen. Welche Rolle sie spielen, liegt im Planungsdunkel und ist deshalb um so mehr Stoff für (Verschwörungs-)Theorien. Von der RAF bis zum NSU, vom Baader-Meinhof-Prozess bis zur Rohrbachstraße und dem Schanzenviertel. Die Fragen werden aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Vielleicht nur Generationen später. Welche Risiken werden kalkuliert, welche Kollateralschäden in Kauf genommen, für welches Ziel?

Fakt ist: letztendlich ist es immer die eine, große, tiefe Auseinandersetzung zwischen Macht und Ohnmacht.

Nur wer beide verbindet, aushält, ausgleicht, kann einen Schritt weitergehen. Nach vorne!

Hier könnt Ihr Euch über die Rohrbachstraße informieren.

 

 

 

Zeitsalat

Ich stehe in der Küche und schneide Gurke für einen Sommersalat. Draußen Sonne bei über 30 Grad. Drinnen Schatten und Zitronenduft. Ich schneide und rieche und stehe plötzlich in einer anderen Küche, in einer vergangenen, ich dachte vergessenen Zeit. Schneide Gurken für einen Sommersalat, den ich nicht drei Meter weiter auf die Terrasse am Wohnzimmer trage, sondern eine kalte steile durch ungleiche Stufen erschwerte Kellertreppe hinunter, durch eine Waschküche mit eingemauertem Kupferwaschbottich auf die bemooste Terrasse, die einen riesig verwunschenen Garten überblickt, ein Tal und die sanftgrünen Schafhügel gegenüber, jenseits von Bächlein, Sägewerk und Holzlagern.

Plötzlich bade ich im heißen Gefühlsgemisch meiner Twen-Jahre. Enge und Langeweile, Stunden wie Blei à la Margarete von Trotta. Und gleichzeitig der Genuss dieser einfachen Tätigkeit und ihrer Versprechen. Salat und Sommer. Gespräche am Tisch mit meiner Mutter, mit Freunden aus aller Welt, Campari und Aperol und ein Abendbesuch bei meinem Bruder auf dem Weg zum Grab meines Vaters. Eine Zigarette unter der Dunstabzugshaube, Prosecco hinterm Fliegengitter und Spaghetti al pesto um Mitternacht.

Wie und warum habe ich diese Jahre in die Abstellkammer meiner Gedanken geschoben? Heute schlendere ich über’s Tollwood, und vor meinen Augen zerfließt das Bild zu einer Erinnerung, mein Kind und ich stehen vor dem Langos-Stand und um uns herum strömt das Leben in Latzhosen und Patchoulinebel.

Es ist, als wäre der Tod meiner Mutter der Schlüssel, mit dem ich die Tür zur Erinnerung aufsperre. Zu einer Erinnerung ohne Stachel, die meine Vergangenheiten in freundliches Abendrotleuchten taucht. Warum? Kennt Ihr das? Geht es Euch ähnlich?

Wann ist die richtige Zeit, um zu gehen?

Wie alt bin ich?

Über neunzig, Mamma.

So alt? Wie alt werden Menschen?

Ach, immer älter. Es gibt immer mehr Hundertjährige.

Ach nein. Aber eigentlich bin ich alt genug, um zu sterben.

Willst Du denn sterben?

Nein. Jetzt noch nicht.

Dann leb doch noch ein bisschen. Und geh, wenn Du keine Lust mehr hast.

Ach Mamma, warum komme ich nur so schwer damit zurecht, dass Du genau das getan hast, was ich Dir geraten habe? Wann ist der richtige Moment, um zu gehen?

Im Sommer, wenn die Hitze die Wiesen verbrennt und die Luft Feuer fängt? Aber der See lockt mit silbernen Wellen, und Du schwimmst doch so gerne, weltzeitvergessen. Komm, bleib noch hier. Wie soll ich die Trauer durchstehen, ohne Dich neben mir auf der Bank in den lauen Schatten?

Im Herbst, wenn der Sturm die Bäume entblößt und Nebel an ihren narbigen Armen zerrt. Aber bunt wirbeln die Blätter zu Boden, ein seliges Taumeln in rot gelb und braun. Und immer wieder lacht die Sonne so klar als wäre September. Komm, bleib noch hier. Wie soll ich die Trauer durchstehen, wenn ringsherum alles Leben vergeht?

Im Winter, wenn die Tage kalt und dunkel sind? Aber draußen glitzert der Schnee, und drinnen funkeln die Kerzen, und alles duftet nach Gewürzen und Geheimnissen. Komm, bleib noch hier. Wie soll ich die Trauer durchstehen, in dieser unwirtlichen Jahreszeit?

Im Frühjahr, wenn die Hoffnung blüht und die Bäume hellgrün leuchten? Aber im Garten tanzen die Tannen im Wind, und weiße Wolkenschwäne schwimmen im Himmelblau ihre Kreise. Komm, bleib noch hier. Wie soll ich die Trauer durchstehen, wenn um mich herum alles singt, feiert und lacht?

Ach Kind, ich kann doch nicht bis in Ewigkeit leben, nur, damit Du nicht um mich trauern musst. Einmal kommt die Zeit, ob Du willst oder nicht.

Und nun bist Du gegangen, mitten im Frühlingsschneesturm, an der Schwelle zum Sommer. Zur Unzeit, für mich. Und ich muss die Trauer durchstehen. Freilich ist das der Lauf allen Lebens. Aber meiner Tränen Lauf ändert das nicht.

 

 

Wo Du bist?

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. „Ciao Mamma“ denke ich und schlucke die Worte. Statt Deiner tapsenden Schritte schleicht Stille aus dem Zimmer die Treppe hinunter und umfängt mich in einer ungewollten Umarmung.

Wo magst Du sein? Irgendwo gefangen zwischen Welten, die Deinem Verstand längst verschlossen waren, diesseits wie jenseits? Oder frei schwebend, endlich wieder alles überblickend? Wo wärest Du gerne? Auf der Bank, den Blick in den himmelhoch ragenden Tannen? Im Hundepark, klatschend und nach Deinen Lieblingen rufend? Nein, am liebsten wärst Du zuhause. Bei Dir. Fünf Jahre lang hast Du Dich danach gesehnt, in in unserem Gästebett, auf dem schmalen Stadtbalkon, Eibennadeln kehrend im Gartenwinkel. „Es ist Zeit, dass ich nach Hause fahre“, hast Du gesagt, in den ersten vier Jahren. Und dann „Ich möchte nach Hause. Ich habe doch ein Haus, oder?“ Und schließlich: „Hatte ich nicht ein eigenes Haus?“ Und ich, als liebevolle Gefängniswärterin, schüttelte den Kopf: „Nein, Mamma, das ist lange her.“ Oder ich, als ungeduldige Aufseherin: „Das Haus ist schon lange verkauft. Du hast nur ein Zuhause, und das ist hier!“ Dein Kopfschütteln, Dein fragender Blick, Dein in-Dich-versinken.

Du fehlst mir. Aber den Schmerz dieser Leere würde ich gerne verdoppeln, in dem Bewusstsein, dass Du wieder so sein kannst, wie Du warst, vor der Auflösung Deiner Gedanken. Das wünsche ich Dir, nein, ich wünsche es mir. Ich möchte Dich gerne so sehen, frei, unbeschwert, hüllen- und grenzenlos. Ich möchte Dich gerne so fühlen, als warmen Hauch in meinem Haar, als zarte Berührung von irgendwoher.

Ostern. Unfassbar?

Die Auferstehung ist für den menschlichen Geist unfassbar. Aber Ostern macht das Unmögliche wahr. Und ich meine nicht den sprechenden tanzenden Osterhasen, der während der Fastenzeit über die Bildschirme grünt, türkist und lilat. Es ist leicht, sich über das Leben zu freuen, wenn wir es in leuchtenden Farben genießen. Aber wie steht es um unsere  Frühlingsgefühle, wenn wir sie in Relation setzen zur Vergänglichkeit? Wenn um uns herum mitten im Aufblühen der Natur das Leben welkt?

Wenn uns angesichts eines fröhlich gedeckten Ostertisches die Galle hochkommt, weil über den Fernseher statt eines „Frohe Ostern“-Rufes aus Rom in X Sprachen Bilder von Giftgasopfern flimmern, von Mutterbomben, Mittelmeerleichen und dem Entstehen einer neuen Demokratur vor der europäischen Haustür?

Es fällt schwer, dem Osterruf der tatsächlichen Auferstehung keinen zynischen Klang zu geben. Im besten Fall werde ich belächelt von Mitmenschen, die mutmaßen, der Umgang mit einer Demenzkranken habe auf mein Urteilsvermögen auf ein spekulatives Maß reduziert.

Aber gerade zu Ostern sollten wir allen zurufen: hört auf, den Tod anzubeten! Kein Mensch wird als Mörder, Attentäter, Rassist geboren. Lasst die Osterbotschaft in Euer Herz. Wir sollten uns zurufen: Lasst uns aufhören, zu denken, dass wir zu wenige sind, um gehört zu werden. Unsere Liebe verändert die Welt. Denn der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Dazu gehört Mut. Mehr Mut jedenfalls, als im Garten bunte Plastikeier aufzuhängen und Kindern beizubringen, im Gras nach prall gefüllten Osternestern zu suchen. Jenseits der Frühlingsriten und Blütenmythen ist für Christen das Osterfest die Erfüllung dessen, was uns zu Weihnachten verheißen wurde. Nein, nicht das Iphone, das wegen eines Lieferengpasses – oder war es ein Kontotiefstand – nicht unterm Gabentisch lag. Die Gewissheit einer Hoffnung – dass nämlich der Himmel kein undurchdringlicher Horizont unserer irdischen Genüsse – und Leiden! – ist, sondern eine Welt, die ganz nah an der unseren ist, spürbar sogar, und zu der wir gelangen können. Nicht mehr und nicht weniger als die Aufhebung der Endlichkeit…..

…zumindest für uns Menschen. Das Iphone wird leider auf der Erde bleiben müssen. Und ich bin mir nicht sicher, ob angesichts dieser Trauerbotschaft nicht viele Menschen lieber auf den Himmel verzichten möchten…… Halleluja.

Heute Abend live im Stemmerhof….. und wannIhrwollt im Blog.

Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich darf den Reigen heute hier beginnen, damit Sie sich nachher noch erholen können und nicht in tiefer Depression nach Hause gehen. Nicht, dass Sie dann auf dumme Gedanken kommen. Also.

Sie kennen den Spruch: trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Deshalb würde ich heute Abend gerne meine eigene, also „unsere“ Statistik machen. Ihr Einverständnis vorausgesetzt….. ok?

Ich stelle Ihnen ein paar Fragen, und Sie antworten mit Handzeichen, alles klar?

  • Wer von Ihnen kennt Edward Snowden? Also nicht persönlich….
  • Wer von Ihnen weiß, wie der neue amerikanische Präsident heißt?
  • Wer von Ihnen findet ihn gut?
  • Wer von Ihnen glaubt, dass innere Sicherheit wichtig ist?
  • Wer von Ihnen glaubt, dass innere Sicherheit das ist, was uns Bürgerinnen und Bürger schützt?
  • Wer von Ihnen ist der Meinung, dass der Staat als oberstes Interesse den Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger hat?
  • Und schließlich:wer von Ihnen glaubt, dass die „innere Sicherheit“ im Zweifelsfall mehr wiegt als die Rechte des Einzelnen?

 Freedom is the right to act. Freiheit bedeutet das Recht, selbst zu handeln.

Das hat Edward Snowden auf einer Videokonferenz letzten Sonntag gesagt. Vor rund 600 Teilnehmern in der Münchner Muffathalle. Ich war dabei. Ich habe gehört, wie er Beweise vorgelegt hat dafür, dass Martin Luther King zwei Tage nach seiner Rede von seinem Traum (I have a dream) von der amerikanischen Regierung als Staatsfeind Nummer eins eingestuft worden ist. Vor schwarzem Hintergrund in einem unbestimmten Raum irgendwo in Russland sagte der Whistleblower mit einschlägiger beruflicher Geheimdiensterfahrung, dass Innere Sicherheit nie die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger eines Landes bedeutet, sondern immer die Erhaltung der aktuellen Machtstrukturen…….

Snowden ist übrigens nicht begnadigt worden, im Gegensatz zu Herrn oder Frau Manning. Ich frage mich, ob Snowden sich nicht auch fragt, wie lange er noch überleben kann. In Russland und überhaupt. Jetzt, wo zwei ziemlich beste Freunde Anstalten machen, die Welt endgültig unter sich aufzuteilen….

Krieg ist in der Welt, und nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten, dritten und vierten, bis heute gewinnbringender als Frieden. Wer die Macht hat, hat das Geld. 8 Leute besitzen mehr als die halbe Menschheit bzw. 3,6 Milliarden Menschen. Die materielle Ungleichheit wächst. Und gleichzeitig war Geld und Besitz noch nie so sexy. Die Medien erklären den Leuten in bunten Bildern, dass die Welt aus Konsum besteht und Konsum der Sinn des Lebens ist. Dass Wäsche weich sein muss und Kaffee süß, dass man jede Mode mitmachen muss und das auch kann, weil Kleidung ja so billig ist.

Geld regiert die Welt. Da ist längst kein blöder Spruch mehr, das ist die Wahrheit. Wer die Macht hat, braucht das Geld, um an der Macht zu bleiben. Und wer das Geld hat, braucht die Macht, um noch mehr Geld zu machen. Ich stelle mir vor, dass Wladimir Putin eines Morgens aufgewacht ist und zum Telefon gegriffen hat und einen amerikanischen Milliardär angerufen hat, mit einem unmoralischen aber unausschlagbaren Angebot. Ich mache dich zum nächsten Präsidenten, und dafür machst du mich zum mächtigsten Mann der Welt.

Tja, und da sind wir jetzt. Geld regiert die Welt. Die Politik, die Medien. Und uns. Geld zerstört die Welt. Die Umwelt, das Wasser, das Land, die Luft. Und uns. Und wir sitzen in unseren Stühlen vor unseren Computern, auf der Sitzlandschaft vor den  TV-Plasmabildschirmen und schauen zu. Klimawandel, Naturkatastrophen, Kriege und Hungersnöte – ist ja fast so spannend wie ein Blockbuster. Darauf noch ein Bier und eine Tüte Popcorn.

Vielleicht beschleicht den einen und die andere von uns das Gefühl, dass da irgend was nicht stimmen kann. Dass das nicht passieren dürfte, dass das nicht so weitergehen kann. Und dann bekommen wir Angst. Angst davor, dass all das Schreckliche aus den Bildschirmen herauswabern und bis zu uns dringen könnte. Wir haben ja erlebt, wie schnell das gehen kann, vorletztes Jahr, diese Flüchtlingsschwemme. Unglaublich. Beängstigend. Und wie haben wir reagiert, in Europa? Wir haben uns den Populisten angeschlossen, die geschrieben haben: Europa gehört uns. Raus mit den Konsumgefährdern. Dabei gehört uns Europa gar nicht. Mehr .Europa gehört dem Geld. Wie der Rest der Welt.

Wir haben keine Flüchtlingskrise, sagt Srecko Horvath, Mitbegründer von Diem25. Wir haben eine Kulturkrise, eine moralische Krise, vielleicht, Aber wenn der Meeresspiegel nur noch um ein paar Zentimeter steigt, wenn die Dürre in Afrika durch Landgrabbing und Fracking sich noch ein bisschen ausweitet, DANN werden wir erleben, was eine Flüchtlingskrise ist. Dann kippt die Wippe von Armut und Reichtum, von Wohlstand und Elend, und plötzlich fallen WIR hinten runter.

Also liegt es doch in unser aller Interesse, vorzubeugen. Einhalt zu gebieten. Aber ach. Die Sofalandschaft ist einfach zu bequem. Und die Medien, RTL und SAT1 und ja, auch ARD und ZDF, die würden uns schon sagen, wenn es soweit wäre, dass wir uns bewegen MÜSSTEN. Tun sie aber nicht.Also bleiben wir sitzen.

Bleiben wir? Einige ja. Aber immer mehr NEIN. Und das, liebes Publikum, ist der Grund, warum ich überhaupt hier stehe, heute Abend. Ich bin nämlich keine Kassandra, ich mag kein Unheil verkünden. Ich bin lösungsorientiert, das lernst du als Krimiautorin als allererstes. Und deshalb sage ich Euch;

Jeder Grashalm hat nur eine kleine Wurzel, aber zusammen bilden sie eine große Wiese.

Es gibt sie, die Bewegungen von Menschen, nicht nur junge, nein, auch alte, so wie wir…. Sie gehen auf die Straße, sie schließen sich zusammen, sie protestieren gegen das Zuviel an Konsum und Macht, sie stehen auf gegen die Politik – und gegen Populisten, die uns glauben machen, dass wir nur eifrig weiter konsumieren müssen, wachsen und exportieren, Waffen und Kriege und Güter, die keiner braucht, und die uns gleichzeitig eintrichtern, dass wir uns einschließen müssen in unser Glashaus aus Wohlstand. Ein Widerspruch, den sie nicht aufklären.

Viele Graswurzeln, überall, in Europa, Amerika, in Asien, in China, und sogar in Afrika. Ja, daraus kann ein Teppich werden. Und endlich hat Globalität einen Nutzen. Mögen sie uns ruhig überwachen, wir vernetzen uns, und sie bekommen das mit. Das macht den einen Angst. Und den anderen Mut.

Und das tut gut! Also ich handle lieber, solange ich noch die Freiheit dazu habe! Und Sie?