Adventskalenderkrimi 2.0. 12 Dezember: Ride on the wild side.

Was war jetzt der Traum? Venedig oder das grade eben hier? Ich drücke meinen Kopf in das Ikeakissen. Erst ein Jahr alt und schon total verklumpt. Billiges Schwedendesign. Ach, waren das Zeiten, als ich in Daunenbetten schlief, die jede Woche frisch und nach Lavendel duftend bezogen wurden. Those were the days, my friend. Aber ich musste ja alles aufgeben, auf der Suche nach mir und meiner verdammten Freiheit. Heute bin ich frei. Ich bin so frei, dass ich nachts in einem Second-Hand-Bett liege, das nach einem Typen riecht, der mitten in unserer ersten gemeinsamen Nacht schon verduftet ist. Große Freiheit! Ich greife um mich, fische eine Zigarette aus der Schachtel. Die letzte. Taste nach dem Feuerzeug. Naklar finde ich es nicht. Was isn das? Glatt und oval und zum Eindrücken. “Scheiße, der hat seinen Autoschlüssel liegenlassen!”

Wie der Blitz springe ich aus dem Bett, in die Jeans, zieh nen dicken Pulli über, Weste drüber, Stiefel und dann nichts wie raus ausm Haus. Ha, Frankyboy. Du hast mir zwar keinen Abschiedskuss gegeben, aber der Schlitten ist mehr wert als tausend Worte. Wenn auch nur unfreiwillig, grinse ich. Sicherheitshalber schleiche ich durch die Hintertür. Komisch, dass er noch nichts bemerkt hat….

Da steht der Porsche. Und blinkt mich vertrauensvoll an. Einsteigen, Gas geben. Und AB geht die POST! Highway to hell and a ride on the wild side! Die Nacht gehört der Straße und mir!

Es dauert einen Moment, bis es mir gelingt, den Rückspiegel so einzustellen, dass mich die gelben Lichter nicht mehr blenden. Da fährt wohl noch einer schlaflos durch die Nacht….

Adventskalenderkrimi 2.0. 9. Dezember: Abgefahren.

Ich zögere. Stehe auf. Drücke mir das Sofakissen vor den Bauch. Wie eine schusssichere Weste. Einen Panzer. “Giiisaaa, hey, was los?” Ich schleiche zum Balkon. Schalte mit einem schnellen Entschluss meine Gedanken ab. Und reagiere aus dem Bauch heraus. Ich öffne die Balkontür, trete zwei Schritte in das schneematschnasse Dunkel. “Ich komme gleich, war nur noch mal kacken”. Ok ich habe die Zeitungswerbung gesehen, damals im Kino. Vielleicht schocke ich ihn damit? Und vor allem keine Verwunderung zeigen! Ich warte auch nicht auf seine Antwort. Schließe die Tür mit, lasse den Hebel fest einrasten. Schlüpfe in Mantel, Mütze, Schal und renne die Treppen runter. Das Flurlicht ist schon wieder kaputt! Meine Finger sind gefühlte zwei Zentimeter von der Haustür entfernt, da geht sie auf. Frau Niederreuther mit Hund, beide grau und betröpfelt. “Nabend”, nuschele ich. “Sie sollten den netten jungen Mann nicht so lange warten lassen. Sonst schnappen wir ihn Ihnen noch weg, gell, Cindy”, sagt die Niederreuther und kichert ihren Hund an. Achsoooo, mein Herz plumpst vom Hals in den Brustkorb zurück. Ich sollte wirklich weniger Krimis anschauen und endlich mal wieder war Gebildetes lesen. Poe vielleicht, oder Schiller. Oder Glauser. “Sorry, dass du so lange warten musstest. Und DANKE, dass du gewartet hast”, hauche ich vielleicht einen Tick zu sanft. “Ist schon ok, das macht dich sehr weiblich”, grinst er. “Aber jetzt hab ich mir nen Glühwein verdient, oder?” “Mindestens”, antworte ich und hake mich mutig bei ihm. “Wenn du willst, können wir auch mit meinem Auto fahren”, sagt Franck. Mit einer betont beiläufigen Handbewegung zielt er auf die Reihe parkender Autos an der Pappelallee. Ein Blinken antwortet. “Wow, DAS ist DEIN Auto?” entfährt es mir, als wir uns dem nagelneuen, silberleuchtenden 911er nähern. “Mann gönnt sich ja sonst nichts”, kontert Franck und ich höre den Stolz in seiner Stimme schwingen. “Bis heute”, setzt er leise hinzu. Aber ich hab’s trotzdem gehört.

Loslassen. Ziehen lassen. Zurückbleiben.

KinderschildEs regnet aus nachtdunklem, gewitterschweren Himmel. Die Rücklichter blitzen wie ein schnelles Lachen, dann ist er weg. Knapp vierhundert Kilometer trennen ihn von dem Wünscheort seiner Kindheit. Der Zuflucht vor Elternstreit und Schulgelächter. Von dem Sofa mit der rein wollenen Decke, dem Allerlieblingsessens-Tisch. Der Märchenmarypoppins seiner Kindheit. Telefonseelsorge, Kummerkasten, Mutmachfrau.

Heute fährt er in die Nacht, gleich doppelt. Zum ersten Mal allein. Und nicht als Gast. Als Kind. Als Schützling. Heute fährt er Richtung Großmama, um aufzuräumen, um zu helfen, um das Chaos zu bannen, wieder monatsweise. Um ein Feuer zu entfachen, ganz weit hinten im dem großen Garten, wo die Tannen nicht mehr hänselgretelhoch über ihm ragen, sondern nur noch Bäume sind mit altem Astwerk, trockenen Nadeln.

Vielleicht erinnert er sich an die Lagerfeuer mit dem Stockbrot und den Steckerlwürstchen, sicher weiß er noch, wie er die Sommertage zwischen Schwimmbadrutsche und Erlebnispark verteilte. Hinten auf dem Kindersitz. Heute sitzt er selbst am Steuer, froh, dass sie ihm das Auto heil und kampflos übertragen hat. Und wird sie morgen durch die Dörfer fahren.

Erwachsen werden heißt, Verantwortung erkennen und nicht vor ihr fliehen.

Ich sitze hier. Die Mutter macht derweil im Omahaus zum x-ten Mal die Gästebetten fertig, schimpft mich herzlos, weil der Enkel nachtfährt, ausgerechnet. Ich sitze hier und schreibe, weil ich lieber neben ihm gesessen wäre. Vor mir sorgenfaltig lange Stunden. Und weiß dabei, dass ich ihn fahren lassen muss, damit er ankommen kann, in seinem eigenen Leben.